AWO

100 Jahre AWO – 100 Prozent Tarif

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100 Jahre AWO – 100 Prozent Tarif

Teilnehmer*innen der ver.di-Tarifkonferenz sind sich einig: Die Arbeiterwohlfahrt muss sich ihrer Wurzeln besinnen und wieder einen bundesweiten Tarifvertrag vereinbaren.

Teilnehmer*innen der AWO-Tarifkonferenz ver.di Teilnehmer*innen der AWO-Tarifkonferenz

Der politische Anspruch der Arbeiterwohlfahrt und die Wirklichkeit in den Betrieben des vor 100 Jahren gegründeten Wohlfahrtsverbands klaffen weit auseinander. Das kritisierten die 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der AWO-Tarifkonferenz am 12. und 13. März 2019 in Leipzig. ver.di-Tarifkoordinator Axel Weinsberg kritisierte, dass ein einheitliches Tarifniveau für die rund 230.000 Beschäftigten trotz anderslautender Beschlüsse und Erklärungen nicht in Sicht sei. Seitdem die AWO den bundesweiten Tarifvertrag 2006 kündigte, sei eine extreme »Tarifzersplitterung« entstanden, die in deutlichem Gegensatz zum Prinzip »gleicher Lohn für gleiche Arbeit« stehe.

Die Berichte der Betriebsrätinnen und Betriebsräte, die aus dem ganzen Bundesgebiet nach Leipzig gekommen waren, bestätigten das eindrücklich. Während die Arbeiterwohlfahrt mancherorts zu 100 Prozent nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt, gibt es anderswo deutlich schlechtere oder gar keine Tarifregelungen. Marion Leonhardt, die in der ver.di-Bundesverwaltung für Wohlfahrtsverbände zuständig ist, verwies darauf, dass die AWO in ihrem Grundsatzprogramm selbst erklärt, die Soziale Arbeit dürfe nicht »dem freien Spiel von marktwirtschaftlichen Kräften preisgegeben« werden. Doch de facto habe die Arbeiterwohlfahrt dem durch politische Entscheidungen geschaffenen Konkurrenzdruck nachgegeben und auf Kostenreduktion zu Lasten der Beschäftigten gesetzt.

ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler betonte, die seit 1919 bestehende AWO habe »eine stolze Geschichte«. Im Jubiläumsjahr werde ver.di sie »immer wieder an ihre Wurzeln und Wertvorstellungen erinnern«. Die zentrale Forderung der Gewerkschaft ist die Rückkehr zu einem bundesweiten Tarifvertrag mindestens auf dem Niveau des TVöD. Die Teilnehmer*innen der Konferenz bekräftigten dies in einer Resolution mit dem Titel »100 Jahre AWO – 100 Prozent Tarif«. Nur ein bundesweiter Tarifvertrag könne garantieren, dass »dort, wo AWO draufsteht, auch AWO drin ist«, sagte Bühler. Für diese Position will ver.di in den kommenden Monaten offensiv eintreten – auf politischer Ebene, aber auch in den Betrieben.

Teilnehmer*innen der AWO-Tarifkonferenz ver.di Teilnehmer*innen der AWO-Tarifkonferenz

Dass Erfolge möglich sind, zeigt das Beispiel Mecklenburg-Vorpommern, wo ver.di mit etlichen AWO-Kreisverbänden über einen landesweiten Tarifvertrag verhandelt. »Zu Beginn der Verhandlungen 2016 haben wir in einer gemeinsamen Erklärung festgehalten: Am Ende muss der TVöD stehen«, erklärte der ver.di-Landesfachbereichsleiter im Norden, Steffen Kühhirt. Seit dem 1. Januar 2018 gilt für die AWO in Mecklenburg-Vorpommern ein Manteltarifvertrag, der bis auf wenige Details dem TVöD entspricht. »Das ist ein echter Meilenstein, besonders wenn man bedenkt, dass viel Einrichtungen über 20 Jahre ohne Tarifvertrag waren«, erläuterte Kühhirt. Seither wird über die Lohnhöhe verhandelt, was angesichts der sehr unterschiedlichen Verhältnisse in den Kreisverbänden langwierig und kompliziert ist. »Jeder Kreisverband kommt von einem anderen Niveau, zum Teil liegen die Entgelte um 15 bis 35 Prozent unter dem TVöD«, so der Gewerkschafter. Diese anzugleichen sei »extrem anspruchsvoll«.

