Klinikpersonal entlasten

»Wir müssen zusammenhalten«

Pflege

»Wir müssen zusammenhalten«

Jana Langer ist Fachkrankenschwester an einer Uniklinik in Baden-Württemberg. In offenen Briefen und Petitionen hat sie immer wieder die Zustände im Gesundheitswesen angeprangert und ist dadurch überregional bekannt geworden.
OP-Fachpflegerin Jana Langer mit Mundschutz und Schutzkleidung privat OP-Fachpflegerin Jana Langer

Du warst Erstunterzeichnerin einer von der Zeitschrift Stern initiierten Petition für bessere Bedingungen in der Pflege. Sie wurde von über 325.000 Menschen unterschrieben und Anfang März im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags diskutiert. Bringt das etwas?

Wir müssen immer wieder öffentlich machen, dass es in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen so nicht weitergehen kann. Schon vor der Corona-Pandemie war die Überlastung untragbar. Seither hat sich die Situation weiter verschlimmert. Die Flucht aus den Pflegeberufen beschleunigt sich. Allein zwischen April und Juli 2020 haben wir laut Bundesagentur für Arbeit 9.000 weitere Kolleg*innen verloren. Deshalb schlagen wir Alarm – und das nicht erst jetzt. Solche Petitionen sind ein wichtiges Mittel, das ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Wenn sie von Hunderttausenden unterschrieben werden, übt das Druck auf die politisch Verantwortlichen aus.

Aber reicht das?

Natürlich nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren bei jeder Gesundheitsministerkonferenz Proteste organisiert. In den Betrieben machen wir Druck und mit ver.di haben wir in mittlerweile 17 Großkrankenhäusern Vereinbarungen für mehr Personal und Entlastung durchgesetzt. Wir nutzen jede Möglichkeit – inklusive solcher Petitionen. Allerdings ist auch nicht jede Unterschriftensammlung sinnvoll. Ich hatte mich an einen Aufruf von Pflegekräften an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf der Internetplattform »change.org« beteiligt, die fast 470.000 Menschen unterschrieben haben. Doch da diese mittlerweile in eine ganz komische Richtung abdriftet, habe ich meine Unterstützung zurückgezogen. Dennoch haben die Initiator*innen weiter mit meinem Bild und meinem Namen dafür Werbung gemacht. Da fühle ich mich für Dinge instrumentalisiert, bei denen ich nicht dahinterstehe.

Welche Inhalte sind für dich bei dieser Initiative problematisch?

Unter anderem wird ein Einstiegsgehalt für Pflegefachkräfte von 4.000 Euro gefordert. Ich unterstütze es selbstverständlich, dass Pflegepersonen besser bezahlt werden. Ich meine aber, dass wir Verbesserungen nur mit der Kraft der Solidarität durchsetzen können. Und das heißt, dass man nicht bei den Pflegefachkräften stehenbleiben darf, und alle anderen sind egal. Zum Beispiel stehe ich zusammen mit Operations- und Anästhesie-Technische Assistent*innen (OTA/ATA) im OP. Ich kann doch nicht nur für mich eine bessere Bezahlung fordern und sie außen vor lassen. Alle Berufsgruppen im Krankenhaus und in der Altenpflege tragen zu einer guten Versorgung bei. Sie alle müssen angemessen bezahlt werden. Wenn sich die Berufsgruppen spalten lassen, hilft das niemandem.

OP-Fachpflegerin Jana Langer in OP-Montur privat OP-Fachpflegerin Jana Langer

Stellt sich auch die Frage, wer die 4.000 Euro Einstiegsgehalt durchsetzen soll.

Ganz genau. Das erreichen wir nur, wenn wir stärker werden und sich viele in ver.di organisieren. Im vergangenen Jahr haben die Beschäftigten der kommunalen Krankenhäuser gezeigt, wie es geht: Sie haben gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen im gesamten öffentlichen Dienst gestreikt und dabei besondere Verbesserungen für die Pflege herausgeholt – gegen den harten Widerstand der Arbeitgeber und trotz der schwierigen Rahmenbedingungen. So geht Solidarität!

Werden Pflegekräfte im öffentlichen Dienst damit endlich angemessen bezahlt?

Noch längst nicht. Aber es zeigt, wie wir etwas erreichen können: Indem wir zusammenhalten und uns gemeinsam Respekt verschaffen. Die Initiator*innen der genannten Petition tun leider das genaue Gegenteil.

Inwiefern?

Sie setzen offenbar alles daran, ver.di zu diskreditieren und so die Durchsetzungsfähigkeit der Beschäftigten zu schwächen. Aktueller Anlass ist das Scheitern des allgemeinverbindlichen Tarifvertrags in der Altenpflege, das sie in einer Rundmail an die Unterzeichner*innen nicht der Caritas anlasten – die die Allgemeinverbindlichkeit durch ein Veto ihrer Arbeitsrechtlichen Kommission verhindert hat –, sondern ver.di. Das ist komplett absurd.

Sie behaupten, der Tarifvertrag hätte sich ohnehin kaum ausgewirkt.

Man sollte sich eben mal informieren, bevor man haltlose Behauptungen in die Welt pustet. Etliche Beschäftigte in der Altenpflege – vor allem in Ostdeutschland und bei kommerziellen Trägern – hätten von dem Tarifvertrag über Mindestbedingungen profitiert. Dieser sollte eine untere Haltelinie schaffen, die für alle gilt. Bessere Tarifverträge wie der im öffentlichen Dienst wären selbstverständlich erhalten geblieben. Die Verantwortlichen bei der Caritas und die profitorientierten Pflegekonzerne lachen sich über solche Fake News, wie sich von diesen Petitent*innen verbreitet werden, sicher ins Fäustchen. Ich will mit sowas auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden.

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