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Wir kämpfen für Entlastung

Klinikpersonal entlasten

Wir kämpfen für Entlastung

drei.70, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, ENTLASTUNG!, Personalbemessung, Krankenhaus, Klinik, ver.di Beschäftigte der Uniklinik Jena protestieren gegen Überlastung.

 Wir kämpfen für Entlastung in... Jena

»Viel zu lang hat keiner etwas gemacht – und die Bedingungen sind immer schlimmer geworden«, berichtet die Medizinisch-Technische Laborassistentin Franziska Löhnert. Seit 1997 arbeitet sie am Uniklinikum Jena, und fast ebenso lang ist sie Gewerkschaftsmitglied. Doch ver.di war in dem Krankenhaus kaum präsent. Auch Franziska Löhnert selbst war nicht sonderlich aktiv, nahm ab und zu am Treffen der ver.di-Betriebsgruppe teil, nicht mehr. »Irgendwann habe ich gedacht: Ich muss mich jetzt mal richtig engagieren, um die Dinge zum Positiven zu verändern«, sagt die 45-Jährige. Denn die Entwicklungen in Betrieb und Gesellschaft stören sie schon länger. »Dem Kapitalismus werden überhaupt keine Grenzen mehr gesetzt – sogar im Gesundheitswesen. Das will ich nicht länger hinnehmen.«

»Dem Kapitalismus werden überhaupt keine Grenzen mehr gesetzt – sogar im Gesundheitswesen.«

Franziska Löhnert

In der Vorbereitung auf die Länder-Tarifrunde nahm sie an einem »Ansprachetraining« teil. Das hat ihr Selbstvertrauen gegeben und sie motiviert. »Danach bin ich mit über die Stationen gelaufen und habe mitbekommen, was da los ist.« In ihrem Alltag hat die MTLA, die ihre Arbeitstage im Labor verbringt, keine Berührungspunkte zu den Pflegekräften. »Was die Kollegen über die Zustände erzählt haben – das konnte ich gar nicht glauben, das hat mich schockiert.« Schon während der Tarifrunde wurde daher klar: Die ver.di-Aktiven am Jenaer Uniklinikum wollen danach auch Entlastung erreichen. Bei einer »Tarifwerkstatt« im Frühjahr diskutierten sie, dass dies nur möglich ist, wenn sich mehr Beschäftigte bei ver.di organisieren und selbst aktiv werden. Mit Unterstützung von Organizer*innen wurde das in die Tat umgesetzt – mit großem Erfolg: Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der ver.di-Mitglieder im Klinikum auf 610 mehr als verdoppelt. 80 Prozent der Stationen haben Teamdelegierte gewählt, die sie bei wöchentlichen Treffen repräsentieren. Über 1.300 Beschäftigte haben eine Petition für die Tarif-forderung unterschrieben.

Franziska Löhnert hält es angesichts der Landtagswahl in Thüringen für »genau den richtigen Zeitpunkt«, diese Auseinandersetzung zu beginnen. Mehrere SPD-Abgeordnete haben das Klinikum bereits besucht, Die Linke verlegte gar ihre Fraktionssitzung nach Jena und lud Beschäftigte dazu ein. All das hatte schon einen Effekt: Die Klinikleitung hat sich zu Verhandlungen über einen Tarifvertrag Entlastung bereit erklärt, die am 19. September begonnen haben.


drei.70, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, ENTLASTUNG!, Personalbemessung, Krankenhaus, Klinik, ver.di Übergabe von 4.000 Unterschriften an Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten

Wir kämpfen für Entlastung in... Schleswig-Holstein

Francesca Groba kamen die Warnstreiks während der Länder-Tarifrunde im Frühjahr 2017 gerade recht. »Ich war so sauer über meine Ausbildungsbedingungen, dass ich die Aktionen in der Tarifrunde genutzt habe, meinem Unmut Luft zu machen«, berichtet die Gesundheits- und Krankenpflegerin, die vor einem Jahr ihre Ausbildung am Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) abgeschlossen hat. »Man war eher eine Aushilfskraft als eine Auszubildende.« Strukturierte Praxisanleitung habe es wegen der Personalnot auf den Stationen nur selten gegeben. »Im Grunde musste man sich das meiste selbst beibringen.« Beim Warnstreik trat Francesca Groba ver.di bei. Doch regelmäßig aktiv wurde sie noch nicht. 

Als Anfang dieses Jahres ver.di-Organizer*innen auf ihre Neurologie-Station am Standort Kiel kamen, um für die Tarifbewegung Entlastung zu werben, war die 24-Jährige zunächst skeptisch. »Alle waren resigniert und haben keine Möglichkeit gesehen, etwas zu verändern – auch ich nicht.« Das hat sich innerhalb weniger Monate grundlegend gewandelt. Jetzt vertritt Francesca Groba ihr Team jede Woche beim Treffen der Teamdelegierten, läuft selbst über die anderen Stationen im Haus und versucht, weitere Mitstreiter*innen zu gewinnen. Das gelingt hervorragend. An den beiden UKSH-Standorten Kiel und Lübeck sind innerhalb weniger Wochen jeweils mehr als 200 Beschäftigte Gewerkschaftsmitglied geworden. Auf Francesca Grobas Station sind jetzt 24 Pflegekräfte organisiert. Zu Beginn der Bewegung waren es nur fünf. »Ganz viele Einzelgespräche« habe sie geführt, um ihre Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen, dass sie zusammen etwas bewegen können.

