Fachkräftemangel

Der Schlüssel: bessere Bedingungen

Fachkräftemangel

Der Schlüssel: bessere Bedingungen

Gute Arbeitsbedingungen sind das zentrale Mittel gegen den Fachkräftemangel: Beschäftigte wären weniger krank, würden ihre Arbeitszeit aufstocken oder in den Beruf zurückkommen.
rennendes Krankenhauspersonal auf Flur vm, istock; drvaray, iStock Nichts wie raus: Qualifiziertes Personal flüchtet aus dem Beruf

Es fehlt an Pflegekräften. Diese schon länger bekannte Tatsache ist in den öffentlichen Debatten dieser Tage allgegenwärtig. Und sie ist durch wissenschaftliche Studien belegt: Allein in stationären Pflegeeinrichtungen fehlen laut Professor Heinz Rothgang von der Uni Bremen rund 115.000 Beschäftigte – Tendenz weiter stark steigend. Und in der Krankenpflege wären für eine bedarfsgerechte Versorgung nach Berechnungen des Gesundheitssystemforschers Michael Simon rund 100.000 zusätzliche Pflegekräfte nötig. Doch wo sollen diese herkommen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt darauf, dass andere das Problem für uns lösen. Er gründete vergangene Woche gemeinsam mit dem saarländischen Ministerpräsident Tobias Hans (beide CDU) in Saarbrücken die Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe, die vom Bund mit 4,7 Millionen Euro bezuschusst wird und dafür sorgen soll, dass ausländische Pflegekräfte schneller nach Deutschland gelockt werden können. ver.di und die internationalen Gewerkschaftsverbände haben schon in der Vergangenheit wiederholt darauf hingewiesen, dass Anwerbungen aus dem Ausland den hiesigen Mangel nicht beseitigen werden und zu einer schlechteren Versorgung in den Herkunftsländern der Pflegekräfte führen könnten. Der Fachkräftemangel müsse vor allem im Inland bekämpft werden – durch mehr und bessere Ausbildung, eine angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. Mehrere aktuelle Studien zeigen, wie groß das Potenzial solcher Maßnahmen ist.

Rückgabe von Schlüssel, Diensthandy und Dienstkleidung Peter Klein Jede/r vierte bricht die Ausbildung zur Pflegefachkraft ab.

Gesundheit verschlissen, aussortiert

»Ich schreibe seit Monaten Bewerbungen an Krankenhäuser mit der Bitte, ob ich denn nicht auch ohne Nachtdienst eine Teilzeitarbeitsstelle auf einer körperlich leichteren Station bekommen könnte – aber nein, ich werde nur abgelehnt, obwohl sie auf allen Stationen Personal suchen«, schreibt uns eine examinierte Krankenpflegerin, die nach 40 Jahren Berufstätigkeit gesundheitlich angeschlagen ist. Sie hatte zwei schwere Bandscheibenvorfälle und leidet an Epilepsie, weshalb sie nicht mehr nachts arbeiten und schwer heben kann. »Ich liebe mein Beruf als Krankenschwester«, betont die 57-Jährige. »Aber wenn der Arbeitgeber nur junge Menschen einstellt, Menschen die 100 Prozent und mehr bei der Arbeit geben, dann hat man als nicht mehr ganz gesunder Mensch verloren.«

Die Kollegin strebt nun eine Teilerwerbsminderungsrente an, ihre Arbeitskraft und ihre Erfahrung gehen der Krankenpflege verloren. Wie passt das zu dem täglichen Gejammer der Klinikbetreiber, sie würden keine Fachkräfte finden? Dass dies kein Einzelfall ist, belegt der Anfang Dezember 2020 veröffentlichte BARMER-Pflegereport, wonach Pflegekräfte doppelt so häufig eine Erwerbsminderungsrente in Anspruch nehmen als der Durchschnitt aller Beschäftigten.

Illustration Fachkräftemangel ver.di/Tom Körner Fachkräftemangel hausgemacht?

