Gesundheitspolitik in Europa

Europaweit am Limit

COVID-19

Europaweit am Limit

Überall in Europa hat die Corona-Pandemie strukturelle Probleme in der Altenpflege sichtbar gemacht und verschärft. Gewerkschaften fordern grundlegende Schlussfolgerungen.
Care Workers on the Covid 19 Frontline Friedrich-Ebert-Stiftung Care Workers on the Covid 19 Frontline

Am Freitag (7. Mai 2021) tagt in Porto der EU-Sozialgipfel. Dieser muss sich dringend mit nötigen Verbesserungen in der Altenpflege befassen, so der Tenor einer Online-Konferenz des Europäischen Gewerkschaftsverbands für den öffentlichen Dienst (EGÖD) und der Friedrich-Ebert-Stiftung am Dienstag (4. Mai 2021). »Europaweit sind Pflegekräfte mit zu wenig Personal, schlechten Arbeitsbedingungen und unzureichendem persönlichen Schutz konfrontiert«, erklärte die EGÖD-Präsidentin Mette Nord zum Auftakt der Tagung. »Sie haben trotzdem weitergearbeitet und diejenigen geschützt, die Hilfe brauchen.«

Zwar ist die Altenpflege von Land zu Land und teilweise von Region zu Region ganz unterschiedlich organisiert. Wie sehr sich die Probleme innerhalb Europas dennoch ähneln, wird in einem Bericht deutlich, den die Friedrich-Ebert-Stiftung, die schwedische Gewerkschaft Kommunal und die Stockholmer Denkfabrik Arena Idé auf der Konferenz vorstellten. Überall habe die Pandemie die strukturellen Probleme deutlich gemacht, unter denen die Altenpflege schon vorher litt, erklärte die Autorin der Studie, Lisa Pelling. »Die Corona-Pandemie traf auf einen Bereich, der schon vorher unterfinanziert war, in dem es an Personal fehlt und der nicht genug Wertschätzung erfährt«, so die Direktorin von Arena Idé. Die Altenpflege sei zudem überall in Europa extrem fragmentiert, mit einem großen und weiter wachsenden Anteil kommerzieller Träger und größtenteils geringen gewerkschaftlichen Organisationsgraden.

Laut Studie haben der Personalmangel und die schlechten Arbeitsbedingungen einen gravierenden Anteil daran, dass in der ersten Phase der Corona-Pandemie fast jeder zweite Todesfall auf Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen entfiel. Diese und die Beschäftigten seien weitgehend alleingelassen worden. Vielerorts fehlte es an Schutzausrüstung und anderen Ressourcen. Beschäftigten mussten unter hohem psychischem Druck arbeiten und viele Überstunden machen, teilweise erhielten sie im Krankheitsfall nicht einmal eine Lohnfortzahlung.

Die europäischen Gewerkschaften setzen sich dafür ein, dass die nötigen Schlussfolgerungen aus diesen Erfahrungen gezogen werden. Dazu zählt unter anderem, dass genug Schutzmaterial und regelmäßige Tests zur Verfügung stehen und dass die Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Betrieben kontrolliert werden. Nicht nur in Deutschland, auch in Spanien und anderswo steht streiten die Gewerkschaften für bedarfsgerechte und verbindliche Personalvorgaben. Zudem fordern sie die Anerkennung von Covid-19 als Berufskrankheit, die Zurückdrängung prekärer Beschäftigung und Insourcing statt weiterer Ausgliederungen. Über die unmittelbare Krisenbewältigung hinaus setzen sich die Gewerkschaften für die Weiterentwicklung der Versicherungssysteme ein – zum Beispiel in Deutschland für das Konzept der »Solidarischen Pflegegarantie«.

»Die Berichte zeigen, wie sehr sich die Probleme ähneln und dass die Gewerkschaften überall in Europa an den Lösungen arbeiten«, erklärte Dietmar Erdmeier, der bei ver.di für europäische Gesundheitspolitik zuständig ist. Der Austausch von Erfahrungen sei sehr hilfreich, die Beschäftigten in Europa könnten voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen. Auch der Dialog mit den Arbeitgebern müsse auf europäischer Ebene intensiviert werden, um die Altenpflege zu stärken. Der EGöD schlägt deshalb vor, wie im Bereich Krankenhäuser EU-weit einen Sozialen Dialog für die sozialen Dienste zu etablieren, in dem sich Arbeitgeber zu Sozialpartnerschaft und Guter Arbeit verpflichten. »Jetzt müssen in allen Bereichen die richtigen Konsequenzen aus den Erfahrungen in der Pandemie gezogen werden – im Betrieb und in den Unternehmen, auf nationaler und internationaler Ebene«, forderte Erdmeier.

  • 1 / 3

Weiterlesen

Kontakt

  • Dietmar Erdmeier

    Ge­sund­heits­po­li­ti­k. The­menschwer­punk­te: EU-­Po­li­ti­k, Be­rufs­ge­nos­sen­schaft Ge­sund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pfle­ge

    030/6956-1815