Gesundheitspolitik in Europa

Pflege in deutschen Privathaushalten

Gesundheitspolitik in Europa

Pflege in deutschen Privathaushalten

Prof. Dr. Hildegard Theobald ist Professorin für Organisationelle Gerontologie an der Hochschule Vechta. Die Sozialwissenschaftlerin beschäftigt sich mit Fragen der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung älterer Menschen, auch im internationalen Vergleich.

Portrait Frau privat Prof. Dr. Hildegard Theobald

In deutschen Privathaushalten werden zunehmend Migrantinnen aus Osteuropa beschäftigt, um Pflegebedürfte im eigenen Haushalt zu versorgen. Wieso nimmt die sogenannte Live-In-Betreuung zu?

Wenn Pflegebedürftige einer umfassenden Versorgung bedürfen und die Familie diese Versorgung nicht leisten kann, entsteht eine Versorgungslücke. Denn bei einem hohen Pflege- und Betreuungsbedarf reicht es nicht aus, wenn der ambulante Pflegedienst morgens und abends eine halbe Stunde zur pflegerischen Versorgung in den Haushalt kommt. Dieser Bedarf nach Betreuung und Erreichbarkeit in schwierigen Situationen entspricht zum Teil nicht dem vorhandenen professionellen Angebot. Privathaushalte, die sich für die Anstellung einer Migrantin entschieden haben, geben z.B. an, dass es schwierig ist, eine ambulante Versorgung für die Nacht zu finden. Hinzu kommt, dass die Pflegeversicherung die Kosten für eine umfangreiche ambulante Versorgung nicht ausreichend abdeckt. Für eine Versorgung, die über die rein pflegerische Tätigkeit hinaus noch Formen von Betreuung einschließt, würden also sehr hohe private Kosten anfallen.
Während viele Aufgaben traditionellerweise von den Familien übernommen wurden, ist dies durch den gesellschaftlichen Wandel heute oft nicht mehr möglich. Ein Beispiel hierfür ist der deutliche Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit. Eine weitere Ursache für die Zunahme der Live-In-Betreuung liegt in der negativen Bewertung der stationären Versorgung in Deutschland, die sich gerade an ältere Menschen mit einem umfangreichen Pflege- und Betreuungsbedarf wendet. Viele Ältere fürchten um ihre Selbstbestimmung und Entscheidungsmöglichkeiten im regulierten Alltag der Einrichtungen. Zudem erfordert eine (sehr gute) stationäre Versorgung in Deutschland hohe private Zuzahlungen.
 
Live-In-Betreuung, d.h. die Betreuungskraft wohnt im Privathaushalt der Pflegebedürftigen, ist daher typischerweise in Haushalten zu finden, in denen ältere pflegebedürftige Personen mit einem hohen Pflege- und Betreuungsbedarf alleine leben. Das Arrangement beruht auf einer Pendelmigration. Das bedeutet die Migrantinnen leben immer zwei bis drei Monate in einem deutschen Haushalt, werden von einer weiteren Migrantin abgelöst und gehen dann für etwa die gleiche Zeit in ihr Herkunftsland zurück. Zumeist wohnt die Familie der Pflegebedürftigen in der Nähe und übernimmt organisatorische Aufgaben, kann hingegen die notwendige tägliche Unterstützung nicht leisten. In Deutschland werden vor allem Migrantinnen aus Osteuropa, zumeist aus Polen, in Privathaushalten als Live-In beschäftigt. Für deutsche Arbeitnehmer*innen ist eine solche Anstellung aufgrund des geringen Einkommens im Vergleich zu der zeitlich umfangreichen Tätigkeit und der Forderung, im Privathaushalt des Pflegebedürftigen zu wohnen, nicht interessant.
 
 
Welche Probleme ergeben sich denn genau aus einem solchem Live-In-Arrangement?

