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Dienst nach Vorschrift

Entlastung

Dienst nach Vorschrift

Beschäftigte in der Essensversorgung des diakonischen Elisabethenheims in Müllheim verweigern Einspringen aus dem Frei. Ihre Forderung: mehr Personal. Viel Solidarität.

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, Ultimatum, Altenpflege, Ultimatum für bessere Speiseversorgung!, drei.69 ver.di Öffentlichkeitswirksame Aktion: »Entenrennen« auf dem Klemmbach

»Die Geschäftsleitung hatte es in der Hand, diese Eskalation zu vermeiden. Doch sie hat sich anders entschieden«, stellte Daniel Wenk, Mitarbeitervertreter und ver.di-Vertrauensmann im Evangelischen Sozialwerk Müllheim fest. Am 22. April ist das Ultimatum der Beschäftigten in der Essensversorgung der Altenpflegeeinrichtung Elisabethenheim abgelaufen. Die meisten von ihnen leisten keine freiwilligen Überstunden mehr und springen bei Ausfällen nicht mehr kurzfristig ein. Zum Teil müssen Pflegekräfte und Alltagsbegleiterinnen die Verteilung der Mahlzeiten übernehmen, um Engpässe zu überbrücken. Eins ist mit der Aktion bereits gelungen: Die Personalnot ist in der Region zum öffentlichen Thema geworden.

Die Präsenzkräfte in der Hauswirtschaft des Pflegeheims sind Stadtgespräch. »Die Unterstützung ist grandios. Bei einer Aktion auf dem Müllheimer Marktplatz haben in nur zwei Stunden über 300 Menschen per Unterschrift ihre Solidarität bekundet«, berichtete Wenk. Im April informierten die Beschäftigten den Landesbischof über die Zustände in der diakonischen Einrichtung. Kurz darauf veranstalteten sie ein »Entenrennen« auf dem Klemmbach, der direkt hinter der Einrichtung verläuft, und stießen auch damit auf großen Zuspruch.

Erste Erfolge

Ein konkreter Erfolg des Ultimatums ist, dass das Zeitkontingent für die Essensversorgung dauerhaft um sechs Stunden erhöht wurde und zwei gekündigte Kolleginnen wieder im Präsenzteam arbeiten. Zudem ließ sich das Management kurz vor Ablauf des Ultimatums erstmals auf Gespräche mit den Betroffenen ein. Dabei war sogar eine Einigung in Sicht: Die Hausleitung sagte zunächst zu, eine zusätzliche Präsenzkraft in der Mittagszeit einzusetzen, zog dies aber wieder zurück, als die MAV und ver.di darauf hinwiesen, dass die Probleme damit nicht wirklich gelöst werden. Letztlich müsse mehr Personal eingestellt werden, so die Belegschaftsvertretung. Dass die Geschäftsleitung ihre Zusage daraufhin zurückzog, sei nicht nachvollziehbar, erklärte ver.di-Sekretärin Ulrike Glogger. »Wir haben diesen Kompromiss ausdrücklich begrüßt, allerdings wollten wir wissen, wie dieser zusätzliche Dienst personell abgedeckt werden sollte. Auf die Antwort warten wir noch heute.«

Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen, drei.69, Bundesfachbereichskonferenz 2019, Diakonie ver.di Die mutigen Kolleginnen haben ihrem Arbeitgeber ein Ultimatum gestellt.

