AMEOS

Heuschrecke als Mutmacher

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Heuschrecke als Mutmacher

Ameos-Beschäftigte aus Niedersachsen besuchen streikende Kolleg*innen in Sachsen-Anhalt und bringen ein überdimensioniertes Insekt mit – und neue Streiklieder, zur Ermutigung.
große Heuschrecke und Demonstrationszug Christian Jungeblodt Die Heuschrecke zu Besuch in Aschersleben: Streik der Ameos-Beschäftigten im Januar 2020

Über 300 Kilometer ist Claudia Welk am Mittwochmorgen (29. Januar 2020) mit dem Lastwagen aus dem niedersächsischen Osnabrück nach Aschersleben in Sachsen-Anhalt gefahren. Auf der Ladefläche: eine vier Meter lange Heuschrecke, Baujahr 2016, gefertigt von Streikenden während des zwölfwöchigen Arbeitskampfs in den Ameos-Kliniken Hildesheim und Osnabrück. Die Sozialarbeiterin Welk und einige ihrer Kolleg*innen haben das überdimensionierte Insekt nach Sachsen-Anhalt gebracht, um den Ameos-Beschäftigten dort Mut zu machen, die seit Wochenbeginn unbefristet für einen Tarifvertrag streiken. »Wir wissen, wie gut es tut, die Solidarität von anderen zu spüren«, sagt Welk. »Was die Kollegen hier machen, ist echt beeindruckend.«

Die Stimmung der in Aschersleben versammelten Streikenden ist nicht nur kämpferisch, sondern auch fröhlich – obwohl die Unternehmensleitung permanent versucht, sie mit angedrohten Massenentlassungen und der fristlosen Kündigung von mindestens 14 Aktivist*innen einzuschüchtern. Marc P.* ist einer der Gekündigten. Seit 23 Jahren arbeitet der Fachkrankenpfleger für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Ameos-Klinikum Haldensleben. Er ist in der ver.di-Tarifkommission aktiv und war bei jedem Warnstreik dabei, was er als eigentlichen Grund für die Kündigung sieht. »Anfänglich waren die Leute eingeschüchtert, aber jetzt sind sie noch wütender. Der Zusammenhalt ist sensationell.« Ein Beleg dafür sitzt neben ihm im Streiklokal: Bianca S. ist zwei Tage nach der Entlassung ihres Kollegen ver.di beigetreten. »Wenn so mit langjährigen Mitarbeitern umgegangen wird, muss man etwas tun«, begründet sie diesen Schritt. »Jetzt erst recht!«

Auch in der Region ist die Unterstützung für die Streikenden groß, wie sich bei der Demonstration durch den Ort im Salzlandkreis zeigt. Autos und Lastwagen hupen laut, um die Demonstrant*innen aufzumuntern. »Es ist richtig, dass sie auf die Straße gehen. Sie müssen endlich vernünftig bezahlt werden«, sagt eine Rentnerin, die am Straßenrand steht. Ein anderer Rentner hat sich in den Demonstrationszug eingereiht. »Ich war nach einem Arbeitsunfall selbst Patient in der Klinik und habe erlebt, was die Pflegekräfte täglich leisten.« Er ist empört darüber, dass Beschäftigte in Ostdeutschland besonders häufig ohne tarifvertraglichen Schutz arbeiten müssen. »Der Osten wird mal wieder untergebuttert, das finde ich schlimm.«

»Wir streiken bis ihr handelt«

»Der Streik ist anstrengend, aber die Stimmung ist super«, sagt Daniela H. »Wir streiken bis ihr handelt«, steht auf ihrem Schild. Bis zu einem Tarifergebnis müssten sie sicher noch eine Weile durchhalten, glaubt die 50-Jährige. »Aber wie lang es auch dauert: Wir wollen das Krankenhaus wieder auf vernünftige Füße stellen.« Die Krankenpflegerin arbeitet seit 27 Jahren im Klinikum Aschersleben-Staßfurt, sie hat schon bessere Zeiten gesehen. »Das war einmal ein richtig schönes Krankenhaus, aber jetzt ist nur noch verbrannte Erde übrig.« Renommierte Ärzt*innen und qualifizierte Pflegekräfte hätten Ameos verlassen, »weil es hier nur noch um Zahlen geht«.

