Berufsgenossenschaft

Für einheitliche Entlastung

Für einheitliche Entlastung

ver.di ist die größte Interessenvertretung von Erzieherinnen und Erziehern und setzt sich nachhaltig für die Aufwertung der Arbeit in den Sozial- und Erziehungsdiensten ein.

Michael Dehmlow, in ver.di zuständig für die freien Träger im Sozial- und Erziehungsdienst privat Michael Dehmlow  – Michael Dehmlow, in ver.di zuständig für die freien Träger im Sozial- und Erziehungsdienst

Ein Gespräch mit Michael Dehmlow, in ver.di zuständig für die freien Träger im Sozial- und Erziehungsdienst.

Welche Ziele verfolgt ver.di bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen von Erzieher*innen in Kindertagesstätten und Kindergärten?

Wir setzen auf die tarifrechtliche Aufwertung der Arbeit in den Sozial- und Erziehungsdiensten und eine Entlastung der Beschäftigten. Gute Arbeitsbedingungen werden wir genauso durchsetzen wie Maßnahmen zum Arbeitsschutz und zur Gesundheitsförderung. 

Erzieherinnen und Erzieher leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer Gesellschaft. Das muss mehr Anerkennung erfahren. Bessere personelle und finanzielle Rahmenbedingungen im Bereich Bildung und Soziales sind ein notwendiger Schritt in diese Richtung. Die Gestaltung eben dieser Rahmenbedingungen wird durch die einzelnen Landesgesetze bestimmt und ist somit äußerst komplex. Beispielsweise legen die Kita- Gesetze der einzelnen Länder jeweils unterschiedliche Fachkräfteschlüssel fest.

Deshalb fordert ver.di bundesweit einheitliche, verbindliche und wissenschaftlich fundierte Standards für den Personaleinsatz. So werden nicht nur die Betreuungsqualität sondern auch die Arbeitsbedingungen in der Kindertagesbetreuung verbessert. Dazu braucht es politische Anstrengungen des Bundes, der Länder und der Kommunen in Sachen Finanzierung. Aber es braucht auch die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern, Gewerkschaften, Verbänden und Elternvertretungen, die diesen Prozess begleiten und mittragen müssen.

Was muss darüber hinaus geschehen, um die Attraktivität des Berufsfeldes zu steigern?

Dass viele Kitaleitungen über unbesetzte Stellen klagen, für die es keine Bewerber*innen gibt, liegt an der langen und finanziell unattraktiven Ausbildung. Angehende Erzieherinnen und Erzieher lernen nach dem mittleren Schulabschluss in der Regel fünf Jahre. Zunächst absolvieren sie eine schulische Ausbildung zur Sozialassistenz oder Kinderpflege, danach eine meist dreijährige Fachschule. Das Problem: Während der Ausbildung verdienen die angehenden Erzieher*innen meist nichts. Im Gegenteil: Etwa die Hälfte aller Erzieherfachschulen ist privat. Dort ist oft ein Schulgeld von bis zu 700 Euro pro Jahr fällig. Kein Wunder also, dass viele Azubis die Ausbildung nicht zu Ende bringen. Um aber für Nachwuchskräfte attraktiv zu sein, sind berufliche Entwicklungsperspektiven nötig, die den immer komplexeren pädagogischen Aufgaben angemessen sind.

In den letzten Jahren ist die Gesamtanzahl der Beschäftigten in den Erziehungsberufen trotz allem gestiegen. Wieso gibt es dennoch nicht genügend Erzieher*innen?

