Mehr Personal

Nicht müde werden

Personalmangel

Nicht müde werden

Die Beschäftigten in der Pflege haben schon viel bewegt. Aber sie lassen nicht locker, bis sie bekommen, was sie immer noch fordern: bundesweit gute Arbeitsbedingungen und eine gesetzliche Personalbemessung.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, Krankenhaus, Pflege, Patricia Kühfuss In ihrem Projekt „Nicht müde werden“ hat die Fotografin Patricia Kühfuss Pflegekräfte bei ihrer Arbeit begleitet.

Deutschlandweit benötigen die Beschäftigten in der Pflege vor allem eines: Entlastung. Denn: In Deutschland herrscht nach wie vor Pflegenotstand. Um dem Mangel an Personal zu begegnen, müssen die Pflegeberufe deutlich attraktiver werden. Und zwar hinsichtlich der Personalausstattung, der Arbeitsbedingungen und vor allem in der Altenpflege auch bei den Entgelten.

Allein im Pflegedienst deutscher Krankenhäuser fehlen laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung vom Oktober 2018 mehr als 100.000 Vollzeitstellen. Blickt man auf alle Berufsgruppen, ist der Personalmangel in den Kliniken noch weit dramatischer. Nach Berechnungen von ver.di fehlten schon 2015 mindestens 162.000 Stellen. Dana Lützkendorf ist ­Intensivpflegerin an der Berliner Charité, Vorsitzende des ver.di-Bundesfachbereichsvorstandes Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen und sie weiß, was das bedeutet: „Ich kann meine Patienten nicht mehr so versorgen, wie ich es einmal gelernt habe. Meinem Anspruch an diesen tollen Beruf werde ich kaum noch gerecht.“ Die fehlende Wertschätzung für die Pflege und der enorme Zeitdruck, unter dem die Pflegekräfte ­arbeiten, sind für Dana Lützkendorf der Auslöser gewesen, sich gewerkschaftlich zu engagieren. Vier Jahre Tarifauseinandersetzung mit der Charité folgten.

Im April 2016 unterzeichnete ver.di dann den Tarifvertrag Gesundheitsschutz, der erstmals auch Mindestbesetzungs­regelungen zur Entlastung der Beschäftigten festschrieb. Ein Meilenstein für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Krankenhaus. Inzwischen haben Beschäftigte an weiteren 13 Kliniken mit ver.di Tarifverträge beziehungsweise Vereinbarungen zur Entlastung durchgesetzt. Teils in wochenlangen Streiks. In weiteren Kliniken bereiten sich Belegschaften auf die Auseinandersetzung vor. Bis es gesetzliche Vorgaben zur Personalbemessung gibt, lässt ver.di die Arbeitgeber nicht aus der Verantwortung, für Arbeitsbedingungen zu sorgen, die nicht krank machen. Und Belegschaften vernetzen sich bundesweit, um von den Erfahrungen der Kolleg*innen zu lernen.

Wenn Solidarität groß geschrieben wird

Überregionale Vernetzung sei auch für die Tarifbewegung #unbezahlt einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren gewesen, sagt Denis Schatilow. Der Radiologie­­assistent von der Uniklinik Düsseldorf hat sich vier Jahre lang für die Vergütung der betrieblich-schulischen Gesundheits­berufe eingesetzt. Mit grandiosem Erfolg: Seit dem 1. Januar 2019 erhalten die Auszubildenden dieser Berufe nun erstmalig eine Vergütung, im ersten Ausbildungsjahr schon knapp 1.000 Euro. Der Tarifvertrag vereinheitlicht nun auch Rahmenbedingungen wie die wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 Stunden und setzt Ausbildungsverträge voraus. Auch das war zuvor nicht an allen Kliniken üblich. ver.di habe es ihm ermöglicht, an den Verhandlungen mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) und der Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) teilzunehmen und für die Interessen der Auszubildenden einzutreten, sagt Denis Schatilow. Das war ein Erlebnis: „Die Pflege-Azubis, die eine Ausbildungsvergütung erhalten, haben sich mit unserem Kampf solidarisiert. Da habe ich die Solidarität und die Durchsetzungskraft der Gewerkschaft hautnah erleben dürfen.“

Vorreiter für einen guten Tarifvertrag bei einem kommerziellen Unternehmen der Altenpflege ist „Pflegen & Wohnen“ in Hamburg. Die Beschäftigten haben einen Tarifvertrag durchgesetzt, dessen Entgelttabelle mit der des Tarifvertrags für den Öffentlichen Dienst mithalten kann. Zudem sieht der Haustarifvertrag 30 Tage Urlaub, Zusatzleistungen für ver.di-Mitglieder und Regelungen zum Gesundheitsschutz vor. Gelungen ist diese Aufwertung mit Hilfe eines „hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrades der Belegschaft und viel Kampfgeist“, sagt die examinierte Altenpflegerin Viola Bute.

