Gesundheitspolitik in Europa

Für gute Pflege in Europa

Für gute Pflege in Europa

Europäischer Gewerkschaftsverband macht mit Aktionswoche Druck auf die EU-Institutionen und Mitgliedstaaten, grundlegende Verbesserungen in der Altenpflege voranzubringen.
EGÖD-Aktion am 29. Oktober 2021 in Brüssel: Die Arbeitsschuhe symbolisieren Pflegekräfte, die ihren Beruf aufgegeben haben. privat EGÖD-Aktion am 29. Oktober 2021 in Brüssel: Die Arbeitsschuhe symbolisieren Pflegekräfte, die ihren Beruf aufgegeben haben.

Dutzende weiße Clogs stehen am 29. Oktober 2021 auf einer abgesperrten Straße vor dem Gebäude des Europarats in Brüssel. Dahinter in großen Ziffern: 421.000. Mit den Arbeitsschuhen und der Zahl machen Aktivist*innen des Europäischen Gewerkschaftsverbands für den öffentlichen Dienst (EGÖD) deutlich, wie viele Beschäftigte in Pflegeeinrichtungen auf dem Kontinent ihre Berufe aufgegeben haben. »Seit eineinhalb Jahren sind wir im Ausnahmezustand, aber uns geht die Luft aus«, berichtet die Altenpflegerin Ikla Steck von der Evangelischen Heimstiftung Baden-Württemberg, die zur Aktionswoche nach Brüssel gereist ist. »Viele meiner Kolleginnen und Kollegen geben auf, viele reduzieren ihre Arbeitszeit. Es ist einfach nicht leistbar. Wir haben keine Superkräfte, wir sind auch nur Menschen. Wir haben auch eigene Familien, wir haben nur einen Rücken.«

Auch aus Spanien, Belgien und den Niederlanden sind Delegierte der Pflegekräfte an den Sitz der EU gekommen, um deutlich zu machen: Die Situation in der Pflege zu verbessern, ist auch eine europäische Aufgabe. Im Zuge der Corona-Pandemie scheint das auch in Teilen der Brüsseler und Straßburger Institutionen angekommen zu sein. So hat die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, die Entwicklung einer »europäischen Pflegestrategie« angekündigt. Der EGÖD, dem auch ver.di angehört, fordert, diese Ankündigung rasch mit Leben zu füllen. Konkret setzt sich der Gewerkschaftsverband unter anderem für eine auskömmliche Finanzausstattung, bedarfsgerechte Personalschlüssel, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege ein. Kollektivverhandlungen sollen gestärkt und die Privatisierung von Pflegeeinrichtungen zurückgedrängt werden.

Die Corona-Pandemie habe die Probleme im Pflegesektor noch verschärft, heißt es im Aktionsaufruf des EGÖD. So sei die Hälfte aller Covid-bedingten Todesfälle in Europa während der ersten Welle der Pandemie in Pflegeeinrichtungen zu beklagen gewesen. Vor diesem Hintergrund fordert der Gewerkschaftsverband, »den katastrophalen Umgang mit der Pandemie in den Langzeitpflegeeinrichtungen« in einem Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlaments aufzuarbeiten. Bislang wird dieser Vorschlag von 88 Europaabgeordneten aus sechs Fraktionen unterstützt.

In ganz Europa dieselben Probleme

Die Altenpflegerin Ilka Steck aus Baden-Württemberg im EU-Parlament privat Die Altenpflegerin Ilka Steck aus Baden-Württemberg im EU-Parlament

Für die Altenpflegerein Ilka Steck ist es »ein Armutszeugnis, dass es nicht vorangeht«. Es brauche mehr als leere Versprechungen, Ankündigungen und Lobeshymnen. »Jetzt muss auch die EU zu ihrem Wort stehen und den Druck auf die Mitgliedsstaaten erhöhen. Pflege muss nach vorne, die Altenpflege muss ins Bewusstsein aller!« Die von der EU-Kommissionspräsidentin angekündigte Pflegestrategie müsse mit konkreten Maßnahmen untermauert werden.

Das machte die Gewerkschafterin auch in Gesprächen mit EU-Parlamentariern verschiedener Fraktionen in Brüssel deutlich. Die Politiker*innen hätten allesamt erklärt, dass sie sich für gute Pflege und bessere Arbeitsbedingungen einsetzen wollen. »Das dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse bleiben. Die EU und die Mitgliedsstaaten müssen handeln – und zwar jetzt.«

Um finanzielle Aufwertung und bessere Arbeitsbedingungen in der Altenpflege zu erreichen, brauche es selbstbewusste und engagierte Beschäftigte, betont Ilka Steck – und eine intensive, grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Gewerkschaften. »Es war sehr spannend, mehr über die Situation in anderen Ländern zu erfahren. Überall in Europa gibt es dieselben Probleme von Personalmangel, unzureichender Bezahlung, Überlastung und Berufsflucht. Dagegen müssen wir gemeinsam angehen.«

Delegierte von Pflegekräften aus verschiedenen Ländern Europas protestieren am Sitz der EU. privat Delegierte von Pflegekräften aus verschiedenen Ländern Europas protestieren am Sitz der EU.
  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt

  • Dietmar Erdmeier

    Ge­sund­heits­po­li­ti­k. The­menschwer­punk­te: EU-­Po­li­ti­k, Be­rufs­ge­nos­sen­schaft Ge­sund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pfle­ge

    030/6956-1815