Fachkräftemangel

Ungenutztes Fachkräftepotenzial

Ungenutztes Fachkräftepotenzial

»Pflege-Comeback-Studie« zeigt auf: Fast die Hälfte der ausgebildeten Pflegekräfte, die ihren Beruf verlassen haben, würde zurückkehren – wenn die Bedingungen stimmen.

Alle Welt redet über den Fachkräftemangel in der Pflege. ver.di hat in einem Positionspapier aufgezeigt: Der Mangel ist in weiten Teilen hausgemacht. Würden Arbeitgeber und politisch Verantwortliche bessere Bedingungen schaffen, könnte das vorhandene Fachkräftepotenzial besser ausgeschöpft werden. Das bestätigt eine aktuelle Studie, die das Institut Pysma Health & Care im Auftrag des Medizinprodukteherstellers Hartmann erstellt hat. Demnach würde fast die Hälfte der ausgebildeten Pflegekräfte, die ihren Beruf verlassen hat, zurückkehren – wenn die Bedingungen stimmen.

Auf Basis von 50 quantifizierten Ergebnissen und 21 qualitativen Tiefeninterviews mit Berufsaussteiger/innen wird in der Studie festgestellt, dass sich 48 Prozent von ihnen vorstellen können, wieder in der Pflege zu arbeiten. Hochgerechnet bedeute das ein Potenzial von 120.000 bis 200.000 zusätzlichen examinierten Pflegekräften. Diese arbeiten jetzt in allen möglichen Jobs – von administrativen Tätigkeiten innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens (25 Prozent) über den Einzelhandel (13 Prozent) bis hin zum Hotel- und Gaststättengewerbe (zusammen sechs Prozent).

Die Aussagen der ehemaligen Pflegekräfte machen deutlich, warum sie aus dem Beruf geflohen sind: vor allem wegen der übermäßigen emotionalen und körperlichen Anforderungen sowie dem Gefühl, den Patient/innen oder Bewohner/innen nicht mehr gerecht werden zu können. So beklagt eine Pflegekraft Zustände der »Erschöpfung, die dann immer mehr dazu geführt haben, dass ich das alles infrage gestellt habe«. Eine andere berichtet, sie musste »Aufgaben und Tätigkeiten übernehmen, die als Altenpfleger unzumutbar waren. Die ganze Station mit 40 Leuten auf sich nehmen… «. Viele nennen den hohen Patientendurchlauf, fehlende Zeit für Patientinnen und Patienten sowie mangelnde Menschlichkeit als Grund für den Berufswechsel. »Ich kam mir nur noch so vor, als ob ich Menschen verwahre und das hat mir immer mehr zugesetzt«, wird eine Pflegekraft zitiert. Eine andere kritisiert: »Die Zustände sind in meinen Augen unhaltbar und nicht mehr wirklich menschenwürdig.«

Entsprechend sind die Anforderungen, die bei einer Rückkehr in den Pflegeberuf gestellt werden. Am häufigsten werden »andere Strukturen und Arbeitsbedingungen« sowie »mehr Personal« genannt – von 42 bzw. 36 Prozent. Für 30 Prozent ist eine bessere Bezahlung die Voraussetzung dafür, wieder in der Pflege zu arbeiten. Weitere Forderungen betreffen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mehr Mitbestimmung, weniger Bürokratie und flexiblere Arbeitszeiten (zwischen 12 und 14 Prozent).

»Das zeigt deutlich: Die Arbeitgeber und die Politik haben es in der Hand, mit besseren Bedingungen für genug Fachkräfte in der Pflege zu sorgen«, kommentiert ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. »Wer Fachkräftemangel vorschiebt, um nicht die erforderlichen Konsequenzen zu ziehen, handelt mehr als fahrlässig. Die Lösung lautet genug Personal. Deshalb muss der Gesetzgeber endlich einheitliche und verbindliche Personalvorgaben in der Alten- und Krankenpflege auf den Weg bringen.« In der Altenpflege müsse zudem das von der Bundesregierung formulierte Ziel flächeneckender Tarifverträge schnellstmöglich umgesetzt werden, um Lohndumping zu unterbinden und den Beruf attraktiver zu machen. Bühler betonte: »Es ist ein Drama, dass so viele ausgebildete Pflegekräfte diesem wunderbaren Beruf den Rücken gekehrt haben, weil sie die Bedingungen nicht mehr ertragen. Es muss alles dafür getan werden, sie zurückzugewinnen.«

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