Agaplesion - aufstrebender Kirchenkonzern

Die Kommerzialisierung und Monopolisierung des Gesundheitswesens macht auch vor kirchlichen Einrichtungen nicht Halt. Auch hier etablieren sich zunehmend auf Expansion ausgerichtete Konzernstrukturen. Bestes Beispiel dafür ist Agaplesion. Das als gemeinnützige Aktiengesellschaft organisierte Unternehmen expandiert rasch und liegt gemessen an der Beschäftigtenzahl bereits hinter den vier großen Privatkonzernen auf Platz fünf der deutschen Klinikbetreiber. Da sich Agaplesion auf den kircheneigenen „Dritten Weg“ beruft, bestehen hier fast nirgendwo Tarifverträge. In den ausgegliederten Servicegesellschaften wird allzu oft gar der „Erste Weg“ – also die einseitige Festsetzung der Einkommens- und Arbeitsbedingungen durch das Management – praktiziert.

„Liebe den Nächsten“, soll das Kunstwort Agaplesion heißen. Mit der Liebe zu den eigenen Beschäftigten scheint es aber nicht allzu weit her zu sein. Denn ihnen gegenüber verhält sich der Kirchenkonzern wie jedes profitorientierte Unternehmen – und zum Teil schlimmer. Statt in regulären Tarifverhandlungen werden die Entgelte und Arbeitszeiten in sogenannten Arbeitsrechtlichen Kommissionen festgelegt, in denen die Beschäftigtenseite keine Möglichkeit hat, zum Beispiel mit Streiks Druck für ihre Forderungen zu entwickeln. Zudem wenden die über neun Bundesländer verteilten Agaplesion-Einrichtungen ganz unterschiedliche Regelungen an. Auch die Interessenvertretung der Belegschaften ist nicht einheitlich, da es auf Konzernebene kein entsprechendes Gremium gibt. Ohnehin sind die kirchlichen Mitarbeitervertretungen mit weniger Rechten ausgestattet als Betriebsräte in der Privatwirtschaft. Anders als dort sind die Beschäftigten auch nicht im Aufsichtsrat vertreten.

Mit der Agaplesion Personalservice GmbH betreibt der Konzern eine eigene Leiharbeitsfirma. Insbesondere Servicebereiche werden oftmals ausgegliedert und als privatrechtlich organisierte GmbHs betrieben. Diese Tochterfirmen unterliegen zwar nicht mehr dem kirchlichen Arbeitsrecht, bei vielen gibt es aber weder Tarifverträge noch Betriebsräte. So können die Geschäftsleitungen die Arbeitsbedingungen völlig frei nach Profitgesichtspunkten gestalten – auf Kosten der Beschäftigten.

Organisiert ist Agaplesion als „gemeinnützige Aktiengesellschaft“ (gAG). Das sichert zum einen die Steuerbefreiung, zum anderen eine relative Unabhängigkeit des Vorstands. In den Worten von Agaplesion-Chef Markus Horneber: „Der Vorteil unserer gemeinnützigen Aktiengesellschaft ist es, dass wir nicht die finanziellen Erwartungen von Aktionären bedienen müssen, sondern gemeinsame Stärken entwickeln, Einrichtungen fördern und gesundes Wachstum ermöglichen können“ (Pressemitteilung vom 20. September 2012). Dabei handelt der Konzern durchaus gewinnorientiert, wie Hornebers Vorgänger Bernd Weber deutlich macht. „Wer keinen Gewinn anstrebt, handelt unethisch, da er die Ressourcennutzung vernachlässigt“, erklärte er im Mai 2011 gegenüber der Zeitschrift kma. Im gleichen Artikel heißt es, der Konzern erwirtschafte eine Rendite von rund zehn Prozent.

Mit diesem Konzept expandiert der 2002 gegründete Kirchenkonzern kräftig. Allerdings geschieht das nicht durch Aufkäufe, sondern durch den Tausch von Anteilen: Häuser, die sich dem Verbund anschließen, geben 60 Prozent ihrer Anteile ab und erhalten für den entsprechenden Gegenwert Agaplesion-Aktien. Dabei handelt es sich üblicherweise um Häuser in finanziellen Schwierigkeiten, die sich aus dem Zusammenschluss Synergieeffekte versprechen.

Einen großen Sprung machte Agaplesion im September 2012 durch die Fusion mit der proDiako gGmbH, die in Niedersachsen sieben Krankenhäuser betreibt. Hierdurch wächst der Konzernumsatz auf über eine Milliarde Euro. Agaplesion beschäftigt nach eigenen Angaben rund 19.000 Menschen in 29 Krankenhäuser, 31 Pflegeheimen und weiteren Einrichtungen.

Kontakt

  • Mario Gembus

    Ein­rich­tun­­gen der Kir­chen, Dia­­ko­­nie und Ca­ri­tas

    030/6956-1049

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