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Spaltungsversuch zurückgewiesen

HVD

Spaltungsversuch zurückgewiesen

»Wir lassen uns nicht spalten«, betont Frauke Groner, Projektleitung des Kinder- und Jugendbüros in Marzahn-Hellersdorf. Am 7. September 2020 protestiert sie gemeinsam mit gut 50 ihrer Kolleginnen und Kollegen aus dem Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg vor dessen Präsidiumssitzung im Berliner ND-Gebäude. »Seit 2017 verhandeln wir über eine Angleichung der Gehälter an den Tarifvertrag der Länder (TV-L)«, berichtet das Mitglied der ver.di-Tarifkommission. »Doch stattdessen will der Arbeitgeber jetzt ein eigenes Tarifwerk durchdrücken, das einen Teil der Belegschaft schlechterstellt. Dagegen wehren wir uns.«

Frau mit Mikro, Menschen mit Mundschutz und Transparenten ver.di Protestaktion von Beschäftigten des Humanistischen Verbands (HVD) am 7. September 2020 in Berlin

Laut Angebot der Verbandsspitze sollen beispielsweise die im Jugendbereich eingesetzten Erzieher*innen schlechter bezahlt werden als ihre gleichqualifizierten Kolleg*innen in den Kitas. Auch Letztere würden jedoch weiterhin unterhalb des TV-L-Niveaus vergütet. Auch sonst möchte der Verband »ein nach Tätigkeitsmerkmalen und Finanzierungsbedingungen differenziertes Entgeltsystem« vereinbaren, das unter anderen Beschäftigte mit langer Betriebszugehörigkeit benachteiligt. »Wir machen keine Tarifpolitik nach Marktlage«, stellt ver.di-Verhandlungsführer Ivo Garbe klar. »Der Tarifvertrag der Länder ist überall der Referenzrahmen, auch bei der Refinanzierung.« Mit dem Angebot eines längerfristigen Stufenplans zur Angleichung an den TV-L seien die Gewerkschaften dem Verband bereits weit entgegengekommen. Doch dieser habe die Offerte ausgeschlagen und ankündigt, die angestrebte Vereinbarung stattdessen mit dem Betriebsrat schließen zu wollen.

Gruppe von Beschäftigten auf Treppe mit Transparenten und Mundschutz ver.di Kundgebung von Beschäftigten des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg am 7. September 2020 vor dem Berliner ND-Gebäude

»Da die Verbandsspitze ihren Willen in freien Tarifverhandlungen nicht durchsetzen kann, will sie einen Verhandlungspartner, der sich schlechter wehren kann. Mit demokratischer Kultur, für die der Humanistische Verband ja eigentlich steht, hat das nicht viel zu tun«, kritisiert Garbe. »Es ist schließlich kein Zufall, dass in Deutschland die Gewerkschaften über Löhne und Arbeitsbedingungen verhandeln, nicht Betriebsräte, die an den Betriebsfrieden gebunden sind und nicht zum Streik aufrufen können.«

Dass viele der in Kitas, Familienzentren, Hospizen, Sozial- und Kultureinrichtungen, in der Jugendhilfe und als Lebenskundelehrer*innen tätigen Beschäftigten bereit sind, für ihre Interessen einzutreten, haben sie in den vergangenen Wochen mehrfach deutlich gemacht. An einem Warnstreik – dem ersten in der Geschichte des Verbandes – beteiligten sich am 11. März gut 150 Beschäftigte, deutlich mehr als erwartet. Rund 80 Kolleginnen und Kollegen sind im Zuge der Auseinandersetzung bei ver.di eingetreten.

Schild mit Aufschrift: Humanismus mit unhumanem Antlitz ver.di Protestaktion von Beschäftigten des Humanistischen Verbands (HVD) am 7. September 2020 in Berlin

Mit seinem Vorgehen wolle der Verband offenbar die Kirchen imitieren, die Löhne und Arbeitsbedingungen größtenteils intern, ohne Tarifverhandlungen festlegen, vermutet die Lebenskundelehrerin Sabine Rumiz-Lührs. »Während immer mehr kirchliche Träger, zum Beispiel die Diakonie in Niedersachsen, Tarifverträge schließen, will der Humanistische Verband in Berlin und Brandenburg den umgekehrten Weg gehen. Das ist total rückwärtsgewandt.« Die Verbandsspitze begründet ihr Vorgehen damit, Entgelterhöhungen müssten nun rasch vertraglich fixiert werden, weil diese sonst nicht refinanziert würden. »Die Gewerkschaften machen seit Monaten darauf aufmerksam, dass die Lohnsteigerungen zügig vereinbart werden müssen. Dennoch hat der Arbeitgeber die Verhandlungen über viele Monate hinausgezögert«, sagt Rumiz-Lührs, die in der ver.di-Tarifkommission aktiv ist. »Natürlich sind wir dazu bereit, schnell einen Tarifvertrag über angemessene Lohnerhöhungen zu schließen«, betont sie. »Doch eine Vereinbarung, die nur wenige substanzielle Verbesserungen bringt und die Beschäftigten gegeneinander ausspielt, entspricht nicht den humanistischen Werten und wird von uns keine Zustimmung bekommen.«

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