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Entlastung kommt

Entlastung kommt

Das Uniklinikum Jena hat als 15. Krankenhaus eine Vereinbarung erzielt. Mainz, Kiel und Lübeck wollen folgen | Daniel Behruzi

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, drei.71, Entlastung, Tarifvertrag Entlastung, Krankenhaus, Klinik, Personalbemessung ver.di Die Kraft der Bewegung: Teamdelegierte in Jena bestimmen mit.

 

Uniklinik Jena: Zusammenhalt gestärkt

Viele Jahre war ver.di am Jenaer Uniklinikum nur wenig präsent. Das hat sich durch die Tarifbewegung für Entlastung grundlegend geändert. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder stieg innerhalb eines Jahres um 166 Prozent. In vier von fünf Stationen und Bereichen wählten die Teams Delegierte. Bis zu 130 von ihnen harrten über viele Stunden hinweg im Nebenraum der Verhandlungen aus und konnten den Kompromiss entscheidend beeinflussen. Wie stark die Durchsetzungsfähigkeit der Belegschaft zugenommen hat, demonstrierte eine Aktion in der entscheidenden Verhandlungsphase Mitte Oktober: Binnen 72 Stunden dokumentierten 1.133 Beschäftigte ihre Streikbereitschaft per Unterschrift. Zuvor hatten bereits 1.000 Kolleginnen und Kollegen in einer Foto-Petition für die Tarifforderungen Gesicht gezeigt.

Teams haben jetzt Kontakt

»Der Zusammenhalt ist viel größer geworden«, sagt die Krankenschwester Silke Schlosser, die seit 27 Jahren im Jenaer Uniklinikum arbeitet. Vorher habe »jeder seins gemacht«. Bei Beschwerden hätten Leitungskräfte oft behauptet, anderswo sei es viel schlimmer. »Als Teamdelegierte habe ich ganz viele Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen kennengelernt. Wir sind jetzt in Kontakt und wissen genau, wie die Situation auf den anderen Stationen ist«, erklärt sie. »Das macht uns stärker.« 

Für ihre unfallchirurgische Station hat sich die Klinikleitung dazu verpflichtet, eine Sollbesetzung von eins zu sieben einzuhalten. Gefordert hatte das Team ursprünglich, dass eine examinierte Pflegekraft für nicht mehr als sechs Patient*innen zuständig ist. »Wir haben als Team zu schnell nachgegeben, eins zu sechs wäre eigentlich nötig«, betont die 47-Jährige. »Dennoch ist das natürlich eine Verbesserung.«

Jetzt findet sie es wichtig, »stark zu bleiben«. Die vielen Kolleg*innen, die sich während der Auseinandersetzung in ver.di organisiert haben, sollten dabei bleiben, appelliert sie. Denn zum einen müssten in einigen Bereichen wie der Zentralen Notaufnahme noch Sollbesetzungen ausgehandelt werden. Zum anderen seien weiterhin Organisationsmacht und Engagement gefragt, um dafür zu sorgen, dass die Vereinbarungen auch tatsächlich umgesetzt werden. »Wir müssen also dranbleiben.«

Tarifvertrag setzt Maßstäbe

Das betont auch der ver.di-Verhandlungsführer Bernd Becker, der vor allem den vereinbarten Belastungsausgleich positiv sieht: Wenn Beschäftigte ab April 2020 sechs Mal
in Unterbesetzung arbeiten oder außerhalb des Dienstplans einspringen, bekommen sie einen zusätzlichen Tag frei. Auch wenn dies für 2020, 2021 und 2022 noch auf fünf, zehn bzw. 15 Tage gedeckelt ist, setze ver.di damit »neue Maßstäbe«, zumal darüber hinausgehende Ansprüche in dieser Zeit mit jeweils 150 Euro abgegolten werden. 

Die Inhalte der Vereinbarungen werden von Mal zu Mal besser. Andere Klinikbelegschaften können darauf aufsetzen.

Vereinbarung Uniklinikum Jena

  • Feste Regelbesetzungen für alle Stationen mit einer deutlichen Personalsteigerung
  • Wer sechs Mal in Unterbesetzung arbeitet oder freiwillig außerhalb des Dienstplans einspringt, bekommt einen zusätzlichen Tag frei. In einer Übergangsphase 2020 bis 2022 ist dieser Anspruch auf höchstens fünf, zehn bzw. 15 gedeckelt. Darüber hinausgehende Freischichten werden in dieser Zeit mit jeweils 150 Euro vergütet.
  • Keine Ausgliederung wesentlicher Funktionen bis Ende 2023
  • Paritätische Kommission überwacht den Tarifvertrag und klärt strittige Fragen.

