Arbeitsgruppe Frauen- und Gleichstellungspolitik

»Wir müssen erkennen, wie gut wir sind«

Interview

»Wir müssen erkennen, wie gut wir sind«

Sabine Seyfert-Hellwig hat in ihrer Bachelorarbeit den Gender Pay Gap in der Physiotherapie untersucht. Im Interview spricht sie über Aufwertung und professionelles Selbstverständnis ihrer Berufsgruppe.

Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin und studiert seit 2013 Pädagogik in Gesundheit und Pflege an der Katholischen Hochschule Mainz. In ihrer Bachelorarbeit hat die 34-jährige sich mit dem Gender Pay Gap in der Physiotherapie beschäftigt. Auch in ihrer Masterarbeit betrachtet Sabine Seyfert-Hellwig die Physiotherapie aus einem frauenspezifischen Blickwinkel. Die Nähe zum Berufsalltag möchte sie aber bei aller theoretischen Auseinandersetzung mit dem Berufsfeld nicht missen, daher arbeitet sie parallel in einer Physiotherapie-Praxis in ihrem erlernten Beruf in Frankfurt am Main.

Das gewerkschaftliche Denken hat die Physiotherapeutin sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen und ist daher früh in ver.di eingetreten. Sobald man jedoch in kleinen Betrieben arbeite, in denen es keine Mitbestimmung gebe, sei es schwierig in den Gremien von ver.di seinen Platz zu finden, sagt sie. Gerade in der Jugend- und Frauenarbeit der Gewerkschaft ist Sabine Seyfert-Hellwig aber auf offene Strukturen getroffen. So war der Weg in die AG Frauen des Fachbereichs Gesundheit und Soziales für die engagierte Physiotherapeutin praktisch vorgezeichnet.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, Physiotherapie, AG Frauen ver.di Sabine Seyfert-Hellwig

Wieso hast Du in Deiner Bachelorarbeit den Gender Pay Gap untersucht?
Frauen- und Gleichstellungspolitik bewegen mich sehr. Es gibt schon viele Untersuchungen, die systemische Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern belegen. Unterschiedliche Entlohnung bei gleicher Qualifikation ist eine dieser Ungleichbehandlungen. In Deutschland beträgt der Gender Pay Gap derzeit etwa 21 Prozent. Er ist auch schon für kleine Betriebe nachgewiesen, in denen es keine Mitbestimmung gibt. Insofern müsste der Gender Pay Gap auch in den ambulanten Bereichen der Physiotherapie, also in den Praxen, zu finden sein. Wir Physiotherapeut*innen beklagen uns zwar immer, dass wir schlecht bezahlt werden, aber ob es zusätzlich konkrete Unterschiede bei den Gehältern von Männern und Frauen in unserem Beruf gibt, wurde bislang noch nicht untersucht. Daher habe ich das Thema aufgegriffen. Und natürlich interessierte es mich auch ganz persönlich, ob ich weniger verdiene als meine männlichen Kollegen.

Wie sind Deine Ergebnisse? Wie sieht der Gender Pay Gap in der Physiotherapie aus?
Vorneweg ist es wichtig zu erwähnen, dass ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit ausschließlich kleine Physiotherapie-Praxen in Frankfurt am Main untersucht habe. Daher kann ich nicht für die gesamte Physiotherapie sprechen. Aber tatsächlich habe ich in Frankfurt a.M. keinen Gender Pay Gap in der Physiotherapie gefunden. Und wenn man nur auf die durchschnittlichen Stundenlöhne blickt, verdienen die Frauen sogar mehr als die Männer.

Höhere Stundenlöhne für Frauen, was steckt dahinter?
In meiner Untersuchung, in der ich 67 Frauen und 31 Männer befragen konnte, lag das Durchschnittsalter der Frauen über dem der Männer. Somit hatten die Frauen auch mehr Berufserfahrung vorzuweisen. Und das ist ein Faktor, der Einfluss auf die Bezahlung hat. Sobald man die durchschnittlichen Stundenlöhne von Männern und Frauen mit gleicher Berufserfahrung übereinanderlegt, sieht das Bild sehr ausgeglichen aus. Dann verdienen die Männer ein paar Cent pro Stunde mehr, aber man kann nicht von einem signifikanten Unterschied oder gar einem Gender Pay Gap mit Gehaltsunterschieden von bis zu 21 Prozent sprechen.