Der Arbeitgeber habe zwei Monate Zeit gehabt, für Entlastung zu sorgen, betonte Aline Kessler, die als Präsenzkraft in der Essensversorgung arbeitet. »Wir hatten bis zuletzt darauf gehofft, dass eine Lösung gefunden wird. Der Arbeitgeber ist dafür verantwortlich, wenn die Essenszubereitung für die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt nicht mehr reibungslos möglich ist. Wir können nicht mehr.«

Die Geschäftsleitung behauptet, mehr Kräfte würden nicht refinanziert. Der MAV-Vorsitzende Wenk hält dem entgegen, dass in der Essensversorgung des Nachbarheims Haus am Köhlgarten im Verhältnis zur Zahl der Bewohner*innen deutlich mehr Personal eingesetzt ist als im Elisabethenheim. »Leider wird die Mitarbeitervertretung in die Personalplanung nicht einbezogen«, monierte Wenk. Auch sonst werde in dieser Auseinandersetzung deutlich, wie wenig erwünscht die Beteiligung der Beschäftigten sei. »Ich bin seit 1995 Vorsitzender der Mitarbeitervertretung hier. In all diesen Jahren ist die Mitbestimmung noch nie so wenig beachtet worden wie jetzt.« So seien in Zusammenhang mit Umstrukturierungen in der Küche mehrfach Kündigungen ausgesprochen worden, ohne Sozialplan, ohne Beteiligung der MAV und ohne die für das Sozialwerk geltenden Arbeitsvertragsrichtlinien zu beachten.

»Wenn mit den Mitarbeiterinnen und ihrer Interessenvertretung so umgegangen wird, ist klar, dass sie auch zu ungewohnten Aktionsformen greifen müssen«, erklärte Wenk. »Es ist jetzt an der Zeit, dass das Management auf die Kolleginnen und Kollegen zugeht – im Interesse der Bewohnerinnen und Bewohner, der Beschäftigten und der Einrichtung als Ganzes.«

Das Ultimatum: Sieben Mal zusammenstehen

  • Zusammen setzen

    Unsere Forderung sollte einfach und für alle Menschen nachvollziehbar sein. Kann sie erfüllt werden? Welche freiwillige Tätigkeit führt bei Verweigerung dazu, dass der Betrieb zusammenbricht, ohne, dass man uns rechtlich etwas anhaben kann? Zum Beispiel: Wir kommen nicht aus dem Frei.

  • Zusammen versprechen

    Wir formulieren ein Ultimatum, nennen unsere Forderung und kündigen einen Termin an, ab dem wir bestimmte Tätigkeiten nicht mehr machen. Das Teamversprechen zählt erst, wenn mindestens 90 Prozent es unterschrieben haben. Der Gewerkschaftssekretär sammelt die Unterschriften und startet das Ultimatum mit einem Brief an den Chef.

  • Zusammen laut werden

    Das Team erarbeitet einen Eskalationsplan. Von diesem Plan wird nicht abgewichen. Zuerst informieren wir die Kolleg*innen im Betrieb, dann mobilisieren wir in Social Media, gehen an die Massenmedien, beziehen die Zivilgesellschaft ein.

  • Zusammen aktiv werden

    Wir tragen täglich Aufkleber, auf denen eine Zahl steht. Die Zahl gibt die Tage bis zum Ultimatum an. Wir gehen in die Öffentlichkeit und starten Aktionen, an denen sich möglichst das ganze Team beteiligt.

  • Zusammen solidarisch sein

    Wir bilden eine Messengergruppe und vernetzen uns. Der Gewerkschaftssekretär hat alle Handynummern. Es wird eine Notrufnummer eingerichtet, die jederzeit angerufen werden kann. ver.di gibt Schutzbriefe heraus.

  • Zusammen den Ultimatumstag begehen

    Sollte es vor dem Ultimatumstag noch keine Einigung geben, dann sollte dieser Tag mit Unterstützung möglichst vieler solidarisch verbundener Kolleginnen und Kollegen begangen werden. Zum Beispiel könnten Kolleg*innen anderer Häuser kommen, um euch zu helfen, weil ihr mit dem wenigen Personal die Arbeit nicht bewältigen könnt. Dieser Tag muss wirklich sehr peinlich für den Arbeitgeber sein.

  • Zusammen feiern

     Kein Kampf ohne Feier, am besten nach dem Sieg. Jetzt heißt es, wachsam zu sein, damit das Erreichte auch umgesetzt wird.

    -miq

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