Wir haben zwar deutlich steigende Beschäftigtenzahlen, die Anforderungen von Eltern, Gesellschaft und Politik an die Kitas steigen ebenso. Vor diesem Hintergrund ist der Betreuungsschlüssel zu hoch. Das heißt, zu viele Kinder werden von einer Fachkraft betreut. Die Kinder bleiben immer länger in der Kita, manche bis zu zehn Stunden am Tag. Auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittene Bildungsangebote werden ebenso erwartet wie die Förderung zugewanderter Kinder oder die Inklusion von Kindern mit Behinderung. Das alles ist mit den bisherigen Mitteln nicht zu realisieren.

ver.di fordert verbesserte Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in der Kindertagesbetreuung. Warum ist das ein so wichtiges Thema?

Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern und zu unterstützen, ist eine große Herausforderung. Erzieher*innen betreuen, bilden, trösten, schaffen Freiräume und nehmen sich gesellschaftlicher Problemlagen an. Sie gestalten eine soziale Gesellschaft für die Zukunft. Dieses positive Berufsbild passt aber nicht mit den Rahmenbedingungen der Arbeit zusammen. Rund ein Drittel der Erzieherinnen und Erzieher verlässt den Beruf vor dem Eintritt ins Rentenalter. Das hat verschiedene Gründe: Viele bilden sich weiter, andere aber sind mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden. Es gibt einen hohen Teilzeitanteil, befristete Beschäftigungsverhältnisse und massive Belastungen der Gesundheit. ver.di sagt: Arbeit darf nicht krank machen!

Das ist sehr allgemein. Kannst Du konkrete Belastungen nennen, die die Arbeitsbedingungen in Kindertageseinrichtungen ausmachen?

Als erstes ist der Lärm zu nennen. Lachende, quietschende und schreiende Kinder – wo Kinder sind ist natürlich Leben. Aber dieser Lärm kann auch krank machen. Kolleginnen und Kollegen aus Kitas erleben den Lärm als am meisten belastend. Ein häufiges Krankheitsbild in diesem Zusammenhang ist der Tinnitus.

Zum zweiten sind es Rücken und Muskel-Skeletterkrankungen. Erzieher*innen heben und tragen mehrfach am Tag etliche Kilogramm lebendes Gewicht. Dies beansprucht vor allem die Lendenwirbelsäule, aber auch die Kniegelenke. Die Arbeitsumgebung ist an den Körpermaßen der Kinder orientiert und verlangt von den Beschäftigten eine permanente Anpassung. Mit Kindern am Tisch malen, basteln oder spielen, das geht oft nur in gebeugter und gleichzeitig verdrehter Körperhaltung.

Ein dritter Bereich sind Infektionskrankheiten. Da Kinder häufiger krank werden und  gleichzeitig engen Kontakt zu den Erzieher*innen suchen, sind diese einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt.

Auch die emotionalen Anforderungen sind nicht zu unterschätzen. Mehr als andere Berufsgruppen gelten Erzieher und Erzieherinnen als Burnout-gefährdet. Psychische Erkrankungen liegen bei ihnen an vierter Stelle in der Skala der Krankschreibungen. Unsere Kolleginnen und Kollegen sagen: „Uns belasten das hohe Arbeitspensum, der Personal- und Zeitmangel, die zu großen Kindergruppen, mehr verhaltensauffällige Kinder, die fehlenden Möglichkeiten zur Erholung während eines Arbeitstages und die ´Emotionsarbeit` in Elterngesprächen.“

Wie können diese Belastungen verändert werden?

Die Rahmenbedingungen für die eben genannten Belastungen sind vor allem vom Arbeitgeber zu gestalten. Er trägt die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen und für die Gesundheit der Beschäftigten. Der Arbeitsschutz ist das Instrument der Wahl und ver.di die Organisation, um angemessene Entlohnung und Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Kontakt

  • Dietmar Erdmeier

    Ge­sund­heits­po­li­ti­k. The­menschwer­punk­te: EU-­Po­li­ti­k, Be­rufs­ge­nos­sen­schaft Ge­sund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pfle­ge

    030/6956-1815

  • Michael Dehmlow

    Kon­zern­be­treu­ung, So­zial- und Er­zie­hungs­dienst

    030/6956-1841