Kein Gender Pay Gap, gibt es dann gar kein Problem?
Das würde ich nicht sagen. Die Stundenlöhne in der Physiotherapie sind zwar recht gleich, aber sie sind für beide Geschlechter einfach sehr niedrig. Ich habe ermittelt, dass der durchschnittliche Stundenlohn in Frankfurt a.M. bei 13 Euro liegt. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit das Gehalt über Zusatzleistungen wie Fortbildungstage oder Tankgutscheine vom Arbeitgeber aufzuwerten. Ob es bei der Zahlung dieser Leistungen Ungleichheiten bei den Geschlechtern gibt, habe ich leider nicht herausgefunden. Eindeutig ist aber, dass auch in Frankfurt a.M. die Frauen wesentlich häufiger in Teilzeit arbeiten als ihre männlichen Kollegen. Und damit sinkt natürlich auch der Bruttolohn, was sich wiederum auf das Leben der Frauen und auf ihre Rente auswirkt. Auch in der Physiotherapie sind die Frauen daher also häufiger als Männer darauf angewiesen, eine/n Partner*in mit einem guten Verdienst an ihrer Seite zu haben, um ihre Existenz abzusichern. Aber mit einem Stundenlohn von 13 Euro sind wir sowieso alle gefährdet in der Altersarmut zu landen. Das Risiko potenziert sich natürlich, wenn jemand in Teilzeit arbeitet, um z.B. Kinder oder Angehörige zu versorgen.

Wie kann man diesem Problem begegnen?
Um diese Frage zu beantworten, finde ich es hilfreich zunächst einen Blick auf die Geschichte der Physiotherapie zu werfen. Gegen 1900 wurde die erste Heilgymnastische Lehranstalt für Frauen gegründet. Und zwar von einem Arzt. Damals war schon klar, hier wird zu einem Hilfsberuf ausgebildet, der sich auf Attribute bezieht, die klassischerweise Frauen zugeschrieben werden: pflegen, helfen, betüdeln. Und das ist der Grundstein unseres Berufes. Bis in die 1970er-Jahre war die Ausbildung in Deutschland nur für Frauen zugelassen. Auch heute noch ist die Physiotherapie ein Beruf, der zu zwei Dritteln von Frauen ausgeübt wird. Derzeit sind die eigenen beruflichen Handlungsentscheidungen stark eingeschränkt: Ohne ein Rezept von einem Arzt oder einer Ärztin auf dem die Behandlungsanweisung steht, dürfen Physiotherapeut*innen keine Patient*innen behandeln. In dieser Frage müssen wir mutiger werden und den Direktzugang erproben. Unser Ziel ist dabei, die Versorgungsqualität zu verbessern. Das stärkt auch das eigene Selbstverständnis, indem wir eigenverantwortlich Entscheidungen treffen können. Hinzu kommt, dass sogenannte Frauenberufe immer auch mit geringer Bezahlung zu kämpfen haben, dafür gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege.

Führt ein verändertes professionelles Selbstverständnis zu mehr Anerkennung?
Es ist wichtig, schon zu Beginn der Ausbildung ein Selbstverständnis vermittelt zu bekommen. Nur wenn ich weiß, wer ich als Physiotherapeutin bin, kann ich anfangen für unseren Beruf einzustehen und Verbesserungen zu erreichen. Anerkennung, gerade wenn sie auch monetär stattfinden soll, muss erkämpft werden. 

Ich selbst stehe der Entwicklung der Physiotherapie zu einem reinen, grundständigen Studium skeptisch gegenüber. Denn ich bin der Meinung, dass die Physiotherapie ein Handwerk ist und die schulisch-praktische Ausbildung nicht komplett durch ein Studium ersetzt werden kann. Allerdings benötigt die Ausbildung eine bundeseinheitliche Struktur, die auch alle Kompetenzen abbildet, die dieser Beruf zur Ausübung benötigt. Die Akademisierung zur Kompetenzerweiterung, sei es in der Pädagogik oder im Management, finde ich wichtig und richtig. In diesen Bereichen sind sowohl ein berufsbegleitendes als auch ein ausbildungsbegleitendes Studium für mich gute Lösungen. Gerade die Weiterbildung, auch im wissenschaftlichen Bereich, führt zu mehr Anerkennung.

