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Entlastung erstreikt

Krankenhäuser

Entlastung erstreikt

Eine Hebamme, eine Erzieherin, ein Krankenpfleger und eine Kinderkrankenpflegerin berichten über ihre Erfahrungen in der Tarifbewegung für mehr Personal und Entlastung.
strahlende Streikende Veit Mette 2017/18: Streik an den Unikliniken Düsseldorf und Essen

34 Tage haben die Beschäftigten des Uniklinikums Essen für Entlastung gestreikt. Ihre Kolleginnen und Kollegen in Düsseldorf waren gar 44 Tage im Ausstand. Das hat sich gelohnt: Am Ende steht ein Ergebnis, das mehr Personal in die Krankenhäuser bringt und die Arbeitgeber zu Maßnahmen gegen Überlastung verpflichtet. Und auch am Universitätsklinikum des Saarlandes war die Tarifbewegung erfolgreich. Fast 98 Prozent der ver.di-Mitglieder hatten sich für einen unbefristeten Arbeitskampf ausgesprochen. Unter diesem Druck unterschrieb die Klinikleitung einen Entlastungs-Vertrag. Von den Vereinbarungen profitieren erstmals nicht nur Pflegekräfte, sondern auch andere Bereiche. Die Beschäftigten des Klinikums Augsburg wollen das nun ebenfalls erreichen und beginnen die Urabstimmung über einen Streik für Entlastung.

Das haben wir erreicht

An den Unikliniken Düsseldorf, Essen und Homburg hat ver.di Verträge zur Entlastung erreicht. Diese heißen zwar nicht »Tarifverträge«, sind aber von der Gewerkschaft einklagbar. Hier die zentralen Inhalte:

Neue Stellen. In Düsseldorf und Essen jeweils 180 zusätzliche Vollzeitstellen, davon 40 in nicht-pflegerischen Bereichen. In Homburg 145 neue Stellen, davon 15 außerhalb der Pflege.

Keine Nacht allein. Außer auf sehr kleinen Stationen sind nachts stets zwei Pflegekräfte anwesend.

Personalbemessung. In allen Pflegebereichen wird ermittelt, wie viel Personal nötig ist. Bis dahin darf eine Sollbesetzung nicht unterschritten werden.

Konsequenzen. Wird die Soll- bzw. Regelbesetzung dennoch unterschritten, folgen automatische Entlastungsmaßnahmen wie die Verlegung von Patient/innen, weniger OPs oder zusätzliche Kräfte aus dem Springerpool.

Belastungstage. Am Uniklinikum des Saarlandes sammeln die Beschäftigten zudem »Belastungstage«, wenn die Klinikleitung Überlastungssituationen nicht binnen drei Tagen beseitigt. Wer acht davon auf dem Konto hat, bekommt im Folgemonat einen zusätzlichen Tag frei.

 

Uniklinikum Essen: Toller Zusammenhalt

»Ich finde es fast ein wenig schade, dass der Streik vorbei ist«, sagt Susanne Hickmann aus dem Uniklinikum Essen. »Wir haben so viele Aktivitäten zusammen gemacht, da ist eine richtig schöne Gemeinschaft entstanden.« 

Anders als die meisten Streikenden kommt Susanne Hickmann nicht aus der Pflege, sondern arbeitet in der betriebseigenen Kindertagesstätte. »Da bekommt man hautnah mit, unter welchem Druck die Pflegekräfte stehen – und was das auch für die Kinder bedeutet«, erklärt die Erzieherin. Nicht selten würden halbkranke Kinder in die Kita gebracht oder sie blieben bis zu zehn Stunden, weil die Eltern nicht von den Stationen wegkommen. 

Doch auch die Erzieherinnen selbst seien überlastet. »Oft müssen wir in anderen Gruppen aushelfen, weil jemand ausgefallen ist. Der Krankenstand ist hoch. Unter diesen Umständen ist es manchmal schwer, dem Bildungsauftrag voll gerecht zu werden.« ver.di hat in den Tarifverhandlungen deshalb eine zusätzliche Erzieherin und 1,5 Stellen für den Servicebereich der Kita gefordert. »Mit den Servicekräften könnten wir uns stärker auf die Kinder konzen-trieren«, erklärt Susanne Hickmann. Noch ist unklar, welche Bereiche von den 40 zusätzlichen Stellen außer-halb der Pflege profitieren. 

»Dass auch für die anderen Beschäftigtengruppen etwas herauskommt, war ganz wichtig«, betont die Erzieherin. Aus etlichen Bereichen seien Kolleginnen und Kollegen im Streik aktiv gewesen, vom Einkauf über die Reinigung bis hin zu den Therapeut/innen. »Im Streik konnte man all die ande-ren Menschen im Klinikum besser kennenlernen und Verständnis für-einander entwickeln«, sagt die 52-Jährige. »Das war ein toller Zusammenhalt. Ich hoffe sehr, dass er bestehen bleibt.«

