drei.68

Eng getaktet

Vor Ort

Eng getaktet

Ohne sie würde im Krankenhaus sofort Chaos ausbrechen: Die Kollegen des Transportdienstes sind dafür verantwortlich, dass alles an seinen richtigen Platz kommt. Und zwar schnell | Kathrin Hedtke

drei.68, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Transportdienst, Krankenhaus Veit Mette Hin und zurück, hoch und runter, immer und immer wieder: Die Beschäftigten des Transportdienstes legen pro Schicht acht bis zehn Kilometer zurück. Die Wagen sind oft schwer beladen. Die meisten Kollegen plagen Schmerzen an Rücken oder Knie.

Die Glasflaschen klirren leise, als Ivan G. flink einen Wasserkasten nach dem anderen auf den Hubwagen hebt, Kiste auf Kiste stapelt. Durch die Lagerhalle im Keller des Kölner Krankenhauses Holweide zieht ein kühler Luftzug. Doch davon merkt der 46-Jährige nicht viel, seine Wangen sind gerötet. Mit schnellen Schritten zieht er den Wagen durch den langen Flur, vorbei an der Bettenzentrale, links, und der Küche, rechts. Der Hubwagen rattert über die graugesprenkelten Fliesen. Im fahlen Neonlicht kommt ihm ein Kollege mit einem Gitterwagen voller schwarzer Plastikbeutel entgegen, nickt ihm kurz zu. Ivan G. lenkt die Wasserkästen schnurstracks in den engen Aufzug, quetscht sich daneben, drückt den Knopf für Station A6. »Wir transportieren alles, was sich im Haus bewegt«, sagt der Teamleiter des Transportdienstes. Saubere Betten, schmutzige Betten, Tabletts mit frischem Essen, benutztes Geschirr, Abfallcontainer, -Pakete mit Medikamenten, Möbel und so weiter. Sieben Tage pro Woche, 365 Tage im Jahr.

drei.68, Krankenhaus, Transportdienst, Servicegesellschaften, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Veit Mette Bettenstau am Fahrstuhl

Die ganze Zeit hoch und runter

Ein Kollege ist am Lastenaufzug eingeteilt, er fährt die ganze Zeit hoch und runter, acht Stockwerke, Tür zu, Tür auf. Im Untergeschoss stehen saubere Betten parat. Ibraev R. schnappt sich eins davon, mit Filzstift ist »A8« auf die Folie gekritzelt, der junge Mann bringt es auf die Etage der Frauenklinik. Als sich die Tür öffnet, drängeln sich auf der Station schon zwei Betten mit zerknüllten Laken im Flur. Der Transportarbeiter lädt das saubere Bett aus, schiebt ein schmutziges Bett rein, drückt auf –1. Und immer so weiter. Ob er schon mal gezählt hat, wie oft er pro Schicht den Knopf betätigt? Der 33-Jährige lacht: »Uff, nein.« Für so etwas hat er keine Zeit. Schon gar nicht jetzt zur Mittagszeit, es ist 11:15 Uhr. Im Keller eilt ein Kollege mit einem riesigen Metallwagen voller Essen herbei. An der Aufzugstür übernimmt Ibraev R., drückt mit beiden Armen den silbernen Speisewagen hinein. »Ganz schön schwer.« Er schätzt, dass der Wagen vollbeladen etwa 200 bis 300 Kilo wiegt. Sein Kollege hastet zurück zur Küche, rollt den nächsten Container heran. 

 

drei.68, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Krankenhaus, Servicegesellschaften, Transportdienst, Veit Mette Im Transport-Aufzug

»Alles ist gut geplant«

Insgesamt gibt es vier Aufzüge, einer ist gerade kaputt. Die Männer geben sich Mühe, die Fahrstühle nicht zu blockieren. Patient*innen, Ärzt*in-nen und Pflegekräfte haben stets Vorfahrt. So kann es schon mal zu kleineren Staus kommen. Wenn sich die Aufzugtür öffnet und davor stehen vier Betten, wird Ibraev R. schon nervös. Er weiß: Werden es doppelt so viele, käme im Flur niemand mehr vorbei. Doch so etwas kommt so gut wie nie vor. »Alles ist gut geplant«, sagt der Teamleiter. Morgens ist am meisten los ist: Alle Patient*innen brauchen ein Bett, später ihr Mittagessen. Danach wird es ruhiger. Deshalb arbeiten fünf Männer in der Frühschicht von 6:00 bis 14:00 Uhr, ein Kollege alleine in der Spätschicht von 13:30 bis 20:30 Uhr. Was passiert, wenn der Mann plötzlich krank wird? Und niemand mehr da ist, der alles an seinen richtigen Platz bringt? »Das ist zum Glück noch nicht vorgekommen«, sagt Ivan G..

drei.68, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Krankenhaus, Servicegesellschaften, Transportdienst Veit Mette Bis zu 300 Kilogramm kann ein vollbeladener Wagen wiegen.

