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Hamburger Asklepios-Lehrer im Streik

Medizinische Akademie

Hamburger Asklepios-Lehrer im Streik

Schluss mit Ungerechtigkeit: Beschäftigte der Medizinischen Akademie Hamburg (MAH) haben erstmals ihre Arbeit niedergelegt, weil sie deutlich schlechter verdienen als andere.
Beschäftigte der Medizinischen Akademie Hamburg (MAH) haben erstmals ihre Arbeit niedergelegt, weil sie deutlich schlechter verdienen als andere. ver.di Beschäftigte der Medizinischen Akademie Hamburg (MAH) haben erstmals ihre Arbeit niedergelegt, weil sie deutlich schlechter verdienen als andere.

Ungerechtigkeit – das ist die entscheidende Motivation der Beschäftigten der Asklepios Medizinischen Akademie Hamburg (MAH), die am Mittwoch (4. Dezember 2019) erstmals überhaupt ihre Arbeit niedergelegt haben. Sie fordern den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). Dieser gilt nicht nur im Mutterkonzern Asklepios, sondern seit Anfang 2019 auch für die betrieblich-schulischen Auszubildenden, die in der Akademie unterrichtet werden. »Dass für unsere Auszubildenden eine tarifliche Vergütung durchgesetzt wurde ist super«, sagt der Leiter der Ergotherapie-Schule, Martin Eisenblätter. »Das hat uns den letzten Anstoß gegeben, auch für uns den Tarifvertrag einzufordern.« Mit ihrem Warnstreik folgen die MAH-Beschäftigten zudem dem Vorbild der Asklepios-Belegschaften im niedersächsischen Seesen und im bayerischen Lindenlohe, die in den vergangenen Wochen immer wieder für die Übernahme des TVöD in den Streik getreten sind.

Die Beschäftigten der Medizinischen Akademie Hamburg haben eine Odyssee hinter sich. Als Teil des Landesbetriebs Krankenhäuser wurden sie vor zwölf Jahren an Asklepios verkauft. Der kommerzielle Klinikbetreiber veräußerte die Schule für Ergo- und Physiotherapie kurz darauf an den Internationalen Bund weiter – wodurch die Bindung an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes verlorenging. Einige Jahre später kam Asklepios angesichts des Therapeutenmangels auf die Idee, die Schule zum 1. Januar 2018 zurückzukaufen, die mittlerweile um eine Schule für Logopädie ergänzt worden war. Doch anders als ihre Kolleginnen und Kollegen im konzerneigenen Bildungszentrum für Gesundheitsberufe sind die MAH-Beschäftigten auch seither ohne tarifvertraglichen Schutz. Diese Ungerechtigkeit wollen sie jetzt beenden.

Denn die Gehälter in der Akademie liegen deutlich unter dem Niveau des TVöD. Der Betriebsratsvorsitzende Eisenblätter schätzt die Differenz auf 15 bis 20 Prozent. Meist verdienen Vollzeitbeschäftigte mehrere hundert, manche gar bis zu 1.000 Euro weniger im Monat. Doch auch innerhalb der Belegschaft gibt es etliche Ungerechtigkeiten. Je nach Marktlage und Verhandlungsgeschick verdienen manche etwas mehr, andere weniger. »Wir hatten schon den Fall, dass neu eingestellte Lehrkräfte ein höheres Gehalt hatten als diejenigen, die schon lange da sind«, berichtet Eisenblätter. Die Interessenvertretung habe das problematische Lohngefüge immer wieder mit der Geschäftsleitung angesprochen. »Das hat nichts genutzt, die Intransparenz wurde nur noch größer. Deshalb haben wir irgendwann gesagt: Jetzt gehen wir zu ver.di fordern den Tarifvertrag.« Inzwischen sei die Belegschaft gewerkschaftlich »komplett durchorganisiert«, berichtet Eisenblätter nicht ohne Stolz.

Streik an der Medizinischen Akademie Hamburg ver.di Streik an der Medizinischen Akademie Hamburg

Erfolg der #unbezahlt-Bewegung gibt den Anstoß

Eine wichtige Rolle hat dabei der Erfolg der #unbezahlt-Bewegung betrieblich-schulischer Auszubildender gespielt. Diese hat im öffentlichen Dienst und darüber hinaus die Einbeziehung von Auszubildenden der Medizinisch-Technischen Assistenz, der Physio- und Ergotherapie sowie der Diätassistenz, Orthoptik und Logopädie in die Tarifverträge erreicht. In der Medizinischen Akademie Hamburg hatte das zur Folge, dass die Auszubildenden nicht mehr mit der Schule, sondern direkt mit der Klinik einen Ausbildungsvertrag haben. »In der MAH sind nur die Mitarbeiter und Lehrkräfte geblieben – offenbar mit dem einzigen Zweck, sie aus dem Tarifvertrag herauszuhalten«, kritisiert Hilke Stein, die bei ver.di in Hamburg für das Gesundheits- und Sozialwesen zuständig ist. Sie hält es für »völlig irrwitzig, für 18 Beschäftigte einen eigenen Tarifvertrag zu entwickeln, wenn der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes, der für die Kliniken gilt, von den Krankenkassen finanziert wird«. Es müsse »Schluss sein mit der Ausgliederitis und der Tarifflucht bei Asklepios«.

»Viele hat der Streik Überwindung gekostet, aber es sind alle dabei.«

Die Lehrkräfte in der Akademie sorgen sich nicht nur um ihre Bezahlung, sondern auch um die Zusammenarbeit mit den Auszubildenden. Diese seien nun zwar bei der Klinik angestellt, aber dort sei niemand richtig zuständig, heißt es. Deutlich wurde das auch beim Streik. »Wir haben den Auszubildenden gesagt, sie sollen sich an ihre Vorgesetzten wenden – da gab es große Augen. Denn die kennt keiner von ihnen«, berichtet Eisenblätter. Er und seine Kolleg*innen befürchten, dass sie durch die organisatorische Trennung weiter von den Auszubildenden entfernt werden. »Uns allen liegen die Auszubildenden sehr am Herzen. Viele hat der Streik deshalb Überwindung gekostet, aber es sind alle dabei.«

Sie hoffen nun, dass Asklepios das Signal des Warnstreiks verstanden hat und bei der nächsten Verhandlungsrunde am 9. Dezember auf die Beschäftigten zugeht. Bislang hat der Konzern zwar die Übernahme der meisten Regelungen im Manteltarifvertrag angeboten, allerdings soll es keine Jahressonderzahlung geben und die Entgelttabelle soll um 300 bis 500 Euro monatlich abgesenkt sein. Die Gewerkschafterin Stein hält dagegen: »Für eine solche Sonderbehandlung gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Die Kolleginnen und Kollegen in der MAH leisten dieselbe Arbeit wie die Lehrkräfte im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe und müssen dafür auch dasselbe Geld erhalten – zumal das wirtschaftliche Risiko für den Konzern bei 18 Beschäftigten sehr überschaubar ist.« Sollte die Asklepios-Spitze dennoch nicht einlenken, werden die Lehrkräfte in der Hansestadt wohl noch öfter auf die Straße gehen. Damit endlich Gerechtigkeit einkehrt.

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