Es gehe »seit Jahren stetig bergab«, bestätigt ihre Kollegin Doreen B. Freiwerdende Stellen seien oft nicht neu besetzt worden, immer weniger Personal müsse dieselbe und mehr Arbeit schaffen. »Wir sind Krankenschwestern, wir wollen unsere Patienten bestmöglich versorgen, nicht immer unter Zeitdruck arbeiten«, sagt die 45-Jährige. Nach der Übernahme der einst kommunalen Salzlandkliniken 2012 hatte die Belegschaft zunächst Einschnitte akzeptiert – angeblich, weil das zur Rettung des Klinikums unausweichlich war. »Wir haben das lange mitgemacht, aber irgendwann ist Schluss. Wir wollen jetzt endlich wieder einen Tarifvertrag.« Diese Botschaft hat die Krankenpflegerin als Reim auf ihr Schild gemalt: »Wir wollen retten das Krankenhaus, als Dank schlagt ihr den Tarifvertrag aus.«

Entschlossen und gut gelaunt

Menschen mit Warnwesten Christian Jungeblodt Streik der Ameos-Beschäftigten in Sachsen-Anhalt. Aschersleben, 29. Januar 2020

Die Krankenschwester Karina P., die 1980 ihre Ausbildung im Salzlandklinikum begonnen hat und immer noch dort arbeitet, sieht die früheren Zugeständnisse im Nachhinein als Fehler. Anfang 2013 hatte Ameos die Beschäftigten mit Kündigungsdrohungen dazu gedrängt, neue Arbeitsverträge zu unterschreiben – mit kürzeren Arbeitszeiten und entsprechend weniger Geld sowie weiteren Verschlechterungen. Die Folge: Heute verdient eine Krankenpflegerin bis zu 500 Euro monatlich weniger als ihre Kollegin, die in einem anderen Akutkrankenhaus der Region dieselbe Arbeit macht. »Das ist ganz einfach ungerecht«, findet Diana S. Wegen der ausbleibenden Lohnerhöhung sinke die Kaufkraft von Jahr zu Jahr. »Wir sind am Tiefpunkt, es musste etwas passieren.«

Und es ist etwas passiert: Die Beschäftigten der Ameos-Kliniken Aschersleben-Staßfurt, Bernburg, Schönebeck und Haldensleben wehren sich jetzt. Fast alle ver.di-Mitglieder, die an der Urabstimmung teilnehmen konnten, votierten für den Erzwingungsstreik. Dieser geht ungebrochen weiter – auch nach dem Rücktritt des Regionalgeschäftsführers Lars Timm, der für das brachiale Vorgehen der vergangenen Wochen verantwortlich zeichnet. »Ich bin froh, dass er weg ist«, sagt eine Pflegerin. »Aber an der Unternehmenspolitik hat das nichts geändert. Deshalb machen wir weiter.«

Das tun sie nicht nur entschlossen, sondern auch mit guter Laune. Immer wieder stimmen die Kolleg*innen ihr Streiklied an. »Wer will fleißige Arbeiter seh´n, der muss zu Ameos geh´n«, singen sie nach der Melodie eines Kinderliedes. »Tag und Nacht, Nacht und Tag – und das ohne Tarifvertrag.« Auch in dieser Hinsicht ist der Besuch der Kolleg*innen aus Niedersachsen bereichernd. Claudia Welk klampft auf ihrer Gitarre und singt den – ebenfalls beim Streik 2016 gedichteten – »Heuschrecken-Boogie«, in dem sich die Beschäftigten als »Heuschreckenfänger« betätigen und gemeinsam den »Goliath« Ameos bezwingen. So soll es auch in Sachsen-Anhalt gelingen. Und alle singen mit.

*Alle Namen von Streikenden wurden anonymisiert.

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