Auf Francesca Grobas Station sind jetzt 24 Pflegekräfte organisiert. Zu Beginn der Bewegung waren es nur fünf.

»Wenn die Mehrheit dahinter steht, dann haben wir eine unglaubliche Macht«, ist die Krankenpflegerin überzeugt. Und an den Kliniken in Kiel und Lübeck ist das der Fall: Rund 4.000 der etwa 6.000 nicht-ärztlichen Beschäftigten haben mit ihrer Unterschrift dokumentiert, dass sie die Forderung nach einem Tarifvertrag Entlastung unterstützen. Die Petition wurde am 9. September an Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) übergeben. »Die Politik muss sicherstellen, dass alle Menschen eine gute Gesundheitsversorgung erhalten«, betont Francesca Groba. »Das geht nur mit mehr Personal. Und dafür muss die Landesregierung in der landeseigenen Uniklinik sorgen.


drei.70, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, ENTLASTUNG!, Personalbemessung, Krankenhaus, Klinik, ver.di Kolleg*innen aus Mainz erklären ihre Uniklinik zum »Problembezirk«.

Wir kämpfen für Entlastung in... Mainz

»Ich war verzweifelt«, sagt Silke Steetskamp. Fünf Jahre leitete sie den Kreißsaal am Uniklinikum Mainz. Immer wieder hatte sie vor den Folgen der Personalnot gewarnt. Dass die Kolleginnen nicht mehr können, krank werden. Dass das »Level-1«-Haus, das auch extreme Frühgeburten betreut, seinen Versorgungsauftrag nicht mehr richtig erfüllen kann. Doch bei der Klinikleitung liefen die Warnungen und Beschwerden ins Leere. In ihrer Not kontaktierte die Hebamme im November 2018 die Gewerkschaft, wo sie schon länger Mitglied ist. Genau zu dieser Zeit mobilisierte ver.di für eine finanzielle Aufwertung der Pflege – auch, um mehr Kolleginnen und Kollegen für diese so wichtige Arbeit zu gewinnen. Silke Steetskamp machte mit, ging auf die Straße, beteiligte sich an Aktionen. »Das hat ganz viel mit mir und den anderen gemacht. Dieses Gefühl der Solidarität über alle Berufsgruppen hinweg, das hat einem viel Kraft gegeben«, berichtet die 38-Jährige. Auch das im Juli erzielte Tarifergebnis ist eine Ermutigung: Besonders Pflegekräfte und Hebammen profitieren davon – bei Letzteren steigen die Gehälter um bis zu 22 Prozent.

»Wir legen uns mit der Gesundheitspolitik der vergangenen 30 Jahre an.«

Silke Steetskamp

»Das hat uns einen Schub gegeben, weil es uns gezeigt hat, dass wir nicht ohnmächtig, sondern sehr wohl handlungsfähig sind«, erklärt Silke Steetskamp. Jetzt geht es um Entlastung. Systematisch werden alle Teams angesprochen und aufgefordert, sich zu beteiligen. Jeden Donnerstag finden Treffen der insgesamt 150 gewählten Teamdelegierten statt – zu drei verschiedenen Uhrzeiten, damit alle die Möglichkeit haben, vor oder nach ihrer Schicht daran teilzunehmen. Welche Entlastungsmaßnahmen für die einzelnen Bereiche gefordert werden, bestimmen die Beschäftigten selbst. Wenn über die Hälfte eines Teams einen Fragebogen ausgefüllt hat, findet ein Teamratschlag statt. »Wir haben da sehr intensiv diskutiert: Was brauchen wir, um wieder gute Arbeit leisten zu können? Was können wir realistisch durchsetzen?«, berichtet Silke Steetskamp. Sie und ihre Kolleginnen im Kreißsaal haben sich unter anderem darauf geeinigt, vier Hebammen in jeder Schicht zu fordern, und zusätzliches Personal für die Ambulanz. Um das durchzusetzen, hat sich die Mehrheit des Teams ver.di angeschlossen. »Das gibt uns Verhandlungsmacht«, sagt Silke Steetskamp. »Die brauchen wir auch. Schließlich legen wir uns mit der Gesundheitspolitik der vergangenen 30 Jahre an – damit es wieder um die Menschen geht, nicht nur ums Geld.«


DKG und ver.di entwicklen Instrument zur Personalbemessung

Gemeinsam mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Deutschen Pflegerat entwickelt ver.di ein Instrument zur Personalbemessung in der Krankenhauspflege – auf Grundlage der bekannten Struktur der Pflege-Personalregelung (PPR) aus den 1990er Jahren. Die beteiligten Organisationen verabredeten im August in einem Eckpunktepapier unter anderem, dass sich die Personalbemessung an den Standards einer qualitativ hochwertigen Versorgung der Patient*innen orientieren und eine hohe Patientensicherheit gewährleisten soll. »Patientinnen und Patienten müssen sich auf eine gute und sichere Versorgung verlassen können. Die Politik lassen wir nicht aus ihrer Verantwortung«, stellte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler klar.

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