Uniklinikum Düsseldorf: Eigene Stimme gefunden

Während des Streiks war das Streikzelt für Joana Ortlepp stets die erste Anlaufstation. Dort konnte die Krankenpflegerin ihre Kreativität ausleben, dachte sich Sprüche aus, malte Plakate und Transparente, organisierte öffentlichkeitswirksame Aktionen. So zum Beispiel eine »Waschstraße«, bei der Patient/innen im Akkord gewaschen wurden. »Jeder konnte seine Ideen einbringen und umsetzen, selbstbestimmt und zusammen mit anderen – das hat sich echt cool angefühlt«, sagt die Krankenpflegerin. »Ich habe meine Stimme gefunden.« 

Erstmals mit ver.di in Berührung kam Joana Ortlepp während ihrer Ausbildung zur Krankenpflegerin am Uniklinikum Düsseldorf. Aktivist/innen der ver.di-Jugend gingen durch die Kurse und mobilisierten zum Warnstreik für Entlastung. »Da wollte ich sofort mit, denn die Ausbildungssituation ist für viele richtig Scheiße«, sagt die 25-Jährige. Azubis würden zwischen den Stationen hin und her geschoben, eine strukturierte Praxisanleitung bleibe auf der Strecke. »Das wollte ich ändern.« 

Auf ihrer Intermediate Care Station habe sich die Lage seit der Einigung schon ein wenig entspannt. Statt vier hat jede Pflegekraft jetzt meist drei Patient/innen zu betreuen. Für Joana Ortlepp ist die Schluss-folgerung klar: »Es lohnt sich, für seine Rechte einzutreten.« Sie will deshalb auch nach dem Streik aktiv bleiben, unter anderem in der ver.di-Jugend. »Da kann ich weiter kreativ sein und mithelfen, dass sich was verbessert.«

Uniklinikum des Saarlandes: Nicht mehr stillhalten

Als sie noch auf der Wöchnerinnenstation des evangelischen Krankenhauses Zweibrücken arbeitete, hatte Ingrid B. mit Gewerkschaft nichts zu tun. »Ich dachte, das ginge in der Kirche nicht«, blickt die Hebamme zurück. Doch als 2016 zuerst die Geburtshilfe und dann das ganze Klinikum dicht machten, war ver.di eine große Hilfe. Aus dieser Erfahrung hat die 52-Jährige eine Schlussfolgerung gezogen: »Wir haben zu lange stillgehalten, wir hätten uns gegen die Personalnot wehren sollen.«

Genau das macht Ingrid B. jetzt, die seither im Kreißsaal der Hom-burger Uniklinik arbeitet. Als Teamdelegierte hat sie immer wieder auf die Situation der Hebammen hingewiesen. Und diese ist katastrophal: Eigentlich müssten nach Berechnungen des Teams in der Früh-, Spät- und Nachtschicht jeweils fünf, vier und drei Hebammen da sein. Tatsächlich sind es in der Regel aber nur zwei pro Schicht, zuletzt nachts sogar nur eine. »Das ist weniger als Notbesetzung«, stellt Ingrid B. fest. 

Mit jährlich 1.900 Geburten hat die Uniklinik nicht nur sehr viele, sondern auch besonders schwere Fälle. Es ist in der Region das einzige »Level-1«-Haus, das Frühgeburten schon ab der 24. Schwangerschaftswoche betreut. Doch das Personal dafür ist nicht da. Von den etwa 20 Absolventinnen des diesjährigen Hebammenkurses bleibt keine einzige. 

»Dieser Teufelskreis lässt sich nur stoppen, wenn der Job finanziell viel attraktiver wird«, ist Ingrid B. überzeugt. Ein erster Schritt dahin ist jetzt getan: Die Hebammen erhalten ab sofort eine »Level-1«-Zulage von monatlich 400 Euro. Zudem wird ihnen der Ausgleich für Überlastung ausbezahlt, was weitere 350 Euro im Monat ausmachen dürfte. »Wir sind skeptisch, ob das ausreicht«, betont ver.di-Sekretär Michael Quetting. »Wenn die Kolleginnen im Kreißsaal zusammenhalten, könnten sie durchaus noch mehr erreichen.«

Klinikum Augsburg: Urabstimmung angelaufen

Für den Krankenpfleger Benjamin Gampel sind die in Düsseldorf, Essen und Homburg erreichten Vereinbarungen zur Entlastung eine große Motivation. »Das hat gezeigt: Wenn wir genug Druck machen, bewegen sich die Arbeitgeber«, so der 31-Jährige, der auf der Herz-Thorax-Chirurgie des Augsburger Klinikums arbeitet. 

Er und seine Kolleg/innen haben sich nun ebenfalls auf den Weg gemacht, mehr Personal und Entlastung im Betrieb durchzusetzen. Bis Ende Oktober läuft die Urabstimmung über einen Erzwingungsstreik. »Die Klinikleitung hat jetzt drei Wochen Zeit, substanzielle Verbesserungen auf den Weg zu bringen. Andernfalls gibt es einen Arbeitskampf inklusive Betten- und Stationsschließungen«, erklärt der ver.di-Vertrauensleutesprecher.

In die Gewerkschaft eingetreten ist Benjamin Gampel während seiner ersten Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. »Wer da nicht in der IG Metall war, wurde schräg angeschaut. Als ich im Krankenhaus angefangen habe, habe ich es leider ganz anders erlebt.« Doch mit den Streiks für Entlastung bewege sich etwas. »Angesichts der miserablen Bedingungen muss sich gerade die Pflege organisieren – und das tun wir jetzt.

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