In Deutschland ist mit der Vollakademisierung die Hoffnung verknüpft, die Ausbildungsinhalte der Physiotherapie zu vereinheitlichen. Denn bisher ist die Ausbildungsqualität bei uns sehr heterogen. Viele meiner Kolleg*innen gehen davon aus, dass es mit der Akademisierung auch zu einer Aufwertung der Physiotherapie kommen würde und die Emanzipation von der Ärzteschaft gelingt. Das sehe ich nicht so. Ich denke, dass wir Physiotherapeut*innen die Aufwertung durch eine Kompetenzerweiterung und durch gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen vorantreiben müssen.

An welche Ebenen der Aufwertung denkst Du da?
Zunächst einmal müssen wir Physiotherapeut*innen für uns selbst einstehen und erkennen, wie gut wir sind! Wir dürfen nicht nur meckern, sondern müssen professioneller auftreten. Wir sind schon auf einem guten Weg und machen die Situation der Physiotherapeut*innen z.B. auf Demonstrationen öffentlich. Zusätzlich sollte auf der politischen Ebene etwas passieren: Wir brauchen einfach wesentlich mehr Geld. Apropos Geld: das Schulgeld in der Physiotherapie sollte flächendeckend abgeschafft und eine Ausbildungsvergütung eingeführt werden. Längst überfällig ist es, zeitgemäße Ausbildungsziele zu haben, die Qualifikation der Lehrkräfte zu stärken und eine qualitative Praxisanleitung zu gewährleisten. Außerdem ist die Physiotherapie nicht im Berufsbildungsgesetz verankert. Ein weiteres Problem, das nur politisch angegangen werden kann. Und auf der dritten Ebene müssen die Arbeitsstrukturen geändert werden. Wir wollen weg von der Arbeit wie am Fließband, die uns im Viertel-Stunden-Takt neue Patient*innen beschert. Darunter leidet die Qualität der Behandlung und es entspricht auch nicht den aktuellen Ausbildungsstandards. Und das führt unter anderem auch dazu, dass wir derzeit von einem Fachkräftemangel sprechen müssen. Hier schließt sich noch mal der Kreis zur Akademisierung. Wenn die Physiotherapie zu einem reinen, grundständigen Studiengang wird, nehmen wir auch Realschüler*innen die Möglichkeit, unseren Beruf zu erlernen. Und die Ausbildungszahlen gehen heute schon zurück.

Siehst Du eine Möglichkeit die Ausbildung für junge Leute wieder attraktiv zu machen?
Gute Frage, also ich persönlich will zumindest deswegen gerne in die Lehre, um das berufspolitische Interesse der Jugend zu wecken. Denn sie sind diejenigen, die aufstehen müssen für ihre Anliegen, auch wenn die betriebliche Arbeit in kleinen Physiotherapie-Praxen bislang recht mühselig ist. Bestes Beispiel dafür ist die Bewegung #unbezahlt, die die jungen Kolleg*innen selbst angestoßen und Tarifgeschichte geschrieben haben. Insgesamt aber muss natürlich nicht nur die Vergütung, sondern auch das Ansehen der Physiotherapie steigen. Und das nicht nur in der Physiotherapie, sondern in allen Gesundheits- und Sozialberufen. Denn wir alle sind Teil des Gesundheitssystems und kämpfen mit ähnlichen Problemen. Darum liebe ich auch die Arbeit in der AG Frauen- und Gleichstellungspolitik so. Denn wir stehen zusammen und treiben gemeinsam mit Kolleg*innen unterschiedlichster Fachrichtung die Bewegung für mehr Aufwertung im Sozial- und Gesundheitswesen voran. Ich denke, das ist der richtige Weg, um auch die Physiotherapie wieder attraktiver zu machen. Für Jung und Alt.

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