Klinikpersonal entlasten

Ärzte-Protest in Polen

Grenzen setzen

Ärzte-Protest in Polen

Tausende Mediziner/innen in polnischen Krankenhäusern verweigern Überstunden. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen, höhere Gehälter und mehr Geld für das Gesundheitswesen.

Ärztinnen und Ärzte in polnischen Krankenhäusern ziehen die Reißleine: Mindestens 3.500 von ihnen haben sich geweigert, die sogenannte Opt-out-Klausel zu unterschreiben, mit der die EU-weite Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche überschritten werden kann. Zuvor hatten sich bereits dutzende junge Medizinerinnen und Mediziner an einem mehrwöchigen Hungerstreik beteiligt, um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld für das Gesundheitswesen durchzusetzen. Auslöser der Proteste waren mehrere Todesfälle durch Überarbeitung im vergangenen Jahr.

»Wir hören auf, erschöpft zu sein und Löcher im System zu stopfen«, erklärt Jaroslaw Bilinski vom Verband der polnischen Assistenzärzte. Patientinnen und Patienten hätten das Recht, von nicht übermüdeten Ärzt/innen behandelt zu werden. Ein Grund für die Überlastung ist die extrem niedrige Bezahlung. Denn die jungen Mediziner/innen verdienen Medienberichten zufolge während ihrer Weiterbildung umgerechnet gerade mal 700 Euro im Monat. Deshalb versuchen sie, ihr Gehalt mit zusätzlichen Nacht- und Bereitschaftsdiensten aufzubessern, was zu Arbeitszeiten von bis zu 72 oder gar 96 Stunden am Stück führt.

Die polnischen Ärzt/innen fordern, dass die Ausgaben für das staatliche Gesundheitswesen innerhalb von drei Jahren auf den europäischen Durchschnitt von 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angehoben werden. Die Ankündigung der Regierung, die Ausgaben bis 2015 von derzeit 4,7 auf 6,0 Prozent er erhöhen, halten sie für unzureichend. Zudem kritisieren sie, dass die Mittel in diesem Jahr zunächst gekürzt werden sollen.

Nach Angaben des Verbandes der Assistenzärzte hat die Verweigerung von Überstunden bereits merkliche Auswirkungen. So sollen mehrere Kliniken die Notaufnahmen geschlossen haben, weil sie die Schichten nicht mehr besetzen können. Das Warschauer Gesundheitsministerium behauptet hingegen, die Lage sei »unter Kontrolle«. Etliche Ärztinnen und Ärzte können sich nicht an der Aktion beteiligen, weil sie keinen regulären Arbeitsvertrag haben, sondern per Werkvertrag beschäftigt sind. Laut Medienberichten ist nur etwa jeder dritte Arzt direkt im Krankenhaus angestellt.

Jörg Wiesenfeldt, Oberarzt auf einer neurologischen Station im Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich Astrid Sauermann Jörg Wiesenfeldt, Oberarzt auf einer neurologischen Station im Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich

Für Jörg Wiesenfeldt, Oberarzt auf einer neurologischen Station im Verbundkrankenhaus Bernkastel-Wittlich, sind die Nachrichten aus Polen einerseits beeindruckend, andererseits erschreckend. »Dass so gut ausgebildete Leute wegen der schlimmen Arbeitsbedingungen in einen Hungerstreik treten, hat mich getroffen«, sagt der 53-Jährige. Hierzulande würden solche Entwicklungen in der Ärzteschaft viel zu wenig wahrgenommen. Die Medizin sei eine internationale Wissenschaft, es gebe einen europäischen Arbeitsmarkt. »Doch bei den Arbeitsbedingungen werkelt jedes Land in der EU vor sich hin, da müssen wir viel mehr über den Tellerrand schauen«, meint Wiesenfeldt, der sich bei ver.di in der Bundesfachkommission Ärztinnen und Ärzte engagiert.

Das deutsche Gesundheitswesen profitiere sogar indirekt von den schlechten Bedingungen in Polen und anderen Ländern, weil dadurch Ärzt/innen und Pflegekräfte nach Deutschland kämen, gibt Wiesenfeldt zu bedenken. Auch hierzulande gebe es zwar ein Problem mit Überstunden und Mehrarbeit. »Aber im Vergleich zu früher, als Bereitschaftsdienste noch nicht zur Arbeitszeit zählten, und zu Ländern wir Polen ist es relativ erträglich.« Die Aktionsform der Überstundenverweigerung findet der Arzt sehr gut. »Das hat natürlich Auswirkungen auf die Versorgung, aber es ist eine völlig berechtigte Notwehr-Maßnahme der polnischen Kolleginnen und Kollegen.« Wiesenfeldt verweist auf die Aktion »Grenzen setzen«, bei der sich Pflegekräfte in deutschen Kliniken kollektiv weigern, Überstunden zu machen oder außerhalb des Dienstplans einzuspringen. Die Ärzteschaft fordert er auf, sich solidarisch zu zeigen – mit anderen Berufsgruppen ebenso wie mit Krankenhausbeschäftigten anderer Länder.

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  • Astrid Sauermann

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