Klinikpersonal entlasten

»Wir haben eine Stimme bekommen«

Klinikpersonal entlasten

»Wir haben eine Stimme bekommen«

Beschäftigte der Mainzer Uniklinik erkämpfen Vereinbarung für mehr Personal und Entlastung. Organisationskraft und Streikbereitschaft zwingen das Management zum Handeln.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, Tarifvertrag Entastung, Personalbemessung, Uniklinik Mainz, Krankenhaus, Pflege ver.di Breite Bewegung: Die Fans des FSV Mainz 05 demonstrierten beim Derby gegen Eintracht Frankfurt ihre Solidarität mit den Beschäftigten der Uniklinik.

Nächster Erfolg der Bewegung für Entlastung: Am Donnerstagabend (5. Dezember 2019) hat ver.di am Mainzer Uniklinikum eine Tarifeinigung erzielt, die in manchen Aspekten noch besser ist als die an bislang 15 Kliniken getroffenen Vereinbarungen dieser Art. Neben festen Sollbesetzungen für alle beteiligten Bereiche und einem Belastungsausgleich der greift, falls die Vorgaben nicht eingehalten werden, sieht der Vertrag die Schaffung von 41 Vollzeitstellen außerhalb der Pflege vor. Die rund 100 Teamdelegierten, die die Verhandlungen begleiteten, akzeptierten den Kompromiss einstimmig.

»Bis kurz vor der Einigung war die Situation angespannt und ein Streik in Vorbereitung«, erklärte ver.di-Verhandlungsführer Frank Hutmacher. Letztlich sei es dann aber doch gelungen, »Regelungen zur Entlastung zu vereinbaren, die den Beruf der Pflege attraktiver machen«. Der Streikaufruf für Montag (9. Dezember 2019) war schon fertig, aber noch nicht veröffentlicht. Bereits in der Vorwoche hatte das Management durch Zugeständnisse in letzter Minute einen Streik verhindert, der weite Teile des Großklinikums in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt lahmgelegt hätte. Vor dem Hintergrund dieser Drohkulisse und angesichts bevorstehender Gespräche im Landtag zur Situation am landeseigenen Universitätsklinikum kam der Vorstand den Beschäftigten auch dieses Mal deutlich entgegen.

Die bereits in der vergangenen Woche vereinbarten Sollbesetzungen für alle Schichten in über 100 Stationen und Bereichen werden mit einer Regelung zum Belastungsausgleich ergänzt. Demnach wird Beschäftigten, die in unterbesetzten Schichten arbeiten müssen, ab September 2020 ein Freizeitausgleich von zunächst fünf Prozent gutgeschrieben. Diese Quote steigt schrittweise an, auf 20 Prozent im Jahr 2024. Ab diesem Jahr erhalten die Beschäftigten also bei fünf Überlastungsschichten einen zusätzlichen freien Tag. Die Gutschriften müssen nicht beantragt werden, sie werden automatisch auf einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben. Das erspart den Betroffenen Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten. 2020 können dem Arbeitszeitkonto allerdings höchstens zwei Freischichten entnommen werden. 2021 gibt es maximal fünf, 2022 acht, 2023 zehn und ab 2024 unbegrenzt viele Tage frei, wenn die Überlastung bis dahin nicht abgestellt ist. »Mit dieser Übergangsregelung wird der Unimedizin Zeit gewährt, das System einzuführen und auch das Personal zu gewinnen, um überhaupt Patienten in ausreichender Zahl versorgen zu können«, erläuterte der ver.di-Pflegebeauftragte für Rheinland-Pfalz und das Saarland, Michael Quetting.

Ergebnis bringt qualitative Verbesserungen

»Es war bis zum Schluss spannend«, blickt die Fachkrankenpflegerin Kathrin Körber am Tag nach der Einigung zurück. Mitten in den Verhandlungen musste die Teamdelegierte zur Schicht auf ihrer neurochirurgischen Intensivstation antreten – und wurde von ihren Kolleg*innen ständig per Messengerdienst auf dem Laufenden gehalten. »Das war schon nervenaufreibend. Am Ende war ich erleichtert und glücklich, dass wir ein solches Ergebnis erzielt haben, ohne in den Streik treten zu müssen.« Fast alle in ihrem Team waren bereit, sich an dem Ausstand zu beteiligen, berichtet die Krankenpflegerin.

Das zahlt sich nun aus. Auf ihrer Intensivstation soll laut Vereinbarung nicht nur eine examinierte Pflegekraft für maximal zwei Patient*innen zuständig sein – formal war das auch bisher schon so, die Quote wurde allerdings regelmäßig unterschritten. Darüber hinaus wird in der arbeitsintensivsten Zeit des Früh- und teilweise Spätdienstes eine zusätzliche Pflegekraft eingeteilt, die bei der Material- und Medikamentenversorgung, bei Diagnostikfahrten, bei der Mobilisierung von Patient*innen und anderen Tätigkeiten unterstützen soll. »Das ist schon eine qualitative Verbesserung – so kann man arbeiten«, meint Kathrin Körber.

Die 35-Jährige hatte zunächst gezögert, sich als Teamdelegierte zu engagieren. »Ich hatte Angst davor, eine solche Verantwortung zu tragen. Aber jetzt bin ich froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin.« Durch das Zusammentreffen mit den Vertreter*innen anderer Teams habe sie viele Einblicke ins Klinikum gewonnen, die sie zuvor nicht hatte. Sie sei »immer noch sprachlos« darüber, wie katastrophal die Personalausstattung insbesondere auf vielen Normalstationen sei. »Die Zustände wurden lange einfach ignoriert. Aber jetzt werden wir vom Arbeitgeber und von der Öffentlichkeit wahrgenommen – wir haben eine Stimme bekommen«, bringt es Kathrin Körber auf den Punkt. »Ich hätte vorher nicht gedacht, dass wir eine solche Stärke und Durchsetzungsmacht entwickeln können.« In den vergangenen Monaten haben sich mehrere hundert Beschäftigte der Mainzer Uniklinik ver.di angeschlossen. In 37 Stationen und Bereichen ist die Mehrheit der Pflegekräfte jetzt gewerkschaftlich organisiert. »Ich hoffe, dass wir das in Zukunft beibehalten und stark bleiben, um unsere Interessen gemeinsam zu vertreten.«

Besonders freut die Fachkrankenpflegerin, dass auch die Beschäftigten außerhalb der Pflege von der Vereinbarung profitieren. 41 Stellen werden hier geschaffen, konkret verteilt auf die Bereiche, in denen sich die Kolleginnen und Kollegen für Entlastung eingesetzt haben. So kommen in der Sozialberatung drei volle Stellen hinzu; im IT-Bereich sind es acht und im Transportdienst 20. »Das finde ich ganz wichtig, denn auch diese Kollegen sind total überlastet«, betont Kathrin Körber. »Und wenn zum Beispiel im Patiententransport mehr Leute eingesetzt und dadurch Wartezeiten reduziert werden, dann hilft das auch uns Pflegekräften – und natürlich den Patientinnen und Patienten.«

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