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Bis Tränen fließen

Altenpflege und Krankenhäuser

Bis Tränen fließen

Der Zeitdruck in der Alten- und Krankenpflege verschleißt die Beschäftigten
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In der Alten- und Krankenpflege sind die Arbeitsbedingungen weitaus stärker von Zeitmangel und zu hoher Arbeitsmenge geprägt als im Durchschnitt aller Berufsgruppen. Das zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Beschäftigtenbefragung von ver.di und DGB. Die Beschäftigten hetzen sich ab und machen letztendlich Abstriche bei der Arbeitsqualität. Viele fühlen sich deswegen schlecht.

„Ich bin sehr froh, dass es diese Studie jetzt endlich gibt“, sagt Tanja Döring, Beschäftigte in der Altenpflege. „Die Studie untermalt das, was wir schon die ganze Zeit sagen.“ Nämlich, dass die Beschäftigten in der Pflege an ihren Grenzen sind. Dana Lützkendorf, sie arbeitet in der Krankenpflege, bestätigt, die Situation habe sich in den letzten Jahren immer weiter verschlechtert. Durch den Arbeitsdruck und die Arbeitshetze hätten viele Beschäftigte am Ende einer Schicht das Gefühl, ihre Arbeit nicht geschafft zu haben. „Ich weiß von Pflegekräften, die standen nach dem Spätdienst vor der Tür und haben geweint.“

Hasten ohne Pause

Hektik und Abstriche bei der Arbeitsqualität sind Alltag in der Kranken- und Altenpflege, so die Auswertungsergebnisse: Der Anteil der Krankenpflegerinnen und -pfleger, die sich bei der Arbeit oft gehetzt fühlen, liegt laut Studie bei 80 Prozent, in der Altenpflege bei 69 Prozent und im Schnitt aller Berufsgruppen bei 55 Prozent. 49 Prozent der Beschäftigten in der Krankenpflege sagen, dass sie Abstriche bei der Qualität machen müssen, um die anstehenden Arbeitsmengen bewältigen zu können. 42 Prozent in der Altenpflege und 22 Prozent im Durchschnitt aller Berufsgruppen. Angesichts dieser Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass sich nur wenige Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege vorstellen können, bis zur Rente in dem Beruf so weiterzuarbeiten: Nur 23 Prozent der Beschäftigten in der Krankenpflege glauben, das bis zum Ruhestand durchzuhalten, 20 Prozent sind es in der Altenpflege und 48 Prozent im Durchschnitt aller Berufs­gruppen.

„Viele Beschäftigte sind erschöpft und werden krank, viele haben Angst“, berichtet Dana Lützkendorf aus dem Klinikalltag. Regelmäßig würden Lückendienstpläne geschrieben und mit Leiharbeitskräften besetzt. Für Pausen sei nur selten Zeit. Und ständig müssten Kolleginnen und Kollegen aus dem sogenannten Frei zurückgeholt werden und einspringen, weil einfach zu wenig Personal da sei.

Obendrauf kommt, dass es sich in der Pflege häufig um körperliche Schwerstarbeit handelt. Drei von vier Pflegebeschäftigten müssen zum Beispiel häufig schwer heben und tragen. Sie nehmen bei der Arbeit eine ungünstige Körperhaltung ein, arbeiten in der Hocke, mit den Armen über dem Kopf oder stemmen Patienten. Auch die Lage der Arbeitszeiten ist belastend durch Schichtarbeit, Arbeiten am Wochenende, in den Abendstunden und in der Nacht.

Bis zur Selbstaufgabe

Der Klinikalltag kann in vielen Fällen nur deshalb aufrechterhalten werden, weil die Beschäftigten immer wieder spontan einspringen und dadurch ihre Interessen und ihre eigene Gesundheit hintenanstellen. Dabei sind sie hin- und hergerissen zwischen dem Anspruch, gute Pflege leisten zu wollen, und der Notwendigkeit, sich im Klinikalltag verausgaben zu müssen, um das zu schaffen. Genau da setzen die Arbeitgeber an und nutzen das Engagement der Beschäftigten gnadenlos aus, denn die Identifikation mit der Aufgabe ist überdurchschnittlich hoch: 94 Prozent der Beschäftigten in Pflegeberufen meinen mit ihrer Arbeit einen wichtigen ­Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Dagegen sind es nur 67 Prozent im Durchschnitt aller Berufsgruppen.

Auch Dana Lützkendorf sagt, sie sei Pflegekraft geworden, weil das ein „sehr schöner, hoch anspruchsvoller und herausfordernder Beruf“ sei und die Arbeit mit Menschen und im Team Spaß mache. Deshalb könne man über viele schlimme Dinge hinwegsehen. Nichtsdestotrotz habe sie beobachtet, dass sich die Situation in den letzten Jahren immer weiter verschlechtert habe. Menschen würden immer mehr zu Kostenfaktoren.

„Statt den Beschäftigten in der Altenpflege und in den Krankenhäusern den roten Teppich auszurollen, verschleißen die Arbeitgeber deren Gesundheit“, sagt Sylvia Bühler, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand zu den Umfrageergebnissen. Sie fordert, der Gesetzgeber müsse endlich Vorgaben für die Personalausstattung machen und eine gute und sichere Versorgung gewährleisten. „Wenn nachts in der Geriatrie eine Pflegekraft allein 24 Patientinnen und Patienten versorgen soll, ist das staatlich legitimierter Pflegenotstand“, so Bühler (siehe dazu auch ­Bericht auf Seite 3 zu den Pflegeunter­grenzen).

Die Bedingungen für die Beschäftigten müssten schnell und umfassend verbessert werden, fordert auch DGB-Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Professionelle und hoch motivierte Beschäftigte dürften nicht länger unter solchen Arbeitsdruck gesetzt werden. „Das treibt sie in die Selbstausbeutung und schreckt Berufseinsteiger ab.“ Doch in Zukunft würden noch viel mehr Fachkräfte gebraucht, die dazu bereit seien, in der Pflege zu arbeiten, so Buntenbach.

Überwiegend Frauen in Teilzeit

Für die Sonderauswertung waren Daten des DGB-Index Gute Arbeit aus den Jahren 2012 bis 2017 zusammengefasst worden. Bei dem Index handelt es sich um eine regelmäßige Beschäftigtenbefragung zur Arbeitsqualität. 84 Prozent der Befragten zur Situation in der Alten- und Krankenpflege sind Frauen. Die Teilzeitquote liegt bei 45 Prozent, das heißt, die Beschäftigten haben weniger als 35 Stunden Arbeitszeit die Woche. Die Ursachen für die ­verkürzten Arbeitszeiten liegen im überdurchschnittlich hohen Arbeitsdruck und Zeitmangel. Das weiß auch Dana Lützkendorf aus dem Klinikalltag zu berichten: „Als Folge des Arbeitsdrucks machen viele Beschäftigte Teilzeitarbeit“, sagt sie.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der ver.di Publik.

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