Mehr Personal

Rabatz für gute Pflege

Gesundheitsministerkonferenz

Rabatz für gute Pflege

Gesundheitsministerkonferenz am 21. Juni in Bremen - Wir waren dabei.

»Unser Protest ist nicht zu überhören«, rief Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand den rund 300 Demonstrant/innen zu. Und in der Tat: Der Lärm, den die Beschäftigten aus Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern am 21. Juni vor der Gesundheitsministerkonferenz in Bremen machten, war ohrenbetäubend. Ihre Botschaft: Die Politiker in Bund und Ländern müssen endlich für eine angemessene Personalausstattung im Gesundheitswesen sorgen. Sie bekräftigten diese Forderung mit über 206.000 Unterschriften, die ver.di-Aktive in allen Bundesländern in den vergangenen Monaten gesammelt haben.

Selbst die Bremer Stadtmusikanten hatten sich auf den Weg in die Hansestadt gemacht. Auf der Bühne präsentierten sich Esel, Hund, Katze und Hahn als Beschäftigte aus der Altenpflege. Das Haus der Räuber war in der Geschichte, wie der Gewerkschafter Norbert Proske sie erzählte, die Konferenz der Gesundheitsminister. Nachdem die Tiere ordentlich Rabatz gemacht hatten, flohen die Politiker »aus Furcht noch vor der Bundestagswahl in den Wald hinaus« – und machten den Weg frei für mehr Personal.

Im Hahn-Kostüm steckte Branka Ivanisevic von »Mission Leben« in Frankfurt am Main. Sie hatte auch gleich die »Goldene Bettpfanne« mitgebracht, um sie den Gesundheitsministern zu überreichen. »Als Preis für zu wenig Personal, schlechte Arbeitsbedingungen und ein noch niedrigeres Gehalt als in der Krankenpflege«, erläuterte die Altenpflegerin.

»Die Kranken- und Altenpflege vernetzen sich, denn gemeinsam sind wir stark«, betonte Edna Döscher aus einer Pflegeeinrichtung des »Kieler Stadtklosters«. Ihr zentrales Anliegen: »Arbeit darf nicht krank machen.« Die 60-Jährige möchte bis zur Rente weiterarbeiten und ist nicht bereit, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Deshalb springt sie grundsätzlich nicht mehr ein, wenn sie einen freien Tag oder Urlaub hat. Empörend findet die Gewerkschafterin, dass sie von ihrem tariflosen Arbeitgeber seit zehn Jahren keine Lohnerhöhung mehr erhalten hat. Auch deshalb beteiligt sie sich am Protest.

Die 24-jährige Julia Bauer ist vor allem gekommen, um für mehr Praxisanleitung in der Ausbildung zu demonstrieren. »Bei meinem letzten praktischen Einsatz habe ich überhaupt keine richtige Anleitung bekommen«, so die Auszubildende aus dem Klinikum Bremen-Ost. Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen will sie auch nach der Ausbildung im Beruf bleiben. Anders ihre Kollegin Aileen Hoffmann. »Die Pflege war mein Traumberuf, aber das ist er nicht mehr«, sagt die 23-Jährige. Ständige Überstunden, keine Pausen, oft könne sie nicht einmal auf Toilette gehen. Für eine gute Pflege fehle meist die Zeit. »Wenn sich das nicht ändert, bleibe ich nicht im Krankenhaus.«

Auch für Ellen Groß vom Helios-Klinikum Cuxhaven ist der Personalmangel jeden Tag spürbar. »Die Kolleginnen und Kollegen sind an der Grenze der Belastbarkeit«, berichtet die Krankenschwester. »Der Krankenstand ist hoch, die Leute müssen dauernd einspringen und werden dann selbst krank – eine Abwärtsspirale.« Ständig nur am Personal zu sparen sei der falsche Weg. Besonders kritisch sieht es die Gewerkschafterin, wenn auf diese Weise hohe Gewinne erwirtschaftet werden sollen.

ver.di gebe keine Ruhe, bevor sich die Verhältnisse nicht verändert haben, stellte Sylvia Bühler klar. Die Leiterin des ver.di-Fachbereichs Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen nannte es »ein Armutszeugnis«, dass ein reiches Land wie Deutschland bei der Ausstattung mit Pflegepersonal international mit am schlechtesten dastehe. »Deshalb machen wir hier bei der Gesundheitsministerkonferenz Rabatz. Die Verantwortlichen müssen endlich Verantwortung übernehmen.«

Konkret fordert ver.di in Krankenhäusern ein Sofortprogramm von 20.000 zusätzlichen Stellen, damit keine Pflegekraft alleine auf der Station arbeiten muss und genügend Praxisanleiter/innen für die Ausbildung freigestellt werden können. In der stationären Altenpflege soll eine Pflegekraft für höchstens zwei Bewohner/innen zuständig sein und nachts ebenfalls niemand mehr allein arbeiten müssen. In beiden Bereichen will ver.di bundesweit einheitliche, verbindliche Personalvorgaben durchsetzen. Dafür werde die Gewerkschaft in den kommenden Monaten weiter Krach schlagen, versprach Bühler, denn: »Die Pflege ist ein wunderbarer Beruf – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.«

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