Als ein großes Problem müssen natürlich die häufig irregulären und prekären Arbeitsbedingungen in privaten Haushalten benannt werden. In der Regel sind die Betreuungskräfte Migrantinnen aus EU-Mitgliedsländern, die aufgrund des EU-Binnenmarkts das Recht haben, in Deutschland einer regulären Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wenn die Anstellung aber über den grauen Markt erfolgt, liegt kein Anstellungsvertrag mit den für Deutschland gültigen Regelungen vor. Selbst wenn es einen regulären Arbeitsvertrag gibt, werden die vereinbarten Rahmenbedingungen oft nicht eingehalten. Die Vorstellung der Älteren oder ihrer Familien, die Versorgung im Rahmen einer 24-Stunden-Betreuung an die Migrantin zu delegieren, ist bei dem umfangreichen Versorgungsbedarf der Pflegebedürftigen nicht mit den vorhandenen Regelungen einer Beschäftigung zu vereinbaren.
 
Mittlerweile bieten Vermittlungsagenturen Beschäftigungsformen an, die auf Regulierungen zum EU-Binnenmarkt basieren. Diese sind im besten Fall als halb legal zu bezeichnen. So dürfen Angestellte von einer osteuropäischen Firma für einen befristeten Zeitraum nach Deutschland entsendet werden. Für diese begrenzte Zeit gelten für die entsandten Arbeitnehmer*innen weitgehend die sozialpolitischen Standards des Herkunftslandes auch in Deutschland. Nur im Bereich des Arbeitsschutzes sind die deutschen Regelungen gültig. Hier stellt sich die Frage, inwieweit eine zwar befristete, aber sich wiederholende Beschäftigung im Rahmen einer Pendelmigration dieser Definition einer befristeten Tätigkeit entspricht. Die selbständige Tätigkeit im Privathaushalt ist ein weiteres Modell. Einige Gerichte haben diese Tätigkeit als Scheinselbstständigkeit bezeichnet und daher als nicht legal definiert. Aufgrund eines weiteren Gerichtsbeschlusses auf Bundesebene gilt dieses Modell mittlerweile unter genau definierten Voraussetzungen als legal. Im Alltag allerdings werden diese Voraussetzungen häufig nicht eingehalten. Insgesamt also unterlaufen die Arbeitsbedingungen der Live-Ins bei allen Modellen ganz klar deutsche Standards.
 
 
Gibt es darüber hinaus noch weitere Probleme?

Man muss auch über die Qualität der Versorgung sprechen. Denn in der Regel haben die Migrantinnen keine Pflegeausbildung abgeschlossen. Sie sind meist viele Stunden mit der pflegebedürftigen Person im Haushalt allein und müssen diese versorgen. Das ist nicht nur aufgrund der Arbeitszeit sehr belastend und kann zu Versorgungsfehlern führen, sondern auch schwierig, wenn nicht die nötigen Fachkenntnisse vorliegen. Die Älteren sind beispielsweise häufig an einer Demenz erkrankt. Gerade in der Demenz-Forschung gibt es viele neue Erkenntnisse, die im Rahmen einer Pflegeaus- oder Fortbildung vermittelt werden. Bei den Live-ins fehlt die Fachausbildung. Auch die Sprachbarriere muss an dieser Stelle natürlich erwähnt werden. 
 
Aus einer pflege- und gesellschaftspolitischen Perspektive ist diese Versorgungsform ebenfalls schwierig. Durch die Einzel-Betreuung in den Privathaushalten werden viele Migrantinnen hier in Deutschland beschäftigt, die in den Herkunftsländern fehlen. Man bezeichnet das auch als Care-Drain. In der Regel beschäftigt ein Haushalt zwei Live-Ins, die abwechselnd die Versorgung übernehmen. Selbst eine sehr gut ausgestattete professionelle Versorgung weist nicht diesen hohen Personalbedarf auf.
 
