Gesundheitspolitik

Gute Versorgung statt Ökonomisierung

Gute Versorgung statt Ökonomisierung

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat sich mit deutlicher Kritik an der Ökonomisierung im Krankenhaus zu Wort gemeldet. In einem in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (2019; 144: S.990-996) erschienenen Strategiepapier stellt sie klar: »Ökonomische Interessen dürfen (…) medizinische Entscheidungen nicht unangemessen beeinflussen. (….) Unter den jetzigen Rahmenbedingungen kommt es allerdings zunehmend zu Konflikten zwischen betriebswirtschaftlichen Anforderungen und einer evidenzbasierten, patientenzentrierten Versorgung.« Das gefährde die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und belaste sowohl Ärzt*innen und Pflegekräfte als auch andere Beschäftigte des Gesundheitswesens. Die Fachgesellschaften betrachteten diese Entwicklung mit großer Sorge und schlagen ein Bündel von Maßnahmen zur Sicherung einer guten Versorgung vor.

So sollten sich Klinikmanager »vorrangig an qualitativ hochwertiger Patientenversorgung im Sinne des Versorgungsauftrags orientieren, (…) statt sich nur an betriebswirtschaftlichen Zielgrößen (…) auszurichten«, heißt es in dem Papier. Das erfordere eine gemeinsame Krankenhausführung, in der ärztliche und Pflegedirektion der kaufmännischen Leitung auf Augenhöhe begegneten. Zudem sollten fallzahlbezogene oder bonusabhängige Chefarztverträge abgeschafft werden. Vor allem aber: »Die Personalausstattung und die Arbeitsbedingungen von Pflegenden, Ärzten und anderen Gesundheitsberufen müssen eine evidenzbasierte, patientenzentrierte Versorgung ermöglichen.«

In der Frage der Finanzierung fordern die Autoren zum einen eine angemessene Investitionskostenfinanzierung durch die Länder. Zum anderen müssten Fehlanreize im Finanzierungssystem der Fallpauschalen (Diagnosis Related Groups, DRG), »die u.a. zu unangemessenen Leistungsausweitungen und „Portfolioanpassungen“ führen, (…) dringend eliminiert oder zumindest reduziert werden«. Die Erzielung von Gewinnen aus der Gesundheitsversorgung lehnt die Arbeitsgemeinschaft der Fachgesellschaften grundsätzlich ab: »Privat geführte Krankenhäuser sollen ausschließlich im Sinne von Non-Profit-Unternehmen geführt werden.« Aus den für die Patientenversorgung vorgesehenen Beiträgen dürften keine Profite gezogen werden. Zudem plädieren die Fachgesellschaften für eine bedarfsorientierte, sektorenübergreifende Krankenhausplanung mit regionaler Ausrichtung.

»Wir teilen viele dieser Positionen«, erklärt die Leiterin des Bereichs Gesundheitspolitik beim ver.di-Bundesvorstand, Grit Genster. »Der Markt regelt es nicht. Im Krankenhaus muss das Wohl der Patientinnen und Patienten im Vordergrund stehen – nicht die Gewinnorientierung.« ver.di plädiere ebenfalls für eine regionale und sektorenübergreifende Planung, die sich am Bedarf orientiert. In Bezug auf das Finanzierungssystem gehen die Vorschläge der Gewerkschaft allerdings noch einen Schritt weiter. »Es geht uns nicht nur um die Verringerung von Fehlanreizen im Fallpauschalensystem, sondern um eine grundsätzliche Veränderung«, stellt Genster klar. »Das DRG-System als Preissystem sollte durch eine budgetgesteuerte Finanzierung auf der Grundlage krankenhausindividueller Vereinbarungen ersetzt werden.« In diesem Sinne werde ver.di auch in der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigten Debatte über eine Neuregelung der Finanzierung der stationären Versorgung Position beziehen.

Kontakt

  • Grit Genster

    Be­reichs­lei­te­rin Ge­sund­heits­po­li­ti­k. The­menschwer­punk­te: Ge­sund­heits­-, Kran­ken­haus- und Pfle­ge­po­li­tik

    030/6956-1810