Outscourcing spaltet Belegschaften 

Betriebsrätin Beate Hane-Knoll betont, dass die Beschäftigten im Transportdienst eine große Verantwortung haben. »Sie sorgen dafür, dass der Ablauf funktioniert. Sonst bricht ganz schnell Chaos aus.« Für die Kollegen gilt der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). Die Kliniken Köln gehören zu den wenigen Krankenhäusern, die den Transportbereich nicht ausgegliedert haben. Die Beschäftigten werden nach Entgeltgruppe 4 bezahlt, das entspricht einfachen Tätigkeiten ohne Ausbildung. Damit verdienen sie rund 2.400 Euro brutto im Monat. Doch niemand weiß, ob alles so bleibt. Kürzlich hat die Geschäftsleitung bekanntgegeben, im Rahmen des aktuellen Sanierungsprogramms die Zentralwäscherei im Jahr 2020 zu schließen – und die Arbeit an einen externen Dienstleister zu übergeben. »Dabei werden keine Kündigungen ausgesprochen. Es ist kein Geheimnis, dass es uns finanziell nicht gut geht«, sagt Kliniksprecherin Sigrid Krebs, »wir stellen darum alle Unternehmensbereiche an allen Klinikstandorten auf den Prüfstand.«

Betriebsrätin Hane-Knoll lehnt Outsourcing ab. Dadurch werde die Belegschaft gespalten. Beschäftigte von Fremdfirmen würden nicht nach Tarif bezahlt, litten oft noch stärker unter Zeitdruck. Die Gewerkschafterin betont: »Zum Krankenhaus gehören nicht nur Pflege und ärztlicher Bereich. Sondern alle sorgen dafür, dass der Betrieb läuft.«

drei.68, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Krankenhaus, Servicegesellschaften, Transportdienst, Veit Mette Die Zeit immer im Nacken

Körperliche Belastung

Wenn beim Transportdienst wegen Krankheit und Urlaub zu viel Personal fehlt, kommt manchmal eine Hilfskraft von einer Fremdfirma. »Doch bis sie weiß, wie alles läuft, ist der Tag um«, berichtet Ivan G.. In seinem Team sind alle schon lange dabei, er selbst macht seinen Job seit knapp 20 Jahren. Jeder weiß genau, was zu tun ist. Zum Beispiel würde niemand mit leeren Händen den Flur entlang laufen. Jeder nimmt überall etwas mit. »Kein Leerlauf«, betont Ivan G.. »Das kostet nur Zeit.« Ein Kollege habe mal mit dem Handy die Schritte gezählt, das Ergebnis: pro Schicht etwa acht bis zehn Kilometer. 

Das Team besteht aus acht Männern. »Es darf, um Gottes Willen, niemand krank werden«, sagt Ivan G., »sonst wird es schon knapp. Dann müssen alle irgendwo schneller machen.« Obwohl er Teamchef ist, arbeitet er voll mit, sitzt so gut wie nie auf seinem Schreibtischstuhl hinterm Computer. Dienstpläne schreibt er oft nach Feierabend. Die Arbeitszeit bekommt er gutgeschrieben. Tütütütüüüüt, das Handy in seiner Hosentasche piepst. »Hallo?«, der Vorarbeiter runzelt die Stirn. »Ja, kein Problem. Geh‘ nach Hause. Gute Besserung!« Ein Kollege hat Schmerzen im Knie. Gesundheitsprobleme sind in dem Job ein großes Thema. Die körperliche Belastung ist groß. Den meisten Kollegen machen Rücken und Knie zu schaffen.

Doch die Arbeiter klagen nicht über ihren Job. Im Gegenteil. »Alles läuft wunderbar«, sagt Nikolai S.. »Wir arbeiten flexibel und selbstständig.« Als Ausgleich macht der kräftige Mann in seiner Freizeit Sport, werkelt im Garten herum und fährt Fahrrad. Das A und O sei die gute Stimmung im Team. Der Teamleiter betont, dass er großen Wert auf einen freund-lichen Umgangston legt. »Wir sind ein bisschen wie eine Familie«, sagt der Vorarbeiter. Von 12:00 bis 12:30 Uhr machen alle zusammen Mittagspause im Personalraum, sitzen am
großen Tisch, essen Wurstbrot, Schokoriegel, trinken Kaffee, unterhalten sich. Über dem Schreibtisch hängt eine große Uhr. Um 12:29 Uhr wird Nikolai S. unruhig: »Ich muss los. Einen Schrank abholen.«

drei.68, Gesundheit Soziale Dienste Wohlfahrt und Kirchen (ver.di), Krankenhaus, Servicegesellschaften, Transportdienst, werkzwei Detmold Wirtschafts- und Versorgungsdienst: Hohe Anforderungen, schlechte Bezahlung
  • 1 / 3

Weiterlesen

Die gesamte Zeitung als PDF zum Download.

Alle Ausgaben als PDF: Das drei-Archiv.

Newsletter

Immer auf dem aktuellen Stand: Der Newsletter des Fachbereichs Gesundheit und Soziale Dienste.