Klinikpersonal entlasten

Mit Feuer für Entlastung

Mit Feuer für Entlastung

Beschäftigte der Homburger Uniklinik begehen Ablauf des 100-Tage-Ultimatums mit einer Mitternachtsdemonstration. Jetzt wird die Urabstimmung über Erzwingungsstreik vorbereitet.
nächtliche Demo mit Transparenten und Feuer ver.di Mitternachtsdemonstration in Homburg (Saarland)

Bengalos, Fackeln und Leuchtkerzen brennen im Homburger Nachthimmel. Schwefelgeruch liegt in der Luft, bunte Rauchschwaden hüllen die rund 200 Beschäftigten des saarländischen Uniklinikums ein, die Mitten in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 2018 durch den Ort ziehen. Ihre Botschaft: Das Ultimatum ist um Mitternacht abgelaufen. Die Klinikleitung hat es in den vergangenen 100 Tagen versäumt, Maßnahmen zur Entlastung des Personals einzuleiten. Stattdessen versuchte sie, einen zweitägigen Warnstreik per einstweiliger Verfügung durch das Arbeitsgericht im 700 Kilometer entfernten Berlin untersagen zu lassen – und scheiterte. Jetzt wollen die ver.di-Aktiven die Urabstimmung über einen Erzwingungsstreik vorbereiten. »Der Countdown läuft«, stellt ver.di-Sekretär Michael Quetting klar. »Es gibt für die Leitung der Uniklinik nur einen Notknopf: Die Unterschrift unter einen Tarifvertrag Entlastung.«

»Zu viele Leute kehren unserem Beruf den Rücken, auch deshalb müssen wir unsere Forderungen nach Entlastung durchsetzen«, sagt die Krankenpflegerin Susanne Engel, die in der Radiologie des Uniklinikums arbeitet. In der Hand hält sie ein blinkendes, rosarotes Plastikband. »Ich finde solche gemeinschaftlichen Aktionen toll. Wir zeigen, dass wir zusammenstehen.« Auch bei der großen Demonstration zur Gesundheitsministerkonferenz vor zwei Tagen in Düsseldorf war sie dabei. Und heute hat sie sich am Abend aufgerafft, zur Demonstration zu gehen, obwohl ihr die Mittagsschicht noch in den Knochen steckt. Warum? »Weil es so nicht weitergeht.«

Das meint auch die Krankenpflegerin Sabine Stein. Sie ist enttäuscht, dass der Arbeitgeber die von ver.di gesetzte 100-Tage-Frist verstreichen ließ, ohne auf die Beschäftigten zuzugehen. Aber irgendwie hat sie nach den Erfahrungen der vergangenen Monate auch damit gerechnet. Zu lange schon spielen die Klinikmanager auf Zeit. Sie führten Gespräche, machten Versprechungen. So sollte unter anderem ein Springer-Pool verhindern, dass Kolleg/innen ständig außerhalb des Dienstplans einspringen und Überstunden anhäufen müssen. Doch es kamen lediglich drei Pflegekräfte in dem Pool an – bei rund 2.000 Pflegekräften insgesamt. »Von Entlastung ist nichts zu spüren«, bilanziert Stein. »Immer noch geht man jeden Tag nach Hause mit dem Gefühl, die Patienten nicht so versorgt zu haben, wie es richtig wäre.«

Intelligent und flexibel streiken

Die Beschäftigten der Uniklinik des Saarlandes wollen deshalb jetzt zu radikaleren Maßnahmen greifen. In den kommenden Wochen soll die Belegschaft per Urabstimmung über einen unbefristeten Streik entscheiden. Dass sie kämpfen kann, hat sie bereits 2006 gezeigt: 111 Tage streikte die Uniklinik gegen die Verlängerung der Arbeitszeiten – mit Erfolg. Die OP-Schwester Susanne Reimer war schon damals dabei und will aus der Erfahrung lernen. »Diesmal wollen wir intelligent und flexibel streiken, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen«, sagt die Personalrätin. Das heißt: Mal diese, mal jene Abteilung bestreiken und dabei Betten oder ganze Bereiche schließen. Beim Warnstreik am 19. und 20. Juni hat das schon sehr gut geklappt: Jedes zehnte Bett musste gesperrt, eine komplette Station in der Frauenklinik komplett geschlossen werden.