Außerdem setzt die Live-In-Betreuung gewisse Ressourcen der Privathaushalte voraus. Neben einem entsprechenden Einkommen, um die Betreuung finanzieren zu können, muss auch eine Wohnmöglichkeit für die Migrantin vorhanden sein. Somit ist die Live-In-Betreuung vor allem eine Lösung, die von der Mittelschicht genutzt wird und nicht für alle zugänglich ist. Die Pflegepolitik ist jedoch gefragt, Modelle für die umfassende Versorgung aller älteren Menschen mit Pflegebedarf zu entwickeln.
 
 
Gibt es eine ähnliche Entwicklung auch in anderen Ländern?

Besonders in Südeuropa, Österreich oder der Schweiz gibt es die Live-In-Betreuung, so wie wir sie in Deutschland beobachten. Trotz Anstrengungen ist es auch dort bisher nicht gelungen, diese Arbeitsverhältnisse so zu regulieren, dass man in der Alltagspraxis von einer guten Lösung sprechen kann.
 
In den skandinavischen Ländern hingegen gibt es kaum Live-In-Betreuung von pflegebedürftigen Menschen, wobei hier aufgrund der hohen Frauenerwerbstätigkeit und einer vergleichbaren demographischen Situation ähnliche Bedarfe wie in Deutschland vorliegen. In meiner Forschung untersuche ich u.a. Pflegepolitiken und die Versorgung Älterer in Schweden. Die Versorgungsbedarfe werden dort durch professionelle ambulante und stationäre Versorgung erbracht. Schwedische Privathaushalte können einen weit höheren Umfang ambulanter Versorgung erhalten, der öffentlich finanziert wird. Bei entsprechendem Bedarf kommt fünf bis sechsmal am Tag eine Pflegekraft in den Haushalt, um die Versorgung zu übernehmen und zu schauen, wie es dem Pflegebedürftigen geht. Zudem gibt es die Möglichkeit einer Nachtbetreuung oder einen Video-Check der Wohnung nach Absprache. Die Höchstgrenze der Eigenbeteiligung für diese ambulante Versorgung liegt in Schweden derzeit bei 165 Euro im Monat. Dabei hängt die genaue Höhe der Kosten vom Einkommen und vom Vermögen ab. Das selbst genutzte Wohneigentum wird nicht zum Vermögen gerechnet, sondern lediglich Mieten, die durch Wohneigentum entstehen. Die Kinder der Pflegebedürftigen sind nicht verpflichtet einen Beitrag leisten. Somit ist eine umfassende und professionelle Betreuung tatsächlich für alle zugänglich.
 
Zudem hat auch die stationäre Versorgung in Schweden ein höheres qualitatives Niveau als in Deutschland, was mit einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz einhergeht. Große Einzelzimmer ausgestattet mit eigenen Möbeln und einer Küchenzeile ermöglichen ein eigenes, selbstbestimmtes Leben. Ein besserer Personalschlüssel und kleinere Wohngruppen, etwa für Demenzerkrankte, führen zu einer höheren Qualität in der Versorgung. Zudem ist die stationäre Versorgung für die Schweden gut bezahlbar.
 
 
Welche Handlungsansätze lassen sich aus diesen Erkenntnissen für Deutschland ableiten?

Weil sich die Live-In-Betreuung in Deutschland mittlerweile etabliert hat, muss man diese Arrangements natürlich arbeitsrechtlich regulieren und Möglichkeiten finden, die Regulierungen im Alltag auch umzusetzen. In der Folge wird diese Art der Betreuung natürlich teurer und noch schwieriger zugänglich werden. Viel wichtiger ist es daher, dafür zu sorgen, dass dieser umfassende Versorgungsbedarf durch gesellschaftlich akzeptierte ambulante und stationäre bzw. gemeinschaftliche Formen der Versorgung, wie etwa Tagesbetreuung oder Wohnpflegegemeinschaften, gedeckt wird. Dazu gehört auch eine höhere öffentliche Finanzierung, welche die Kosten für den Einzelnen deckelt. Ein solch professionelles System birgt Vorteile für alle Beteiligten: faire und vor allem regulierte Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und eine qualitativ hochwertige Versorgung für alle Pflegebedürftigen.
 

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  • Dietmar Erdmeier

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