drei.70

Klinikchefs in der Sackgasse

Klinikchefs in der Sackgasse

drei.70, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Krankenhaus, Leiharbeit, Altenpflege, Pflege, Pflegepolitik, Gesundheitspolitik werkzwei/ Matthias Berghahn Prämien, Leiharbeit, Chaos: Klinikchefs auf Irrwegen

Die Not ist groß in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. So groß, dass das Geld mancherorts locker sitzt. Da werden tausende Euro an Prämien bezahlt oder überteuerte Leasingkräfte eingekauft, um Lücken beim Personal zu stopfen. Doch das verschärft den Notstand noch. Statt die selbst gemachten Probleme zu lösen, schaden sich die Arbeitgeber gegenseitig. Sie haben keinen Plan.

1.250 Euro bekommen Beschäftigte des Klinikums Saarbrücken, wenn sie eine neue Pflegekraft werben. Und nochmal so viel, falls diese nach der Probezeit noch da ist. Die Schön-Klinik in Düsseldorf gibt 4.000 Euro. Und die München Klinik bezahlt Werber*innen und Neueingestellten nach einem Jahr sogar insgesamt 8.000 Euro. Im Klinikum Stuttgart bekommen sowohl Alt- als auch Neubeschäftigte mehr Geld, und zwar monatlich – allerdings nur in ausgewählten Bereichen. So verdienen Hebammen im Kreißsaal, Intensivpflegekräfte und Beschäftigte im Funktionsdienst neuerdings zwischen 300 und 400 Euro zusätzlich. »Dass die Leute mehr Geld bekommen, konnten wir als Personalrat nicht ablehnen. Aber wir sehen das durchaus kritisch«, sagt der Krankenpfleger und Personalrat Volker Mörbe. »Auch die Kolleginnen in anderen Bereichen sind nämlich überlastet, doch sie gehen leer aus.«

Der Personalrat des Stuttgarter Klinikums hat sich deshalb gemeinsam mit den Interessenvertretungen von 20 weiteren Krankenhäusern in einem offenen Brief an die Landräte und Bürgermeister der Region gewandt. Werbeprämien und außertarifliche Zulagen »laufen darauf hinaus, dass die Krankenhäuser sich gegenseitig Pflegepersonal abwerben«, heißt es darin. Stattdessen fordern die Betriebs- und Personalräte sowie Mitarbeitervertretungen eine Erhöhung der Grundgehälter um 500 Euro – für alle Pflegekräfte und per Tarifvertrag. Dafür sollten sich die politisch Verantwortlichen beim Arbeitgeberverband einsetzen.

drei.70, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Leiharbeit, Pflege, Altenpflege, Krankenhaus, ver.di Arbeitgeber und Politik müssen für bessere Bedingungen sorgen. Sonst ist bald niemand mehr da, der die Patient*innen versorgt (»Weißer Block« auf der Mai-Demonstration 2017 in Regensburg).

Pflegeberuf aufwerten

»Die Bezahlung auszuhandeln, ist Aufgabe der Gewerkschaft«, begründet das Volker Mörbe, der auch Sprecher der ver.di-Vertrauensleute am Klinikum Stuttgart ist. »Und: Die Beschäftigten brauchen Verlässlichkeit – die gibt es nur mit Tarifvertrag.« Würden tarifliche Entgelterhöhungen vereinbart – die laut Pflegepersonalstärkungsgesetz neuerdings vollständig refinanziert werden –, könnten sie nicht einfach wieder kassiert werden. Und sie würden nicht nur ausgewählten Beschäftigtengruppen zugute kommen. 

»Statt Abwerbungs- oder Halteprämien an einzelne Gruppen in der Pflege zu zahlen, halten wir es für dringend notwendig, den Pflegeberuf insgesamt durch eine deutlich spürbare tarifliche Erhöhung für alle Pflegekräfte aufzuwerten«, heißt es auch in einer einstimmig beschlossenen Resolution der baden-württembergischen Landeskrankenhauskonferenz. Im Helios-Konzerntarifvertrag, im Tarifvertrag der Länder (TV-L) und an der Mainzer Uniklinik ist es ver.di bereits gelungen, besondere Zulagen für Pflegekräfte durchsetzen. 

Eigentor Leiharbeit

Wie hilflos die Arbeitgeber sind, zeigt auch der zunehmende Einsatz von Leihbeschäftigten. Deren Zahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren in der Krankenhauspflege auf rund 22.000 nahezu verdoppelt. In der Altenpflege stieg sie laut Arbeitsagentur um ein Drittel auf etwa 12.000. Das geht zu- lasten des Stammpersonals. Denn oft können sich Leasingkräfte ihre Arbeitszeiten aussuchen, die Stammbeschäftigten werden drum herum geplant. Am Uniklinikum Düsseldorf hat der Personalrat deshalb Rahmenbedingungen vereinbart, wonach Leihbeschäftigte genauso zum Dienst eingeteilt werden wie alle anderen und Stammkräfte auch nicht anderweitig benachteiligt werden dürfen.

»Dass Pflegekräfte wegen der schlechten Bedingungen in die Leiharbeit flüchten, verschlimmert die Situation«, erklärt der Düsseldorfer Krankenpfleger Guido Böhmer. »Die Kliniken zahlen drauf, die Verleihunternehmen machen den Reibach.« So verlangt beispielsweise die Firma »Doc to Rent« für jede Nachtdienststunde eines Facharztes in der Radiologie an Feiertagen 178,10 Euro plus Umsatzsteuer – mehr als drei Mal so viel, wie das Krankenhaus für einen regulär angestellten Mediziner bezahlen müsste. »Leiharbeit ist ein Eigentor«, bringt es der Personalrat Böhmer auf den Punkt. »Die Kliniken sollten stattdessen für gute Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung sorgen, damit sie selbst genug Fachkräfte gewinnen und halten können.«

  • 1 / 3

Weiterlesen

Die gesamte Zeitung als PDF zum Download.

Alle Ausgaben als PDF: Das drei-Archiv.

Newsletter

Immer auf dem aktuellen Stand: Der Newsletter des Fachbereichs Gesundheit und Soziale Dienste.