Der Grund für diese Streiktaktik ist auch: Wenn keine Betten stillgelegt werden, können Pflegekräfte ihre Streikrecht kaum wahrnehmen, ohne die Patientenversorgung zu gefährden – so schlecht sind die Schichten besetzt. »Bei uns ist eigentlich permanent Notbesetzung«, berichtet eine Hebamme aus dem Kreißsaal. Nur zwei Pflegekräfte seien in Früh-, Spät- und Nachtschicht zum Dienst eingeteilt. Angemessen wäre eine 3-3-3-Besetzung, meint die 52-Jährige. »Manchmal muss ich fünf gebärende Frauen gleichzeitig betreuen. Da hat man schon das Gefühl, ihnen nicht gerecht zu werden – und Angst, etwas zu übersehen.« Auch für die Anleitung der Hebammenschülerinnen bleibe oft keine Zeit. Manchmal kommt die Praxisanleiterin deshalb in ihrer Freizeit, um mit ihnen Gespräche zu führen und ihnen etwas zu erklären. Von den Demonstrationen und Streiks erhofft sie sich vor allem öffentliche Aufmerksamkeit. Deshalb läuft sie in dieser Nacht mit einer brennenden Fackel durch Homburg.

Bundesweit hat ver.di in dieser Hinsicht schon viel erreicht, ist Susanne Reimer überzeugt. »Es ist Wahnsinn, wie oft die Themen Pflege und Personalnot inzwischen in den Medien sind«, betont die Personalrätin. Die Politik spüre offenbar den Druck, endlich zu handeln.

Solidaritätsbewegung aufbauen

Der Vorsitzende des DGB-Kreisverbands Saarpfalz, Rainer Tobae, bezweifelt allerdings, dass die politische Verantwortlichen tatsächlich »verstanden haben«, wie der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ständig betont. »Wir brauchen kein Zeitspiel mehr, sondern gesetzliche Personalvorgaben in allen Bereichen der Krankenhäuser, die sich am Bedarf der Patientinnen und Patienten orientieren.« Um das zu erreichen, müsste auch die Solidaritätsbewegung außerhalb der Kliniken noch »eine Schippe drauflegen«, meint der Sprecher der Initiative »Mehr Personal für unser Uniklinikum«. Die Initiative hat Solidaritätserklärungen von bislang rund 30 betrieblichen Interessenvertretungen und gewerkschaftlichen Betriebsgruppen gesammelt. Die Gremien erklären dabei nicht nur allgemein ihre Solidarität, sondern sagen konkrete Unterstützung zu: Zum Beispiel, dass sie im Betrieb Plakate aufhängen, den Notstand in den Krankenhäusern auf Betriebsversammlungen zum Thema machen oder Delegationen zu den Streikenden schicken. Insbesondere im Bereich der IG Metall sei die Resonanz erfreulich, berichtet Tobae.

Auch die Medizin-Studentin Lea Atzinger unterstützt die Beschäftigten der Uniklinik. »Ich finde es wichtig, dass Ärzte, Pflegekräfte und andere Beschäftigte Hand in Hand arbeiten«, erklärt die 25-Jährige, warum sie an der Mitternachtsdemo teilnimmt. »Ich möchte später nicht in einer Umgebung arbeiten, in der Entscheidungen nicht im Sinne der Patienten, sondern nach wirtschaftlichen Kriterien getroffen werden.« Ihr geht es deshalb auch darum, das Finanzierungssystem der Fallpauschalen – das die Kliniken in einen harten Preiswettbewerb getrieben hat – infrage zu stellen. Dazu könne die Bewegung für Entlastung einen wichtigen Beitrag leisten.

Es ist inzwischen zwei Uhr nachts. Die Demonstranten haben sich am Streiklokal, dem Vereinsheim des örtlichen Fußballclubs, eingefunden. Draußen gibt es Grillwürstchen und Bier, drinnen Hip-Hop. Die Leuchtkerzen sind ausgebrannt, die Fackeln verraucht. Doch die Wut ist es nicht.

  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt

  • Astrid Sauermann

    Kom­mu­ni­ka­ti­on und Öf­fent­lich­keits­ar­beit / z. Zt. in Mut­ter­schutz/­El­tern­zeit

Immer aktuell informiert

Schon abonniert? Der Newsletter Gesundheit und Soziales hält dich immer auf dem Laufenden.

Exklusiv für Mitglieder

Im ver.di-Mitgliedernetz findet ihr alle Materialien zur Bewegung. In der Gruppe "Klinikpersonal entlasten" findet ihr die Handlungsleitfäden.

Mitglied der Gruppe werden

ver.di-Mitglied werden