Versorgungsbarometer

»Wir wollen ein deutliches Signal setzen«

»Wir wollen ein deutliches Signal setzen«

Gisela Neunhöffer shift/studio für verdi Gisela Neunhöffer  – Gisela Neunhöffer arbeitet in der ver.di-Bundesverwaltung für den Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.

Halbzeit beim Versorgungsbarometer: Seit dem 8. März – und noch bis zum 12. Mai – befragt ver.di Beschäftigte im Gesundheitswesen zu ihrer Arbeitssituation und den Bedingungen für eine gute Versorgung. Warum diese Befragung?

Trotz mancher Berichterstattung während der Corona-Krise sind die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege und in den Krankenhäusern für viele, die nicht dort beschäftigt sind, immer noch ein blinder Fleck. Gerade wenn es nicht um Ausnahmesituationen, sondern um den Alltag geht. Dieser ist häufig geprägt von Personalknappheit. Wir wollen deutlich machen, welche verheerenden Konsequenzen dies teilweise hat – sowohl für die Arbeitssituation der Kolleg*innen als auch für die Versorgung der Patient*innen, Bewohner*innen und Betreuten. Es muss klar werden: Personalnot und Überlastung im Gesundheitswesen sind nicht nur ein Problem der Beschäftigten, sondern der gesamten Gesellschaft.

Darauf wollen wir auch mit Blick auf die Bundestagswahl hinweisen. Es ist in den vergangenen Jahren zwar viel über die Situation gesprochen worden, vor allem über die Pflege. Aber bei den Beschäftigten vor Ort ist keine wirkliche Verbesserung angekommen. Es geht zudem nicht nur um die Situation der Pflegekräfte. Wir sprechen mit der Befragung ganz bewusst alle Berufsgruppen an, die medizinischen und therapeutischen, aber auch und gerade die sogenannten Servicebereiche. Denn für eine gute Versorgung sind alle wichtig.

Es werden Beschäftigte aus Krankenhäusern, Psychiatrien, Servicebereichen und der Altenpflege befragt. Wie ist die bisherige Resonanz?

Leider können die ver.di-Aktiven wegen der Pandemie in vielen Einrichtungen die Befragung nicht direkt vor Ort durchführen. Daher läuft viel mehr digital, hier können die Fragen online beantwortet werden. Zum Glück sind wir inzwischen viel besser vernetzt als noch vor einem Jahr, so dass sich bereits mehrere tausend Beschäftigte beteiligt haben. In vielen Einrichtungen werden auch unsere Excel-Tools genutzt, die eine direkte Auswertung für die Station oder den Bereich ermöglichen. Die gibt es bei den Gewerkschaftssekretär*innen vor Ort. Über diesen Weg kommt der Rücklauf erfahrungsgemäß erst kurz vor Einsendeschluss. Klar ist: Wir wollen aus möglichst vielen Einrichtungen möglichst viele Einträge, damit die Ergebnisse große Aussagekraft haben und wir sie gezielt zum Beispiel nach den verschiedenen Hilfefeldern, Trägergruppen, Bundesländern oder nach anderen Kriterien auswerten können.

Grafik Versorgungsbarometer ver.di Versorgungsbarometer: Sag uns, wie es ist!

Was nützt es den Beschäftigten, wenn sie sich die zehn Minuten Zeit nehmen, um die Fragen zu beantworten?

Beschäftigte können ihre Situation beschreiben und uns per Kommentar auch ihre Erlebnisse oder Beispiele zukommen lassen. Wir werden natürlich breit über die Ergebnisse informieren, das ist ja auch spannend: Wie sieht es anderswo aus? Wenn sich viele aus einem Betrieb beteiligen, ist es zudem möglich, eine Auswertung für die betriebsinterne Diskussion zu machen. Betriebliche Interessenvertretungen und ver.di-Vertrauensleute können diese nutzen, Anstöße für Veränderungen zu geben. Aber vor allem: Jede*r kann dazu beitragen, dass wir ein deutliches Signal setzen, welche Konsequenzen Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und die Gesundheitsversorgung in diesem Land haben. Und damit im kommenden Bundestagswahlkampf deutlich machen, dass wir echte Veränderungen brauchen, die bei den Beschäftigten auch ankommen.

Am 12. April 2021 haben Krankenhausbeschäftigte im ganzen Land für bedarfsgerechte Personalvorgaben demonstriert. Die nächsten Proteste sollen am Internationalen Tag der Pflegenden, dem 12. Mai, und zur Gesundheitsministerkonferenz am 15. Juni stattfinden. Was ist da geplant?

Große bundesweite Veranstaltungen sind wegen der Pandemie immer noch schwierig. Am Tag der Pflegenden wird es dezentrale Aktionen vor Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen geben. Dabei werden die Beschäftigten vor allem auf die Notwendigkeit bedarfsgerechter Personalbemessung verweisen, aber auch auf die Forderung nach neuen Finanzierungssystemen sowie nach einem Ende der Ausgliederung von Servicebereichen. Den Tag nutzen wir auch als Abschluss der Befragung zum Versorgungsbarometer – da legen wir einen echten Endspurt hin. Bei der Gesundheitsministerkonferenz im Juni werden wir die Ergebnisse des Barometers präsentieren. Es ist noch unklar, ob die Minister*innen sich in Präsenz treffen oder digital, der ursprüngliche Tagungsort Bamberg ist abgesagt. Egal wo sie sind: Wir werden da sein. Das Gesundheitswesen gibt es überall – und uns auch!

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat immer wieder versprochen, die Bedingungen in der Pflege zu verbessern. Aber in den Betrieben ist davon nichts Spürbares angekommen. Was ist die Konsequenz daraus?

Die Vorschläge liegen auf dem Tisch, und nicht erst seit gestern – ob die PPR 2.0 für die Krankenhauspflege oder das Personalbemessungsinstrument in der Altenpflege. Auch in Bezug auf die Finanzierung ist klar: Das System der Fallpauschalen im Krankenhaus und das PEPP-System in der Psychiatrie gehören abgeschafft. Stattdessen muss die Finanzierung wirklich am Bedarf ansetzen. In der Altenpflege brauchen wir die Solidarische Pflegegarantie und spürbar höhere Löhne. Wir erwarten von Jens Spahn noch in dieser Legislaturperiode klare Signale, dass diese Dinge endlich angepackt werden.

Aber es ist auch klar: Die Politik wird dann reagieren, wenn wir deutlich sichtbar sind und noch mehr Druck machen – indem wir nicht nachlassen, Aktionen machen wie das Versorgungsbarometer, für Entlastung und mehr Personal streiten wie aktuell zum Beispiel an den Berliner Krankenhäusern. Das ist auch eine Frage der Organisierung jedes und jeder Einzelnen. Nur gemeinsam werden wir diese Anliegen durchsetzen. Die Stärke muss aus der gewerkschaftlichen Organisierung in den Betrieben kommen. Das kommt nicht von allein.

Kontakt

  • N.N.

    Psych­ia­tri­sche Ein­rich­tun­gen, Ser­vice­be­trie­be