Klinikpersonal entlasten

»Was uns bewegt«

Streik an katholischer Klinik

»Was uns bewegt«

Am Mittwoch wird es erstmals einen Streik in einer katholischen Klinik geben: Die Beschäftigten des Marienkrankenhauses in Ottweiler (Saarland) werden die Arbeit niederlegen. Ihr Ziel: Entlastung. Die Klinikleitung reagierte auf den Streikaufruf mit Einschüchterung, sie drohte den Beschäftigten mit Konsequenzen, sollten diese sich am Streik beteiligen. Eine Petition gegen die Repressionen kann hier unterzeichnet werden.

Die Beschäftigten haben sich am 8. Oktober in einem Schreiben an die Kolleginnen und Kollegen, an die Patientinnen und Patienten sowie an alle Saarländerinnen und Saarländer gewandt. "Was uns bewegt" haben sie ihren Brief genannt. Sie schilden in diesem Schreiben ihre Gefühle und erläutern, warum sie streiken werden. Sie wollen sich nicht einschüchtern lassen. Sie wollen, dass ihr Arbeitgeber verhandelt, denn  sie brauchen dringend Entlastung. Sie wenden sich aber nicht nur an ihre Kolleginnen und Kollegen, sondern ausdrücklich auch an die Bevölkerung in Ottweiler und im Saarland.

Wir dokumentieren auf ihren Wunsch hin diesen Brief hier:

Seite 1 des Briefes ver.di FB 03 Seite 1 des Briefes

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Patientinnen und Patienten,
liebe Saarländerinnen und Saarländer,

Ja, wir werden streiken.

Für mehr Personal. Für Arbeitsbedingungen, die es uns ermöglichen, diesen Beruf auch in den nächsten Jahren noch mit Freude auszuüben. Für eine menschenwürdige Pflege, in der ausreichend Zeit bleibt für die Patientinnen und Patienten. Für ein Gesundheitssystem bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht das Geld.

Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht.

Wir haben das Anliegen schon lange über andere Wege thematisiert: wir haben demonstriert, wir haben eine aktive Mittagspause gemacht, wir haben Briefe an den Bischof geschickt und die Klinikleitung auf das Problem hingewiesen. Es hat sich jedoch nichts verändert. Immer erwarten alle, dass es doch irgendwie weiter geht und dass die Pflege sich letztendlich aufopfert. Das letzte Mittel, das uns bleibt, ist der Streik.

Wir streiken nicht gegen „unser Haus“, sondern für unser Krankenhaus.

Wir sind Teil einer bundesweiten Bewegung der Pflege, die sich an die Politik richtet, endlich gute Pflege zu ermöglichen. Wir brauchen eine gesetzliche Personalbemessung und fordern von allen Parteien die Einlösung ihrer Wahlversprechen. Nicht dieser Streik ist schlecht für „unser Haus“, sondern der Normalzustand. Wir wollen ein Krankenhaus, dass dem eigenen Leitbild gerecht werden kann.

Es gibt Zeiten der Stille und es gibt Zeiten, in denen wir laut sein müssen. Wir waren lange genug still.

Streikbereite in ihrem Brief vom 8.10.2017

Wir streiken nicht, weil es ein kirchliches Unternehmen ist, sondern trotzdem.

Wir denken nicht, dass die Arbeitsbedingungen in kirchlichen Krankenhäusern besser oder schlechter sind, als in kommunalen oder privaten Krankenhäusern. Der Unterschied ist aber, dass in anderen Krankenhäusern mit der Gewerkschaft über die Arbeitsbedingungen verhandelt wird (z.B. SHG und UKS) und bei uns nicht. Das muss sich ändern, sonst wird sich am Personalmangel nichts verändern.

Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Auch wenn die Klinikleitung noch zehn Briefe schreibt, dass es verboten ist zu streiken, lassen wir uns nicht länger einschüchtern. Zu lange haben wir dieses Spiel mitgespielt und sind ruhig geblieben. Wir haben gemeckert, aber letztendlich doch weitergemacht. Damit muss Schluss sein. Wir wissen auch: Jeder Beschäftigte in Deutschland hat das Recht für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen und zu streiken. Egal ob kirchlich, kommunal oder privat. Dieses Recht kann uns niemand nehmen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir brauchen Eure Unterstützung.

Was uns bewegt. Die Streikbereiten wenden sich an die Öffentlichkeit verdi Seite 2 des Briefes

Alle Beschäftigten sind zum Streik aufgerufen. Schließt euch an, denn gemeinsam sind wir eine starke Gemeinschaft. So wie wir jeden Tag, trotz des Personalmangels, gemeinsam als Team, das Bestmögliche für unsere Patienten tun, können wir jetzt gemeinsam für eine gute Gesundheitsversorgung kämpfen. Für uns und für die Patientinnen und Patienten. Wir können auch jede und jeden verstehen, der sagt: „Ich unterstütze euch, aber werde nicht streiken, weil ich Angst habe, was dann passiert“. Zeigt euch in den nächsten Tagen solidarisch und steht hinter denjenigen, die diesen Schritt für uns alle gehen. Es gibt Zeiten der Stille und es gibt Zeiten, in denen wir laut sein müssen. Wir waren lange genug still.

Liebe Ottweilerinnen und Ottweiler, liebe Kolleginnen und Kollegen aus anderen Krankenhäusern, liebe Saarländerinnen und Saarländer, wir brauchen auch eure Unterstützung.
Hier geht es nicht nur um uns. Hier geht es darum, wie unsere Gesellschaft mit kranken und alten Menschen umgeht. Hier geht es um Menschenwürde. Hier geht es um UNSER Krankenhaus.

Unterstützt uns am 11.10. ab 6 Uhr morgens beim Streikposten vor dem Krankenhaus. Verbringt mit uns den Tag ab 8 Uhr im Streiklokal Zapata und kommt alle um 16:30 Uhr zur Demonstration (Startpunkt: Hohlstraße 2, Ottweiler). Wir brauchen euch jetzt.

Die streikbereiten Kolleginnen & Kollegen der Marienhausklinik Ottweiler am 8.10.2017

Infokasten: Streiken in kirchlichen Betrieben

Dürfen Beschäftigte kirchlicher Einrichtungen überhaupt streiken? Die Antwort von ver.di ist klar: Ja, sie dürfen. Denn Streikrecht ist Grundrecht nach Artikel 9 Absatz 3 des Grundgesetzes. Kirchen beanspruchen zwar für sich ein besonderes Arbeitsrecht. Doch das steht nicht über dem Grundgesetz. Das Streikrecht kann deshalb bei der aktuellen innerkirchlichen Organisation weder durch besondere Arbeitsverträge, noch durch das spezielle Kirchenrecht eingeschränkt werden. Das bestätigten auch das Bundesarbeitsgericht und das Bundesverfassungsgericht.

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