Doch es lohnt sich. Mittlerweile habe ver.di über die Hälfte der AWO-Einrichtungen in dem Bundesland tariflich gesichert, so Kühhirt. »Das macht sich auf dem Markt bemerkbar. Zum Teil hat das eine Tarifdynamik ausgelöst, von der auch Beschäftigte anderer Träger profitieren.« So zum Beispiel in Rostock, wo die Entgelte bei der AWO um 38 Prozent angehoben wurden und mittlerweile alle Wohlfahrtsverbände auf TVöD-Niveau bezahlen. Als Erklärung für die Kompromissbereitschaft der AWO-Geschäftsführer im Nordosten nannte Kühhirt den hohen Fachkräftebedarf. »Sie wissen, dass sie besser bezahlen müssen, weil die Leute sonst weggehen.«

Anderswo ist viel Druck nötig, um die AWO zu Zugeständnissen zu bewegen. So zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wo sich im Februar tausende Beschäftigte an Warnstreiks beteiligten. Wie immer in NRW gingen die ver.di-Aktiven den Tarifkonflikt sehr kreativ an. Unter dem Motto »Solidarität zaubert Erfolge« zogen Zauberer und Hexen durch die Einrichtungen, um für Aktionen zu mobilisieren. »Als die Arbeitgeber ver.di als Scharfmacher beschimpften, haben wir an die Streikenden scharfe Currywurst ausgegeben«, berichtete Hajo Schneider vom AWO-Seniorenzentrum Schwafheim in Moers. Mit solcher Kreativität und Entschlossenheit erreichte ver.di schließlich einen Kompromiss, der derzeit in der Mitgliedschaft diskutiert wird. Mehr als 800 AWO-Beschäftigte traten ver.di während der Auseinandersetzung in NRW bei.

Pressemitteilung

Konferenz von Beschäftigtenvertreter/innen der AWO fordert:
100 Jahre AWO – 100 Prozent Tarif

Pressemitteilung Berlin, 13.03.2019. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in ihrem Jubiläumsjahr auf, wieder für alle ihre rund 230.000 Beschäftigten Tarifverträge anzuwenden. »100 Jahre AWO – das ist ein Grund zum Feiern und ein guter Anlass, die eigenen Leitsätze auch im Umgang mit den Beschäftigten zu erfüllen«, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler am Mittwoch bei einer Tarifkonferenz der Gewerkschaft in Leipzig. Die 70 Beschäftigtenvertreter*innen aus AWO-Einrichtungen des ganzen Bundesgebiets bringen in einer Resolution ihre Forderung auf den Punkt: 100 Jahre AWO – 100 Prozent Tarif.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz verlangen, die zwingende Tarifbindung wieder in der AWO-Satzung zu verankern. Künftig sollten nur noch Einrichtungen das AWO-Logo verwenden dürfen, für die ein ver.di-Tarifvertrag gelte. Ziel müsse perspektivisch wieder ein bundesweiter Tarifvertrag für alle AWO-Einrichtungen und -Töchter mindestens auf dem Niveau des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) sein. Zudem müsse jeder AWO-Arbeitgeber gute und gesunde Arbeitsbedingungen sicherstellen.

»Die Grundgedanken der AWO sind Solidarität und Gerechtigkeit. Diese Werte müssen auch den Alltag der professionellen Helferinnen und Helfer in den Einrichtungen bestimmen«, betonte Bühler. Seit der Verband den Bundestarifvertrag 2006 kündigte, sei ein Flickenteppich mit unterschiedlichen Lohnniveaus und Arbeitsbedingungen entstanden. »Wenn sich die Wohlfahrtsverbände auf einen Kostensenkungswettlauf mit kommerziellen Anbietern einlassen, schadet das am Ende den Beschäftigten und den hilfebedürftigen Menschen." Positiv sei aktuell das große Bemühen der AWO, einen flächendeckenden Tarifvertrag in der Altenpflege auf den Weg zu bringen.

»Gemeinsam mit der AWO streiten wir für die Aufwertung des Sozialen in der Gesellschaft. Die Beschäftigten in der Alten- und Krankenpflege, im Sozial- und Erziehungsdienst, in Behinderteneinrichtungen und Beratungsstellen leisten jeden Tag hervorragende Arbeit, um Menschen zu helfen. Sie haben gute Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung für die anspruchsvollen Tätigkeiten verdient«, so Bühler. Als bedeutender Akteur könne der Wohlfahrtsverband einen wichtigen Beitrag leisten, gute Standards im Gesundheits- und Sozialwesen zu schaffen. "Dafür reichen wir der AWO von ganzem Herzen die Hand und gratulieren ihr zum Jubiläum«, so Bühler. »Im Werben um gesuchte Fachkräfte sind gute Tarifverträge außerdem ein dickes Plus.«

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