Klinikpersonal entlasten

Nicht mehr stillhalten

Hebammen

Nicht mehr stillhalten

In den Redaktionsverhandlungen zum Entlastungs-Vertrag der Uniklinik Homburg hat ver.di finanzielle Verbesserungen für Hebammen durchgesetzt, um mehr Personal zu gewinnen.
Baby guckt über Schulter von Pflegekraft Arnim Thomaß Baby im Krankenhaus

Als sie noch auf der Wöchnerinnenstation des evangelischen Krankenhauses Zweibrücken arbeitete, hatte Ingrid B. mit Gewerkschaft nichts zu tun. »Ich dachte, das ginge in der Kirche nicht«, blickt die Hebamme zurück. Doch als 2016 zuerst die Geburtshilfe und dann das ganze Klinikum dicht machten, war ver.di eine große Hilfe. Aus dieser Erfahrung hat die 52-Jährige eine Schlussfolgerung gezogen: »Wir haben zu lange stillgehalten, wir hätten uns gegen die Personalnot wehren sollen.«

Genau das macht Ingrid B. jetzt, die seither im Kreißsaal der Homburger Uniklinik arbeitet. Als Teamdelegierte hat sie immer wieder auf die Situation der Hebammen hingewiesen. Und diese ist katastrophal: Eigentlich müssten nach Berechnungen des Teams in der Früh-, Spät- und Nachtschicht jeweils fünf, vier und drei Hebammen da sein. Tatsächlich sind es in der Regel aber nur zwei pro Schicht, zuletzt nachts sogar nur eine. »Das ist weniger als Notbesetzung«, stellt Ingrid B. fest.

Mit jährlich etwa 1.900 Geburten hat das Uniklinikum nicht nur sehr viele, sondern auch besonders schwere Fälle. Es ist in der Region das einzige »Level-1«-Haus, das Frühgeburten schon ab der 24. Schwangerschaftswoche betreut. Doch das Personal dafür ist nicht da. Von den etwa 20 Absolventinnen des diesjährigen Hebammenkurses bleibt keine einzige. »Dieser Teufelskreis lässt sich nur stoppen, wenn der Job finanziell viel attraktiver wird«, ist Ingrid B. überzeugt. »Damit wir wieder mehr Kolleginnen bekommen – sonst sehe ich schwarz für die Geburtshilfe.«

Ein erster Schritt dahin ist mit der Entlastungs-Vereinbarung am Uniklinikum des Saarlandes getan. Bei den Redaktionsverhandlungen am Mittwoch (10. Oktober 2018) hat ver.di erstmals eine »Level-1«-Zulage von monatlich 400 Euro für die Hebammen durchgesetzt. Zudem wurde für den Kreißsaal eine Soll-Besetzung für Wochentage von jeweils vier Hebammen in der Früh- und Spätschicht sowie drei in der Nachtschicht festgeschrieben. An Wochenenden sollen demnach rund um die Uhr mindestens drei Hebammen vor Ort sein.

Das entspricht zwar noch nicht den Forderungen des Teams, wäre aber eine deutliche Verbesserung – wenn die Schichten denn tatsächlich so besetzt würden. Doch angesichts der akuten Personalnot geht niemand davon aus, dass das kurzfristig möglich ist. Denn anders als in der Pflege können die Hebammen nicht durch Versetzungen aus anderen Bereichen oder aus dem Springerpool entlastet werden. Und wegen der Bedeutung des Uniklinikums für die Notversorgung in der Region können auch die Fallzahlen nicht so leicht reduziert werden.

»Für den Kreißsaal haben wir deshalb vereinbart, dass zusätzliche Freischichten als Kompensation für Überlastung ausbezahlt werden«, erläutert ver.di-Sekretär Michael Quetting. Wie in der Pflege sammeln die Hebammen für jede unterbesetzte Schicht einen »Belastungstag«. Sobald sie davon acht auf dem Konto haben, erhalten sie im Folgemonat einen zusätzlichen freien Tag – der bei den Hebammen allerdings ausgezahlt wird, wenn die Freischicht sonst zu zusätzlichen Unterbesetzungen führen würde. Die Betroffenen erhalten dadurch monatlich etwa 350 Euro mehr – zusammen mit der »Level-1«-Zulage sind es rund 750 Euro.

»Wir haben in den Verhandlungen deutlich gemacht, dass wir skeptisch sind, ob das ausreicht, die Personalnot im Kreißsaal zu beenden«, erklärt Michael Quetting. Die Hebammen hätten aber die Möglichkeit, weitere Verbesserungen zu erreichen – wenn sie zusammenhalten. »Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in diesem Bereich ist sehr gering. Dass er trotzdem von der Vereinbarung profitiert, basiert auf der großen Solidarität in der Belegschaft und unter den ver.di-Aktiven«, betont der Gewerkschafter. Er verweist darauf, dass die Uniklinik laut Tarifvertrag der Länder (TV-L) die Möglichkeit hätte, den Aufstieg in den Entgeltstufen vorzuziehen, wenn es die Arbeitsmarktlage erfordert. Für die einzelne Hebamme könnte das erneut einige hundert Euro mehr im Monat bedeuten. »Womöglich können die Kolleginnen das gemeinsam durchsetzen, wenn sie an einem Strang ziehen«, so Quetting. »Fest steht: Die Uniklinik muss ihre Anstrengungen zur Gewinnung von Hebammen massiv steigern, sonst ist die "Level-1"-Versorgung gefährdet.«

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