Ausbildung

»Ein guter erster Schritt«

»Ein guter erster Schritt«

Angehende Psychotherapeut*innen am Universitätsklinikum Gießen und Marburg haben sich in ver.di organisiert und eine tarifliche Bezahlung erreicht. Ermutigung für andere.


Am 1. Oktober 2021 ist es so weit: Die Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) werden Teil des dortigen Tarifvertrags. Das haben die Betroffenen gemeinsam mit ver.di durchgesetzt. »Die PiAs bekommen dadurch gut 600 Euro mehr im Monat«, rechnet ver.di-Sekretär Fabian Dzewas-Rehm vor. »Das ist gut, aber bei Weitem noch nicht das, was angesichts ihrer Qualifikation und Tätigkeit angemessen wäre.« Denn wer sich zum/zur Psychotherapeut*in qualifiziert, hat bereits ein abgeschlossenes Psychologie-Studium hinter sich. »In unseren praktischen Einsätzen erbringen wir Leistungen, die den Kliniken zugutekommen und zu einer guten Patientenversorgung beitragen«, betont Lukas Bille, der als »Praktikant« an der Gießener Uniklinik angestellt ist. »Wir machen Einzel-, Gruppen- und Bezugstherapien, sind Teil des Teams, doch unsere Arbeit wird nicht richtig anerkannt.«

Dass PiAs am UKGM nun zumindest in den Tarifvertrag aufgenommen werden, ist für den 27-Jährigen »ein Riesen-Fortschritt«. Statt der gesetzlichen Mindestvergütung von 1.000 Euro– die es auch erst seit September vergangenen Jahres gibt – erhalten PiAs in Gießen und Marburg nun 1.633 Euro im Monat. Und sie nehmen an den Lohnsteigerungen teil, die ver.di am UKGM in Zukunft aushandelt. »Ich freue mich sehr, dass wir das geschafft haben und dass ver.di sich für uns eingesetzt hat«, sagt Bille. »Auch wenn es nur 600 Euro mehr sind, erleichtert es doch das Leben.« Bislang mussten seine Eltern ihm unter die Arme greifen und er musste ans Ersparte gehen, um die Weiterbildung zum Psychotherapeuten absolvieren zu können. Mit Gewerkschaften hatte der angehende Psychotherapeut zuvor keine Berührungspunkte. »Sich mit anderen zusammenzutun, um gemeinsame Interessen zu vertreten, ist eine richtig gute Sache«, findet er. »Es ist ein gutes Gefühl, die eigenen Arbeitsbedingungen selbst beeinflussen zu können.«

Eingang des UKGM mit Warnstreik-Plakat Eren Gültekin Streik am Uniklinikum Gießen und Marburg im Dezember 2020

Das findet auch Dennis Firmansyah, der bis vor Kurzem als PiA am Uniklinikum Marburg gearbeitet hat. Bereits vor seinem praktischen Einsatz dort beteiligte er sich an einer Demonstration gegen die Übernahme des UKGM und der anderen Rhön-Kliniken durch den Asklepios-Konzern, der für seinen rabiaten Umgang mit Beschäftigtenrechten bekannt ist. »Ich finde grundsätzlich, dass die Gesundheitsversorgung keinen Profitzwängen unterworfen sein darf«, sagt Firmansyah, der noch auf der Demonstration das ver.di-Mitgliedsformular unterschrieb. »Ich wusste ja, dass ich als PiA am UKGM nicht anständig bezahlt werde. Am Anfang waren wir nicht einmal regulär sozialversichert.« Mit Unterstützung von ver.di-Aktiven und Betriebsräten erreichten Firmansyah und seine Mitstreiter*innen als Erstes, dass ihr Arbeitgeber auch für sie regulär in die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung einzahlt. »Das war ein erster Erfolg, der uns ermutigt hat, dran zu bleiben.«

Als die Tarifverhandlungen vor der Tür standen, schilderten die PiAs den Mitgliedern der ver.di-Tarifkommission ihre Lage. »Die Kolleginnen und Kollegen hatten sofort großes Verständnis und waren bereit, sich auch für uns einzusetzen«, berichtet Firmansyah. »Das finde ich das Gute an ver.di: Man sieht nicht nur die eigene Berufsgruppe, sondern ist mit anderen solidarisch.« Das hat sich im Verhandlungsergebnis niedergeschlagen, das auch durch Arbeitsniederlegungen zustande kam. Neben einer allgemeinen Lohnerhöhung und weiteren Verbesserungen vereinbarte ver.di eine Corona-Prämie, die allen Beschäftigten zugutekommt – auch den PiAs, die 225 Euro erhalten. Vor allem aber haben sie ab Oktober den Anspruch auf eine monatliche Vergütung von 1.633 Euro. »Das ist ein guter erster Schritt«, findet Firmansyah. »Mir hat das gezeigt: Wenn wir uns organisieren und in der Gewerkschaft aktiv werden, können wir einiges bewegen.«

Delphine Pommier, die im ver.di-Bundesfachbereich Gesundheit und Soziales zum Thema Berufspolitik arbeitet, sieht den Erfolg am UKGM als Ermutigung für andere. Auch an den Unikliniken in Baden-Württemberg hat ver.di vor einigen Jahren eine tarifliche Bezahlung für PiA durchgesetzt. Anderswo wird lediglich die gesetzliche Mindestvergütung von 1.000 Euro gezahlt. »Wir fordern, dass die PiAs nach ihrem Grundberuf als Psychologinnen und Psychologen vergütet werden«, erklärt Pommier. »Zudem muss gesetzlich klargestellt werden, dass die Weiterbildung in einem regulären Angestelltenverhältnis stattfinden muss. Die Bedingungen für diesen so wichtigen und qualifizierten Beruf müssen besser werden. Dafür setzt sich ver.di weiter ein.«

  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt