Klinikpersonal entlasten

Das war knapp

Uniklinik Mainz

Das war knapp

Mit Zugeständnissen vermeidet die Mainzer Uniklinik zunächst einen Arbeitskampf. Doch entscheidende Fragen stehen bei den Tarifverhandlungen für Entlastung noch aus.
Menschen in Warnwesten mit ver.di-Symbol ver.di Aktivistinnen an der Uniklinik Mainz im November 2019

Turbulente Stunden liegen hinter den Teamdelegierten und ver.di-Aktiven der Uniklinik Mainz. Bis zum späten Mittwochabend (27. November 2019) sah es so aus, als würde ein Großteil der Beschäftigten am nächsten Morgen in den Streik treten. Zuvor hatten sie ein Ultimatum gestellt: Sollten sich Klinikleitung und ver.di bei den Tarifverhandlungen für Entlastung nicht auf annehmbare Sollzahlen zur Schichtbesetzung einigen, würde der Streik beginnen. Und was für einer: 31 Teams hatten ihre Stationen zur Komplettschließung angemeldet. Mehr als die Hälfte der knapp 1.500 Betten sollten nicht mehr belegt werden.

Auf fachlicher Ebene, also zwischen Beschäftigtenvertreter*innen und Pflegedienstleitungen, hätten beide Seiten sehr konstruktiv verhandelt und für die Sollbesetzungen in allen Schichten Kompromisse gefunden, berichtete der ver.di-Pflegebeauftragte für Rheinland-Pfalz und das Saarland, Michael Quetting. »Das Problem waren aber die Kaufleute im Management und teilweise die Chefärzte, die statt auf die Versorgungsqualität vor allem auf ökonomische Kennzahlen gucken.« Diese hätten versucht, die fachlich begründeten Standards zu drücken.

Zeitgleich zu den Verhandlungen über die Sollbesetzungen bereitete die ver.di-Streikleitung den Ausstand vor. Und auch hier kam es zu heftigen Konflikten mit der Klinikleitung sowie einzelnen Chefärzten. In vielen Bereichen weigerten sich die Verantwortlichen, die gültige Notdienstvereinbarung umzusetzen und die betroffenen Betten stillzulegen. »Sie haben damit chaotische Zustände billigend in Kauf genommen«, kritisierte Quetting. »Auch die Beschäftigten im Krankenhaus haben ein Grundrecht auf Streik. Es ihnen auf diese Weise vorzuenthalten, führt nur dazu, dass die Wut und Entschlossenheit der Kolleginnen und Kollegen noch größer werden.« Noch Mittwochnacht entlud sich die Empörung in einer Spontandemonstration über den Campus.

Die Gelegenheit, etwas zu bewegen

»Uns wird vorgeworfen, wir würden die Patienten gefährden. Das Gegenteil ist der Fall: Jeden Tag wird eine gute Patientenversorgung durch zu wenig Personal auf den Stationen gefährdet«, erklärte die Krankenschwester Christiane Rußler. Sie muss es wissen, denn als Kraft im Springerpool kommt sie in vielen verschiedenen Bereichen zum Einsatz. Ihre Erkenntnis: »Kein einzige Station ist so besetzt, wie sie es sein sollte.« Immer wieder habe sie auf die Probleme hingewiesen, sagte die 40-Jährige, die 15 Jahre lang in der Herzchirurgie eingesetzt war. »Dort bin ich ständig aus dem Frei eingesprungen, weil ich meine Kolleginnen nicht hängenlassen wollte. Das Ende vom Lied war, dass ich gesundheitliche Probleme bekam und nachts nicht mehr arbeiten konnte.«

Daraufhin bewarb sich Christiane Rußler auf eine Stelle im allgemeinen Springerpool, der zu dieser Zeit gerade eingerichtet wurde. Seither hat sie keine Nachtschichten mehr. Doch sie wollte nicht nur ihr persönliches Problem lösen, sondern grundsätzlich etwas verändern. »Ich habe schon ganz lange gedacht: Man muss etwas tun. Jetzt sehe ich die Gelegenheit, tatsächlich etwas zu bewegen.« Sie ging zu den Treffen der Teamdelegierten und engagierte sich. Jetzt ist sie Mitglied der Streikleitung und setzt sich mit Chefärzten und Managern über die Notdienstbesetzung auseinander. »Für uns war immer klar, dass wir für die Sicherheit der Patienten sorgen. Natürlich gehen wir nicht einfach von der Station weg, wenn unsere Patienten nicht versorgt sind.« Umso wütender ist die Krankenschwester über das Verhalten ihres Arbeitgebers. »In der Notdienstvereinbarung gibt es klare Regeln. Daran müssen sich auch die Leitungskräfte halten.«

Nur ein erster Schritt

Auch ihre Kollegin Judith Wackerle ist immer noch sauer. Fast alle aus ihrem Team einer neurochirurgischen Station wollten sich am Streik beteiligen. Sie hatten die Station deshalb zur Schließung angemeldet. Doch die Leitung machte keinerlei Anstalten, ihrer Verpflichtung zur Räumung der Betten nachzukommen. »Die Verantwortung für das Chaos, das beim Streik ausgebrochen wäre, hätte ganz klar der Arbeitgeber zu tragen gehabt«, betonte die Krankenpflegerin. Das vermied die Klinikleitung letztlich dadurch, dass sie bei den Sollbesetzungen Kompromisse machte. Deren Niveau soll nun deutlich besser sein als in anderen Kliniken mit Entlastungs-Vereinbarungen.

Doch das ist nur der erste Schritt. Ab Dienstag (3. Dezember 2019) wird darüber verhandelt, was geschieht, falls die vereinbarten Schichtbesetzungen nicht eingehalten werden. Wie zuletzt in Jena soll es auch am Mainzer Uniklinikum zusätzliche freie Tage zum Ausgleich für Überlastung geben. Die konkreten Konditionen müssen noch ausgehandelt werden, wobei erneut eine harte Konfrontation zu erwarten ist. ver.di fordert, dass es bei drei unterbesetzten Schichten einen zusätzlichen freien Tag gibt. »Ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Wenn die Klinikleitung hier erneut blockiert, sind meine Kolleginnen und Kollegen wieder bereit, sich dafür einzusetzen«, erklärte Judith Wackerle. »Dass wir im ersten Schritt Sollzahlen vereinbaren konnten, ist eine gute Motivation weiterzumachen. Es hat gezeigt: Mit dem Druck der geschlossenen Gemeinschaft können wir etwas bewegen.«

Neben dem Belastungsausgleich ist der 24-Jährigen besonders wichtig, dass sich die Ausbildungsbedingungen im Uniklinikum verbessern. »Oft müssen die Auszubildenden das kompensieren, was wir nicht schaffen«, berichtete die examinierte Krankenpflegerin. »Das ist für die Auszubildenden eine blöde Situation und für uns auch.« Deshalb müsse festgeschrieben werden, dass Azubis zusätzlich eingeplant und nicht als Lückenbüßer eingesetzt werden. Zudem sollen auch die nicht-pflegerischen Bereiche von der Entlastungs-Vereinbarung profitieren. »Es reicht nicht, die Zustände nur zu beklagen. Wir haben gelernt, dass wir etwas verändern können. Und das machen wir jetzt.«

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