drei.72

Ganzheitlich

Ganz vorn

Ganzheitlich

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), drei.68, Michael Quetting, ver.di Michael Quetting

Gern wird das Wort benutzt, sowohl von Esoterikern als auch von Materialisten. Wir kennen es aus alternativen Kreisen der Medizin, aus der Ernährung, und selbst die Zahnpflege gilt mit bestimmten Produkten als »ganzheitlich«. Ganzheitlichkeit ist offensichtlich ein Kampfbegriff. Und auch wir nehmen ihn in Besitz. Schließlich gehört zu dem ganzen Menschen auch seine Gewerkschaft. Zumindest zu dem werktätigen.
Als sich langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass Sorge-Arbeit, also Pflege, Kindererziehung und auch Sozialarbeit, einer Professionalisierung bedarf, da war uns auch klar, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile. Es gilt, den ganzen Menschen zu betrachten. Ihn in seiner Lebenswelt zu begreifen und professionell und empathisch mit ihm in Beziehung zu treten. In der Pflege hörten wir auf, von der »Galle in Zimmer 17« zu sprechen, schickten die Lernschwester nicht mit dem Thermometer reihum über die Station und führten anstelle der Funktions- die Bezugspflege ein.
Als aber der Notstand immer krasser und das Gesundheits- und Sozialwesen immer mehr dem Fetisch Markt untergeordnet wurden, da erinnerte man sich wieder der Arbeitsteilung. Ausdifferenzierung heißt das Zauberwort, oder auch »Skill-mix«. Da wird von Eliten gesprochen, es werden hierarchische Arbeitsmodelle propagiert. Anstatt den Menschen zum Ausgangspunkt unserer Arbeit zu machen, wird der kurzfristige materielle Erfolg zum Maßstab. Bei den Privaten wird dieser zum Profit. Der Mensch, für den wir arbeiten, kommt unter die Räder. Und so erleben wir eine schleichende Deprofessionalisierung unserer Berufe. Von Ganzheitlichkeit ist zwar noch die Rede, doch in der Praxis wird sie ad absurdum geführt.
Ganzheitlichkeit ist aber nicht nur eine Bedingung, Menschen mit ihren Stärken und Defiziten zu erkennen, sie zu vertreten und ihnen zu helfen. Auch wir, die wir in unterschiedlichen Bereichen der Gesundheits-, Bildungs- und sozialen Arbeit tätig sind, streben nach erfüllter sinnvoller Arbeit. Wir wollen qualifiziert sein oder werden, wollen Zeit und ausreichend Kolleginnen und Kollegen haben, damit wir mit Freude nah an und mit den Menschen arbeiten können. Ob wir diese Menschen Klienten, Patienten, Bewohner oder Kinder nennen – unser gewerkschaftlicher Anspruch ist und bleibt ganzheitlich, betont euer

Michael Quetting

Die gesamte Zeitung als PDF zum Download.

Alle Ausgaben als PDF: Das drei-Archiv.

Newsletter

Immer auf dem aktuellen Stand: Der Newsletter des Fachbereichs Gesundheit und Soziale Dienste.