Ausbildung

Hohen Anforderungen gerecht werden

Interview

Hohen Anforderungen gerecht werden

Neuer Ausbildungsberuf im Bereich der Medizinprodukteaufbereitung geplant


Immer komplexere Behandlungsmethoden, auch im Krankenhaus, erfordern immer mehr Knowhow bei der Reinigung und Sterilisation der eingesetzten medizinischen Instrumente. ver.di setzt sich daher dafür ein, dass ein neuer Ausbildungsberuf geschaffen wird: die Fachkraft für Medizinprodukteaufbereitung, kurz FMA. Der Krankenpfleger und Betriebsrat am Universitätsklinikum Gießen-Marburg, Frank Eggers, treibt die Idee maßgeblich voran. Im Interview erklärt er, warum es höchste Zeit dafür ist.

Frank Eggers, Krankenpfleger und Betriebsrat am Universitätsklinikum Gießen-Marburg privat Frank Eggers, Krankenpfleger und Betriebsrat am Universitätsklinikum Gießen-Marburg

Oft kommt es nicht vor, dass ein ganz neuer Beruf geschaffen wird. Was hat euch dazu bewogen, euch für den dreijährigen Ausbildungsberuf stark zu machen?

Wir beobachten, dass die medizinischen Instrumente immer komplizierter werden, sowohl was den Aufbau als auch was das Material angeht. Sie werden hochwertiger und teurer. Ich habe als Pfleger über 35 Jahre im OP gearbeitet und selbst miterlebt, dass Behandlungsmethoden ständig komplexer werden. Dafür werden völlig neue Instrumente entwickelt. Zum Beispiel Ultraschallgeräte mit hoher Auflösung, endoskopische und laparoskopische Geräte, teilweise auch als „Intelligentes Instrument“ in Verbindung mit einem Operationsroboter. Und wer weiß, welche Behandlungsverfahren noch entwickelt werden. Da gibt es ständigen Lernbedarf.

Wie werden diese Instrumente bislang gereinigt und sterilisiert?

Für die Wiederaufbereitung sind die Kolleg*innen in der Zentralsterilisation zuständig. Durch die neuen Geräte verändert sich ihre Arbeit enorm. Im Laufe der Zeit wurden zertifizierte Reinigungs- und Sterilisationsverfahren festgelegt. Diese entwickeln sich aber ständig weiter. Die inneren Oberflächen der hochkomplexen Instrumente werden immer kleiner, und für Reinigung und Sterilisation schwerer zugänglich, die Materialien empfindlicher. Ein falscher Handgriff kann ein sehr teures Gerät zerstören. Bislang wurden die Kolleg*innen mit dem Problem alleine gelassen. Deshalb ist es wichtig, mit einem Ausbildungsberuf den hohen Anforderungen gerecht werden. Wir sind der Meinung, dass so eine wichtige Aufgabe auf Dauer nicht ungelernten Kräften überlassen werden darf.  

Wie gut werden die Kolleg*innen in der Sterilisation aktuell auf ihre Aufgaben vorbereitet?

In der Regel handelt es sich um angelernte Kräfte. Wir haben eine völlig heterogenen Zusammensetzung. Die Kolleg*innen haben keine spezielle Ausbildung, sondern Frisör*in gelernt oder ein anderes Handwerk – und werden nur durch Lehrgänge und Fortbildungen auf ihre Arbeit vorbereitet. Irgendwann wurde klar, dass das nicht reicht. Das Schlimme ist auch, dass die Kolleg*innen aufgrund der fehlenden anerkannten Ausbildung sehr schlecht bezahlt werden. Der Zwiespalt zwischen Verdienst und Verantwortung wurde im Laufe der Jahre immer größer.

Was passiert mit diesen Kolleg*innen, wenn es den neuen Beruf gibt?

Wir setzen uns dafür ein, dass langjährig erfahrende Kolleg*innen die Möglichkeit einer Nachqualifizierung erhalten. Sie müssten also nicht die vollen drei Jahre der Ausbildung noch einmal durchlaufen, sondern könnten sich mit betrieblichen Qualifizierungen auf die Externenprüfung vorbereiten. Für uns steht fest, dass es keine Zwei-Klassengesellschaft geben darf!

Die Bedarfsanalyse für den neuen Ausbildungsberuf erfolgte in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Wofür hat sich ver.di vor allem eingesetzt?

Uns ist wichtig, einen bundesweit einheitlichen Ausbildungsberuf mit staatlich anerkanntem Abschluss zu schaffen. Es soll problemlos möglich sein, nach der Ausbildung in einem anderen Bundesland zu arbeiten – ohne Lohneinbuße oder Kampf um Anerkennung des Berufes. Wir brauchen eine gute Grundlage, um künftige Eingruppierungen zu regeln. So wollen wir die Kolleg*innen aus dem Niedriglohnbereich rausholen. Nur wenn die Rahmenbedingungen stimmen, interessieren sich junge Menschen für den Beruf. Außerdem gilt es, Altersarmut zu verhindern.

Die Coronapandemie führt  noch einmal ganz deutlich die Bedeutung von Hygienestandards vor Augen. Bekommt ihr dadurch Rückenwind für den neuen Ausbildungsberuf?

Ja, auf jeden Fall. Die Corona-Pandemie sensibilisiert die Öffentlichkeit in einer vorher nicht dagewesenen Art und Weise für das Thema. Die Menschen sind sich bewusst, welche Folgen mögliche Fehler bei der Reinigung und Sterilisierung von medizinischen Instrumenten haben können. Sie erwarten, dass die Verantwortlichen auch Ahnung von ihrer Arbeit haben. Spätestens wenn in der Zeitung wieder von einem Hygieneskandal in einem Krankenhaus berichtet wird, sollte allen klar sein, wie wichtig dafür ein Ausbildungsberuf ist.

Wann soll es den neuen Ausbildungsberuf geben?

Der Prozess läuft seit mehr als vier Jahren. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat die Voruntersuchung, die von ver.di als Sozialpartner initiiert wurde, jetzt abgeschlossen. Unser Ziel ist, dass der Start so bald wie möglich erfolgt. Die Ergebnisse der Bedarfsanalyse liegen nun bei den Sozialpartnern, die gefordert sind sich auf Eckpunkte und damit auf die Implementierung zu verständigen. Danach sind noch viele Details zu klären und festzulegen. Dafür müssen wir beharrlich bei den Arbeitgebern werben.

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