 


Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, drei.71, Entlastung, Tarifvertrag Entlastung, Krankenhaus, Klinik, Personalbemessung ver.di 1.273 Beschäftigte in Mainz zeigen mit einer Foto-Petition Gesicht für Entlastung

 

Uniklinik Mainz: Sollzahlen vereinbart

Annehmbare Sollzahlen zur Schichtbesetzung oder Streik – vor diese Wahl stellte die Belegschaft der Mainzer Uniklinik Ende November ihr Management. 31 Teams meldeten ihre Stationen zur Komplettschließung an, mehr als die Hälfte der knapp 1.500 Betten sollten im Falle eines Streiks nicht belegt werden. In letzter Minute gab die Klinikleitung nach. Der Kaufmännische Direktor Christian Elsner stellte in den Lokalmedien klar, dass das nicht freiwillig geschah: »Wir sind durch ein Ultimatum zu diesem Ergebnis gezwungen worden.« Deutlicher kann man die veränderten Machtverhältnisse im Großklinikum der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt nicht auf den Punkt bringen.

1 Streiktag = 1 Million Euro

Dennoch erwartete ver.di-Verhandlungsführer Frank Hutmacher »ganz, ganz harte Verhandlungen«. In der nach Redaktionsschluss beginnenden Verhandlungsrunde sollte es nämlich um den Ausgleich für Überlastung gehen – und damit »um echte monetäre Effekte«, wie Direktor Elsner betonte. Doch auch ein Streik würde das Klinikum finanziell treffen: Der Manager bezifferte den Verlust durch jeden Streiktag auf rund eine Million Euro. 

ver.di geht es indes nicht darum, wirtschaftlichen Schaden anzurichten, sondern die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Solange die Klinikleitung die Überlastung nicht beseitigt, soll es zum Ausgleich zusätzliche Freizeit geben. Wer drei Mal in unterbesetzten Schichten arbeitet oder außerhalb des Dienstplans einspringt, soll einen zusätzlichen freien Tag bekommen, so die ver.di-Forderung.

»Ich bin mir zu 100 Prozent sicher: Wenn die Klinikleitung hier blockiert, sind meine Kolleginnen und Kollegen wieder bereit, sich für Entlastung einzusetzen«, erklärte die Krankenpflegerin Judith Wackerle. Fast alle aus ihrem Team wollten sich am für den 28. November angesetzten Streik beteiligen. Sie hatten die neurochirurgische Station deshalb zur Schließung angemeldet. Doch die Leitung machte keinerlei Anstalten, ihrer Verpflichtung zur Räumung der Betten nachzukommen. »Die Verant-wortung für das Chaos, das beim Streik ausgebrochen wäre, hätte ganz klar der Arbeitgeber zu tragen gehabt«, betonte Wackerle.

Dass es die Klinikleitung letztlich nicht darauf ankommen ließ und Sollzahlen vereinbarte, sei »eine gute Motivation weiterzumachen. Es hat gezeigt: Mit dem Druck der geschlossenen Gemeinschaft können wir etwas bewegen.«

Ihre Kollegin Christiane Rußler empören besonders die Vorwürfe, die Streikenden würden Patient*innen gefährden. »Das Gegenteil ist der Fall: Jeden Tag wird eine gute Patientenversorgung durch zu wenig Personal auf den Stationen gefährdet.« Christiane Rußler muss es wissen, denn als Pflegekraft im allgemeinen Springerpool kommt sie in vielen verschiedenen Bereichen zum Einsatz. Ihre Erkenntnis: »Keine einzige Station ist so besetzt, wie sie es sein sollte.«


Termin: Die Pflegekonferenz Rheinland-Pfalz-Saarland; Kaiserslautern; 7. März 2020; Kontakt: michael.quetting@verdi.de


 

Kiel und Lübeck: Verhandlungen haben begonnen

Auch am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein fordern die Beschäftigten Entlastung per Tarifvertrag. Ende November begannen die Verhandlungen. »Die Situation an den Standorten in Kiel und Lübeck ist so dramatisch, dass wir uns mit den Verhandlungen weder lange Zeit lassen können noch wollen«, erklärte ver.di-Verhandlungsführer Steffen Kühhirt zum Auftakt in Kiel. »Es wird sehr schnell einen zugespitzten Konflikt geben, wenn wir nicht zeitnah zu einer handfesten Lösung kommen.« Mehr als 4.000 der insgesamt rund 6.000 Beschäftigten haben die Tarifforderung per Unterschrift unterstützt, über 2.500 haben bei einer Foto-Petition mitgemacht. Hunderte haben sich neu in ver.di organisiert, um gemeinsam Entlastung durchzusetzen.

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