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Freude inmitten der Pandemie

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Freude inmitten der Pandemie

Physiotherapie-Azubis im brandenburgischen Neuruppin erhalten rückwirkend zum 1. Januar 2019 eine tarifliche Ausbildungsvergütung. »Das hätte niemand für möglich gehalten.«
Physiotherapie-Azubis in Neuruppin fordern eine Ausbildungsvergütung. privat Physiotherapie-Azubis in Neuruppin fordern eine Ausbildungsvergütung.

Für den angehenden Physiotherapeuten Stefan Rentschler gibt es trotz Corona-Pandemie Grund zur Freude: Weit mehr als 10.000 Euro gingen Mitte April auf seinem Konto ein. Denn rückwirkend zum 1. Januar 2019 gilt für ihn und die anderen gut 50 Physiotherapie-Azubis an der Medizinischen Bildungsakademie Neuruppin ein Tarifvertrag. Geschafft haben Rentschler und seine Mitstreiter*innen das, indem sie sich in ver.di organisiert und die Forderung nach einer Ausbildungsvergütung in die örtlichen Tarifverhandlungen eingebracht haben. »Dass wir für unsere Ausbildung Geld bekommen, hat früher niemand für möglich gehalten. Immer wieder haben wir gehört: Das wird eh nichts«, blickt er zurück. »Jetzt haben wir es geschafft – eine Sensation.«

Der heute 44-Jährige hatte schon in unterschiedlichen Berufen gearbeitet, bevor er sich dazu entschied, doch noch eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu machen. Nie hatte er dabei engeren Kontakt zu Gewerkschaften. »Ich wusste, dass es ver.di gibt, mehr aber auch nicht«, sagt er. Dann hörte er davon, dass betrieblich-schulische Auszubildende in Krankenhäusern, in denen die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes gelten, seit Anfang 2019 eine Vergütung erhalten. Ausgehend von einigen Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen hatten Auszubildende dies in einer jahrelangen Auseinandersetzung erstritten. Doch bei einer Betriebsversammlung erfuhr Rentschler, dass der Branchentarifvertrag in den Ruppiner Kliniken nicht gilt. »Der ver.di-Sekretär Ivo Garbe hat uns klar gemacht, dass wir selbst aktiv werden müssen, um die Ausbildungsvergütung zu bekommen. Und das haben wir dann auch gemacht.«

Viele Auszubildende organisierten sich in ver.di. Sie wählten Rentschler in die Tarifkommission, die ohnehin gerade über einen neuen Haustarifvertrag verhandelte. Die große Mehrheit der Tarifkommission war sofort bereit, die Tarifierung der Physiotherapie-Azubis in ihren Forderungskatalog aufzunehmen. Und auch die Klinikleitung zeigte sich offen. Dennoch zogen sich die Verhandlungen einige Monate hin, auch weil zunächst mit den Krankenkassen die Finanzierung geklärt werden musste. Vor allem in der Endphase machten die Beschäftigten mit Protestaktionen auf ihre Tarifforderungen aufmerksam. Immer mit dabei: Die angehenden Physiotherapeut*innen.

Das zahlte sich aus. »Nun gibt es am 15. jedes Monats Geld – für uns alle ein neues und sehr schönes Gefühl«, sagt Rentschler. Dass seinen Eltern ihn nun nicht mehr finanziell unterstützen müssen, ist für ihn »eine Riesen-Erleichterung«. Aber nicht nur aus persönlichen Gründen ist er froh, sich für den Tarifvertrag eingesetzt zu haben. »Die Ausbildungsvergütung bedeutet auch eine Stärkung und Aufwertung unseres Berufs – das ist mir ganz wichtig.« An gut ausgebildeten Physiotherapeut*innen gebe es großen Bedarf. Durch die Ausbildungsvergütung würden sich sicher mehr junge Menschen für diese so wichtige Arbeit entscheiden. »Das zu erreichen, wäre ohne ver.di unmöglich gewesen«, ist Rentschler überzeugt. Einen Dank schickt er auch an diejenigen, die erstmals Tarifverträge für betrieblich-schulische Auszubildende durchgesetzt haben. »Sie haben den Weg bereitet, davon haben wir profitiert.«

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