42 Tage streikten die Beschäftigten durchgängig. Die Pflegekräfte zu motivieren und ihnen die Angst um die Bewohner der bestreikten Einrichtungen zu nehmen, sei unheimlich anstrengend gewesen. „Doch unser Haustarifvertrag kann sich eindeutig sehen lassen“, sagt Bute heute.

Die Regel ist ein solcher Erfolg für die Altenpflege noch nicht. Bisher sind in ambulanten wie auch in stationären Einrichtungen der Altenpflege meist nur wenige Beschäftigte gewerkschaftlich organisiert. Ihre eigenen Interessen stellen sie noch allzu oft für die Pflege­bedürftigen zurück. Deshalb ist die Bezahlung in der Altenpflege auch sehr unterschiedlich. Während die Beschäftigten in kommunalen Einrichtungen das Gleiche verdienen wie in kommunalen Krankenhäusern, verweigern vor allem private Betreiber Tarifverträge. Sie zahlen auch examinierten Pflegekräften meist nicht viel mehr als den Pflegemindestlohn.

Messbarer Erfolg

Dass die zahlreichen Aktivitäten des ver.di-Fachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen aber ihre Wirkung zeigen, lässt sich auch ganz deutlich an der Mitgliederentwicklung ablesen. In den vergangen vier Jahren hat der Fachbereich mehr als 111.000 neue Mitglieder gewonnen – und damit netto einen deutlichen Zuwachs zu verzeichnen. Besonders junge Menschen unter 28 Jahren sind hin­zugekommen: Ende 2018 waren etwa 16 Prozent mehr jugendliche Mitglieder im Fachbereich organisiert als noch vor vier Jahren.

ver.di macht sich auf drei Schienen für die Beschäftigten stark: Neben Tarifverträgen, die für Aufwertung und Entlastung sorgen, ist die Gewerkschaft auch betrieblich aktiv. ver.di ruft die Belegschaften dazu auf, Grenzen zu setzen und ihre Rechte im Rahmen betrieblicher Aktionen einzufordern. Bundesweite Aktionstage wie „Nachtdienstcheck“ und „Hände­desinfektion“ in Krankenhäusern oder Broschüren wie „Mein Frei gehört mir“ setzen Zeichen. Für die Altenpflege organisiert ver.di jährlich zudem den Aktionstag Alten­pflege.

Die viel zu dünne Personaldecke, das Arbeiten ohne Pause und die unzähligen Überstunden sind nur ein Teil der Missstände, auf welche die Beschäftigten bei diesen Gelegenheiten aufmerksam machen. Der Pflegenotstand wird so auch anschaulich. „Wenn viele Menschen über die Situation der Pflege informiert sind, ermöglichen wir damit automatisch eine öffentliche demokratische Kontrolle“, sagt Volker Mörbe. Er engagiert sich seit 41 Jahren gewerkschaftlich und unterstützt die Bewegung für mehr Personal und Entlastung von Anfang an. Der Krankenpfleger am Klinikum Stuttgart sagt: „Mit diesem Pfund können wir wuchern.“

Ab jetzt radikal sozial

„Die Beschäftigten haben schon viel bewegt“, sagt auch ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Und sie lassen nicht nach. Für Aufwertung und Entlastung. Unter dem Motto „radikalSOZIAL“ fordert ver.di ein Gesundheits- und Sozial­wesen, das den Menschen dient und nicht dem Profit. Ein Schwerpunkt der Arbeit wird in den nächsten Jahren bei der Altenpflege liegen. An ihr könne man beispielhaft sehen, sagt Bühler, welche alarmierenden Folgen es hat, wenn ein wesentlicher Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge dem wirtschaftlichen Wettbewerb überlassen wird. „Wir gehen die Ursachen der Fehlentwicklungen an“, so Bühler. ver.di gebe sich nicht damit zufrieden, an Symptomen herumzudoktern.

Dieser Artikel ist erschienen in der ver.di Publik.

 

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