drei.72

Prioritäten geraderücken

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Prioritäten geraderücken

drei.72, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, COVID 19, ver.di, Astrid Sauermann Sylvia Bühler ist Mitglied im ver.di-Bundes- vorstand und leitet den Fachbereich Gesund- heit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.

Covid-19, das Coronavirus, rückt das Gesundheits- und Sozialwesen ins öffentliche Interesse. Welche Folgen hat es für das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft, wenn Kitas geschlossen bleiben? Wie bereiten sich stationäre Pflegeeinrichtungen auf den Virus vor? Was bedeutet es, dass Krankenhäuser nach Fällen bezahlt werden und nicht für die Vorhaltung von Kapazitäten zur Gesundheitsversorgung?
Wir brauchen soziale Dienstleitungen und Gesundheitseinrichtungen, die auch Ausnahmesituationen bewältigen können. Dafür braucht es Puffer. In der Krankenhauslandschaft werden Konzentration und Zentralisierung vorangetrieben. Die wohnortnahe Versorgung wird infrage gestellt – am radikalsten von der Bertelsmann-Stiftung, die gleich 1.000 Krankenhäuser schließen möchte. Doch im Gesundheitswesen geht es gerade nicht in erster Linie um wirtschaftliche Effizienz, sondern um Menschen und Menschlichkeit. Die Krise muss Anlass sein, die Prioritäten wieder geradezurücken.
Puffer braucht es auch bei der Personalausstattung. Wenn die Personaldecke in Kliniken, Pflegeheimen und Gesundheitsdiensten so auf Kante genäht ist, dass schon der Alltag überlastet, wie sieht es dann erst bei Epidemien oder Großschadensereignissen aus? Jetzt heißt es wieder: »Stellt eure eigenen Belange hintan, wir brauchen euch.« Jeder weiß, dass die Beschäftigten in sozialen Dienstleistungsberufen ihre Hilfe nicht verweigern, wenn es um ihre Mitmenschen geht. Sie erwarten aber, dass anständig mit ihnen umgegangen wird. Immer! Im Alltag und in Krisenzeiten muss ausreichend Personal da sein; gute Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung müssen selbstverständlich werden.
Beschäftigten den Schutz von Tarifverträgen zu verweigern, wie das im Gesundheits- und Sozialwesen noch oft geschieht, ist unanständig. Dass wir in aktuellen Tarifkonflikten angemessen auf die Situation reagieren und im Zweifel auch Streiks aussetzen, ist für ver.di selbstverständlich. Vor diesem Hintergrund ist es schier unerträglich, wenn Arbeitgeber versuchen, die Lage für sich und ihre wirtschaftlichen Interessen auszunutzen. Das lassen wir ihnen nicht durchgehen. Solche skrupellosen Unternehmen haben im Gesundheits- und Sozialwesen nichts verloren.

Sylvia Bühler ist Mitglied im ver.di-Bundesvorstand und leitet den Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.

Titelseite drei.72
Foto/Grafik: werkzwei Detmold

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