Gesundheitspolitik in Europa

Pflegekräfte wollen kürzer arbeiten

Arbeitszeit

Pflegekräfte wollen kürzer arbeiten

Österreichs Gewerkschaften fordern 35-Stunden-Woche für die Sozialwirtschaft. Ihr Argument: Die Arbeit muss attraktiver werden, um in Zukunft genug Beschäftigte zu gewinnen.

Protestaktion für die 35-Stunden-Woche am 5. Februar 2020 in Wien. Quelle: GPA-djp Protestaktion für die 35-Stunden-Woche am 5. Februar 2020 in Wien.

Ab dem heutigen Dienstag (11. Februar 2020) wird in Österreichs Sozialwirtschaft gestreikt. Denn die Tarifverhandlungen für die rund 125.000 Beschäftigten in Pflege-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sind am Montagabend nach 13 Stunden erneut ergebnislos abgebrochen worden. Dabei stellen die Gewerkschaften GPA-djp und vida nur eine einzige Forderung: Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden – bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Ihr zentrales Argument ist, dass die Berufe angesichts des zunehmenden Bedarfs an Arbeitskräften attraktiver werden müssen.

»Die Kolleginnen und Kollegen brauchen eine Arbeitszeitverkürzung. Das werden sie bei den Streiks zeigen«, kündigte Michaela Guglberger von der Gewerkschaft vida am späten Montagabend an. Vor allem am Mittwoch (12. Februar 2020) soll es im ganzen Land zu Warnstreiks kommen. Die betrieblichen Abläufe würden dadurch beeinträchtigt, es müsse sich aber niemand um die Gesundheit oder Würde ihrer Angehörigen sorgen, heißt es von den Gewerkschaften. Diese begründen ihre Forderung mit der hohen Arbeitsbelastung: »Die Beschäftigten im Sozialbereich leisten emotionale und körperliche Schwerstarbeit. Wir fordern die 35-Stunden-Woche, um die Arbeitsbedingungen in Bereichen wie Pflege und Betreuung zu verbessern«, erklärte die Verhandlungsführerin der Gewerkschaft GPA-djp, Eva Scherz.

In den kommenden zehn Jahren würden in Österreich rund 76.000 neue Pflegekräfte gebraucht, deshalb müsse die Arbeit attraktiver werden. Imagekampagnen, Kopfgelder oder Infoveranstaltungen seien nicht ausreichend, betonte Scherz. Nur durch gute Arbeitszeitmodelle und eine bessere Entlohnung könnten genug Menschen für den Pflegeberuf gewonnen werden. Für die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung gebe es unter den Kolleginnen und Kollegen eine »überwältigende Zustimmung«. Das hatte sich Mitte Januar bei rund 120 Betriebsversammlungen ebenso gezeigt wie bei einer Demonstration von fast 1.000 Beschäftigten am 5. Februar auf dem Wiener Stephansplatz. »Die 35-Stunden-Woche ist ein großes Anliegen in den Betrieben, das war klar spürbar«, berichtete Scherz.

Protestaktion für die 35-Stunden-Woche am 5. Februar 2020 in Wien. Quelle: GPA-djp Protestaktion für die 35-Stunden-Woche am 5. Februar 2020 in Wien.

Geführt werden Tarifverhandlungen für Pflege- und Betreuungskräfte, Sozialarbeiter*innen und Tagesmütter, die bei Sozialverbänden wie Volkshilfe, Hilfswerk, Lebenshilfe und Pro Mente angestellt sind. Indirekt würden sich Verbesserungen im Flächentarifvertrag auch auf die Bedingungen bei der Caritas, der Diakonie, dem Roten Kreuz und den SOS Kinderdörfern auswirken. Zwischenzeitlich sah es bei den Gesprächen so aus, als wäre eine Etappenlösung für die Einführung der 35-Stunden-Woche möglich. Doch seit Ende Januar verweigern die Arbeitgeber konstruktive Vorschläge. Vor allem die Pflegeheimbetreiber lehnen die geforderte Arbeitszeitverkürzung ab – wegen des Personalmangels.

Die Gewerkschaften lassen dieses Argument nicht gelten. Bei einer Teilzeitquote von 70 Prozent sei es »überhaupt kein Problem, die wegfallenden Stunden durch Teilzeitkräfte wieder aufzustocken«, so Guglberger von vida. »Es ist genug Personal da. Wir haben keinen Fachkräftemangel, sondern ein unglaubliches Fachkräftepotenzial«, ergänzte Scherz von GPA-djp. »Die frei werdenden Stunden sollen auf Teilzeitkräfte verteilt werden.« Bislang werden in Österreichs Pflegeeinrichtungen nur selten Vollzeitstellen ausgeschrieben. Für Teilzeitangestellte würde die geforderte Arbeitszeitverkürzung eine Erhöhung des Stundenlohns um 8,6 Prozent bedeuten.

Das Angebot der Arbeitgeber, geringe Lohnerhöhungen zu zahlen und die Auseinandersetzung um Arbeitszeitverkürzung in die Betriebe zu verlagern, haben die Gewerkschaften abgelehnt. »Nachdem die Arbeitgeber nicht zu konstruktiven Verhandlungen bereit sind, erhöhen wir jetzt die Schlagzahl«, sagte Scherz. Ob die Arbeitgeber das Signal der Warnstreiks und Proteste verstehen, wird sich am 17. Februar zeigen. Dann wird weiterverhandelt.

Solidaritätsbotschaften an: service@gpa-djp.at und info@vida.at

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