»Es ist traurig und erschreckend.«

Viele flüchten aus dem Beruf. So zum Beispiel eine Altenpflegehelferin, die uns schreibt: »Psychische und körperliche Probleme sind vorprogrammiert.« Sie werde den Beruf verlassen. Andere starten enthusiastisch in die Ausbildung – und merken sehr schnell, dass sie nicht auf Dauer bleiben wollen. So schreibt uns eine Auszubildende, sie besuche »eine wirklich tolle Pflegeschule«, doch was sie in ihrem Orientierungseinsatz in der Praxis erwartete, »hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen können«. Die schlechte Personalsituation mache sich in mangelnder Unterstützung und Anleitung der Auszubildenden bemerkbar. Diese würden als Hilfskräfte missbraucht. »Nach einer Woche in der Praxis weiß ich schon, wo ich niemals arbeiten will und überlege selbst, ob ich die Ausbildung nicht abbreche, obwohl meine schulischen Leistungen bei 1,0 liegen«, schreibt sie. »Mir ist bisher nur eines klar: Pflegefachkräfte bekommt man unter diesen unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht. Am Pflegenotstand wird sich trotz Reformen und gezielter Werbung nichts ändern. Es ist traurig und erschreckend.«

Hoher Krankenstand

»Bessere Arbeitsbedingungen führen zu mehr Pflegekräften, mehr Personal ermöglicht gute Arbeitsbedingungen.«

Sylvia Bühler, ver.di-Bundesvorstand

Solche Bedingungen machen krank. Auch das ist vielfach belegt. So zeigt der BARMER-Pflegereport, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten bei Pflegekräften deutlich höher sind als im Gesamtdurchschnitt, vor allem aufgrund psychischer sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen. Zwischen 2016 und 2018 waren in der Krankenpflege demnach 6,5 Prozent der Fach- und 7,9 Prozent der Hilfskräfte krankgeschrieben. In der Altenpflege waren es 7,2 Prozent der Fachkräfte und 8,7 Prozent der Hilfskräfte. Damit ist der Krankenstand Letzterer um 73 Prozent höher als bei allen Beschäftigten, von denen durchschnittlich 5,0 Prozent krankgeschrieben waren.

Dass Hilfskräfte öfter krank sind als ihre ausgebildeten Kolleg*innen, hat laut Report auch mit Überforderung zu tun. »Pflegehilfskräfte müssen allzu oft Tätigkeiten ausführen, für die sie nicht qualifiziert sind. Das setzt sie besonders unter Druck und macht krank«, erklärte Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand in einer Pressemitteilung. Deshalb müssten die Einrichtungen deutlich mehr und jederzeit genug Fachkräfte eingesetzen.

Würden Krankschreibungen und Frühverrentungen auf das Durchschnittsniveau gesenkt, stünden laut BARMER-Pflegereport auf einen Schlag 26.000 zusätzliche Pflegekräfte zur Verfügung. »Das zeigt den Weg aus dem Teufelskreis: Bessere Arbeitsbedingungen führen zu mehr Pflegekräften, mehr Personal ermöglicht gute Arbeitsbedingungen«, so Bühler. »Der von Arbeitgebern beklagte Fachkräftemangel darf nicht länger als Ausrede herhalten.«

60 Prozent der Pflegekräfte würden zurückkommen

Dass bessere Arbeitsbedingungen der Schlüssel zur Behebung des Arbeitskräftemangels in der Pflege sind, zeigt auch eine noch unveröffentlichte Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen und des Forschungsinstituts Socium, über die das TV-Regionalmagazin Buten und Binnen Mitte November berichtete. Demnach würden 60 Prozent der Pflegekräfte, die aus dem Beruf ausgestiegen sind, zurückkommen. Die Voraussetzung: bessere Arbeitsbedingungen. Unter dieser Bedingung könnte sich auch die Hälfte der Teilzeitkräfte vorstellen, ihre Arbeitszeit aufzustocken.

Auf Grundlage einer Online-Befragung von gut 1.000 Pflegekräften werde »eine Hochrechnung für das mobilisierbare Potenzial an Pflegekräften im Land Bremen« aufgestellt, erläuterte Jennie Auffenberg, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik der Arbeitnehmerkammer. Wenn Beschäftigte wegen besserer Bedingungen in den Beruf zurückkehrten oder ihre Arbeitszeit aufstockten, könnte der Fachkräftemangel in der Hansestadt abgefedert oder sogar gedeckt werden, heißt es in dem Bericht. Im Detail sollen die Studienergebnisse im kommenden Jahr veröffentlicht werden. Klar ist aber schon, welche Voraussetzungen die Befragten nennen, nämlich unter anderen mehr Zeit für qualitativ hochwertige Pflege und Zuwendung, Tarifbindung und betriebliche Mitbestimmung, verlässliche Arbeitszeiten und geregelte Pausen sowie mehr Wertschätzung durch Vorgesetzte.

Daniel Behruzi

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