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Sichtbar werden

COVID-19

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Die Beschäftigten des Gesundheits- und Sozialwesens sind »systemrelevant« – auch diejenigen, über die öffentlich nicht so viel geredet wird. Sie geben alles, um Menschenleben zu retten, Hilfsbedürftige zu unterstützen und den Zusammenhalt zu stärken. Zugleich vertreten sie kollektiv ihre eigenen Interessen. So haben viele hundert Kolleg*innen aus unterschiedlichen Einrichtungen und Berufsgruppen ihre Anliegen mit einer bundesweiten Foto-Aktion sichtbar gemacht. Auf Plakaten fordern sie mehr Gesundheitsschutz, Aufwertung und Entlastung. Viele Fotos gibt es hier: wirbleibenhier.verdi.de

Krankenhausreinigung: Respekt verschaffen

Personalrat mit Schild: "Mehr Zeit und Lohn zum Reinigen. Wir stehen an eurer Seite" privat Der ver.di-Aktivist Dave Kittel am Uniklinikum Essen zeigt seine Solidarität mit den Reinigungskräften.

»Kein einziges Wort« habe sie in der Corona-Pandemie von Klinikleitung oder Regierung über die wichtige Rolle der Reinigung gehört, berichtet Berna Kocak, die seit 24 Jahren als Reinigungskraft am Essener Uniklinikum arbeitet. Dabei habe der Stress im Zuge der Pandemie noch einmal deutlich zugenommen. Um Infektionen zu vermeiden, wird intensiver und gründlicher gereinigt. In einigen Bereichen müssen die Kolleg*innen zusätzlich vor Ort die Betten desinfizieren. Doch mehr Personal gibt es nicht.

In Essen ist ein Großteil der Reinigungskräfte in einer teilprivatisierten Servicegesellschaft angestellt, wo sie mehr arbeiten müssen für weniger Geld. Dagegen haben sie rund 300 Unterschriften gesammelt. Ihre Forderung: die gleichen Löhne wie im öffentlichen Dienst und mehr Zeit zum Reinigen. Unterstützung erhalten sie dafür von anderen Klinikbeschäftigten, die mit einer Foto-Aktion Solidarität zeigen. »Um uns Respekt zu verschaffen, müssen wir uns zusammentun und kämpfen«, ist Kocak überzeugt.

Labore: Personalabbau rächt sich

Testen, testen, testen – das ist das Credo im Kampf gegen die Pandemie. Doch die Labore haben in den vergangenen Jahren viele Stellen gestrichen. Jetzt fehlt es an Fachpersonal und der Arbeitsdruck hat sich noch verschärft. »Der Beruf muss attraktiver werden«, fordert die Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) Kerrin Deisler deshalb. »Dazu gehören eine angemessene Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen, verbindlich festgeschrieben per Tarifvertrag.«

Auszubildende: E-Learning – Notlösung mit Potenzial

»Es war am Anfang sehr chaotisch«, berichtet Saskia über die Ausbildungssituation zu Beginn der Pandemie. Wenige Wochen vor ihrem Examen wurde in dem kleinen Klinikum am Rande des Harzes, in dem sie eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin absolviert, auf E-Learning umgestellt. Auf einer Lernplattform stellten die Lehrkräfte Fallbeispiele ein, die dann einzeln bearbeitet und zur Korrektur zurückgesandt werden sollten. Die 24-Jährige kam mit der Notlösung gut klar. »Natürlich gab es Tage, da war einfach der Wurm drin, aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, war ich dadurch gut vorbereitet.« Im E-Learning sieht die Jugendvertreterin durchaus Potenzial, auch für die Zeit nach der Pandemie. Allerdings gebe es auch Verbesserungsbedarf, zum Beispiel beim Kontakt zur Schule. »Es wäre toll, wenn wir die Situation auch als Chance begreifen, diese Lehrmethode auszubauen und gemeinsam zu gestalten.«

Kurzarbeit im Gesundheits- und Sozialwesen

Etliche Beschäftigte sind infolge der Corona-Pandemie besonders gefordert. In Laboren, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Wohnheimen für Menschen mit Behinderung arbeiten Belegschaften vielerorts am Limit – auch, weil die Personalbesetzung schon vorher unzureichend war. Anderswo steht nahezu alles still. Fast jeder dritte Betrieb in Deutschland hat Kurzarbeit angemeldet. Darunter sind auch Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. ver.di tritt dafür ein, dass Kurzarbeit wo immer möglich vermieden wird. Wenn das nicht geht, müssen die Bezahlung durch den Arbeitgeber aufgestockt und die Refinanzierung der Einrichtungen sichergestellt werden.

