Mehr Personal

Kein Organisationsversagen?

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Kein Organisationsversagen?

Nach Todesfällen wegen falscher Medikamentenabgabe wird eine Krankenpflegerin in Göppingen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Trägt der Arbeitgeber keine Verantwortung?

Die Verwechselung von Medikamenten hat in der Klinik am Eichert im baden-württembergischen Göppingen zwei Todesopfer gefordert. Dafür verantwortlich gemacht wird nun allein die Krankenpflegerin, die in der betreffenden Nacht Dienst hatte. Obwohl die Staatsanwaltschaft die erhebliche Arbeitsbelastung als eine Ursache des fatalen Irrtums benennt, sieht sie kein Organisationsversagen des Arbeitgebers. ver.di übt daran scharfe Kritik.

Grafik Nachtdienstreport ver.di Grafik Nachtdienstreport  – Die personelle Unterbesetzung im Krankenhaus gefährdet Menschenleben. ver.di fordert deshalb unter anderem, dass keine Pflegekraft mehr nachts allein arbeiten muss.

Das Amtsgericht Göppingen hat die Krankenpflegerin Ende Januar 2019 wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in drei weiteren Fällen zu einer einjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie einer Geldstrafe verurteilt. Im September vergangenen Jahres hatte sie mehreren Patient*innen versehentlich falsche Medikamente verabreicht. Die Staatsanwaltschaft wies in ihren Stellungnahmen auf die »erhebliche Arbeitsbelastung« und den hohen Zeitdruck hin, dem die Pflegerin während der Nachtschicht ausgesetzt war – und widerspricht damit der Klinikleitung, der zufolge es ausgesprochen ruhig auf der Station zugegangen sei. Dennoch gibt die Ermittlungsbehörde allein der Pflegekraft die Schuld an den Ereignissen. Sie leitet kein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen der Klinik ein, weil sie »keinen Anfangsverdacht für ein Organisationsverschulden« des Arbeitgebers erkennen könne.

»Mit diesem Urteil haben es die Pflegekräfte nun amtlich: In einer Überlastungssituation tragen sie alleine die Verantwortung«, kritisierte Irene Gölz, die bei ver.di in Baden-Württemberg für das Gesundheitswesen zuständig ist. Angesichts der dramatischen Personalnot in den Krankenhäusern sei das niemandem mehr zumutbar. »In letzter Konsequenz führt dieses Urteil dazu, dass Pflegekräfte in Überlastungssituationen künftig immer eine Gefährdungsanzeige stellen müssen.«

Auch Gisela Neunhöffer von der ver.di-Bundesverwaltung legte Pflegekräften als Reaktion auf das Urteil erneut nahe, Überlastungssituationen mittels Gefährdungsanzeigen zu dokumentieren. Arbeitgeber dürften darauf nicht mit Repressalien reagieren, betonte die Gewerkschafterin und verwies auf ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Niedersachsen, das das Asklepios-Klinikum Göttingen kürzlich zur Rücknahme von Abmahnungen gegen zwei Krankenpflegerinnen verurteilte, die mittels Gefährdungsanzeigen auf ihre Situation hingewiesen hatten.

»Unser Beileid gilt den Angehörigen der Verstorbenen. Unsere Solidarität gehört der Kollegin und ihren hunderten Kolleginnen und Kollegen, die Nacht für Nacht im Stress der Überlastung durch Unterbesetzung den gleichen Fehler begehen könnten«, erklärte Neunhöffer. Der Fall belege erneut den politischen Handlungsdruck. Der Zusammenhang zwischen Personalausstattung und Versorgungsqualität sei wissenschaftlich erwiesen. Auch die Pflegekräfte selbst berichten zum Beispiel im ver.di-Nachtdienstreport davon, dass es bei Alleinarbeit – insbesondere auf großen Stationen – deutlich häufiger zu gefährlichen Situationen kommt. »Davor müssen die Patientinnen und Patienten, aber auch die Beschäftigten geschützt werden – durch verbindliche und am Pflegebedarf orientierte gesetzliche Personalvorgaben«, forderte Neunhöffer.

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Kontakt

  • Irene Gölz

    Lan­des­fach­be­reichs­lei­te­rin Ba­den-Würt­tem­berg

    0711 / 887 880 330

  • Gisela Neunhöffer

    Psych­ia­tri­sche Ein­rich­tun­gen, Ser­vice­be­trie­be

    030/6956-1842