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Geschenkt gibt es nichts

Ganz vorn

Geschenkt gibt es nichts

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), drei.68, Michael Quetting, ver.di Michael Quetting

Weihnachten. Es gibt Geschenke. Kinderaugen leuchten vor Erwartung. Auch ich freue mich. Habe auch viele Geschenke für meine Lieben besorgt. Die werden Augen machen. Irgendwie bereitet es Freude.

Schenken ist eine uralte Tradition, von unterschiedlichen Zeiten und Kulturen geprägt. »Ich gebe, damit du gibst«, sagten die alten Römer. »Wer ein Rind geschenkt erhält, muss ein Pferd zurückgeben.« So lautet ein chinesisches Sprichwort. Der Ethnologe Marcel Mauss prägte den Begriff »Schenkökonomie«, es handele sich um eine Art »Gesellschaftsvertrag«.

Ich denke über dieses Geben und Nehmen nach. Was haben wir nicht alles gegeben in diesem langen Jahr? Wie oft haben wir auf Pausen verzichtet, sind aus unserem Frei gekommen, weil wir die Kolleginnen und Kollegen nicht allein lassen wollten? Die Kolleginnen und Kollegen des Servicebetriebes haben auf das gleiche Gehalt verzichtet. Nun, das war weniger geschenkt, sondern geklaut. 

Kollegin Claudia hat ihren Anspruch auf Überstundenbezahlung verschenkt, Kollege Peter hat sogar seinen Urlaubsanspruch verfallen lassen. Und als Norbert neulich vom Betriebsrat angehalten wurde, weil er die Ruhezeiten nicht einhält und das doch seiner Gesundheit schade, da war er so sauer und brüllte laut durch den Flur, man solle ihn in Ruhe lassen, er wisse schon selbst, was richtig sei.

Ja, das sind Geschenke. Geschenke an den Betrieb, den wir »unseren Betrieb«, »unser Unternehmen« nennen, der oder das uns aber gar nicht gehört. Die Geschenke allerdings werden von denen, die das Sagen haben, immer gerne genommen.

Und wie ist es nun zu Weihnachten? Können wir uns freuen, etwas zurückzubekommen? Anerkennung und Wertschätzung etwa? Da haben zum Beispiel die kommunalen Arbeitgeber gerade verkündet, dass sie unsere Pausen nicht bezahlen wollen. Obwohl bei der letzten Tarifrunde vereinbart wurde, dass alle Wechselschicht Leistenden die Pausen vergütet bekommen. Die Pausen können wir ja oftmals gar nicht nehmen. Die Herren wollen die Arbeitszeitverkürzung von 2,5 Stunden pro Woche einfach nicht. Wen interessiert die Gesundheit? Ist denen ganz egal. Nein, die verschenken nichts. 

Fragt sich nur, warum wir das machen, warum wir uns verschenken ohne Gegenleistung? Kann mir das wer erklären? Aber bitte – nicht als rührige Weihnachtsgeschichte, wünscht sich euer

Michael Quetting

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