Dialyse: Permanent vergessen

»Die Kolleginnen und Kollegen sind jeden Tag mit Hochrisikopatient*innen in Kontakt, tun alles, um sie zu schützen und sind zusätzlichen Belastungen ausgesetzt«, beschreibt der Krankenpfleger Dirk Derfler die Situation in Dialyseeinrichtungen unter den Bedingungen der Pandemie. Dennoch würden die rund 10.000 Beschäftigten in diesem Bereich »permanent vergessen«. Zum Beispiel bei der Prämie, die Bayern den Pflege- und Rettungskräften im Freistaat zahlt. Derflers Schlussfolgerung: »Wir müssen uns mehr Gehör verschaffen.«

Rettungsdienst: »Die Angst fährt immer mit«

Der Rettungsassistent Norbert Jahn vom Bayerischen Roten Kreuz in Fürth macht bei der Foto-Aktion deutlich, dass auch Rettungskräfte eine Prämie verdient haben. ver.di Der Rettungsassistent Norbert Jahn vom Bayerischen Roten Kreuz in Fürth macht bei der Foto-Aktion deutlich, dass auch Rettungskräfte eine Prämie verdient haben.

Rettungskräfte wissen bei Einsätzen nie, was auf sie zukommt. Während der Corona-Pandemie kommt eine weitere Unsicherheit hinzu: Oft ist nicht klar, ob sie es mit Menschen zu tun haben, die mit dem Coronavirus infiziert sind. »Da fährt die Angst immer mit«, sagt der Rettungsassistent Norbert Jahn aus Fürth.

Physiotherapie: Relevant und gefährdet

Die Physiotherapie gilt als »systemrelevant«. Zu Recht, meint die Physiotherapeutin Sabine Seyfert-Hellwig. Denn würden die Praxen schließen, müssten etliche Patient*innen über kurz oder lang in die Kliniken eingeliefert werden. Eben dies droht aber, weil die Finanzierung auf ganz dünnen Beinen steht. Den von der Bundesregierung beschlossenen Schutzschirm für Heilmittelerbringer*innen hält Hanna Stellwag von ver.di für unzureichend. »Das Modell geringer Vergütungen und niedriger Löhne hat sich spätestens jetzt überlebt. Die Therapeutinnen und Therapeuten brauchen endlich die Wertschätzung, die sie verdienen – auch finanziell.«

Behindertenhilfe: Prämie gefordert

In der Behindertenhilfe wirkt sich die Pandemie je nach Bereich unterschiedlich aus. Überall gelte jedoch, dass »der erhöhte Unterstützungsbedarf und die enorme Anspannung den Beschäftigten extrem viel abverlangt«, so ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Das müsse unter anderem mit einer Prämie honoriert werden.

Krisengewinner

Nicht für alle läuft es in der Pandemie schlecht. So kaufte Fresenius-Chef Stephan Sturm laut Süddeutscher Zeitung am 16. März für 57.000 Euro Aktien des eigenen Unternehmens – die so billig waren wie seit Jahren nicht. Kurz darauf wurde bekannt, dass Spanien doch keine kommerziellen Kliniken verstaatlicht. Die Aktie des Fresenius-Konzerns, zu dem die größte spanische Klinikkette Quirón-salud gehört, legte daraufhin um 14 Prozent zu.

Kritik an Privatkliniken

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, hat das Verhalten kommerzieller Klinikbetreiber zu Beginn der Pandemie kritisiert. Sie seien dem Aufruf des Bundesgesundheitsministers, planbare Operationen zu verschieben, zunächst nicht gefolgt, sondern hätten »elektive Eingriffe sogar weiter nach oben geschraubt«, sagte er Anfang April gegenüber Journalist*innen.

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Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), drei.73, Corona, Covid19
Foto/Grafik: argum / Falk Heller

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