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»Es reicht nicht zum Leben«

Psychotherapeut/innen in Ausbildung

»Es reicht nicht zum Leben«

Angehende Psychotherapeut/innen an Baden-Württembergs Unikliniken streiten für angemessene Bezahlung. Interview mit Anna Stylianopoulou. Sie ist Psychotherapeutin in Ausbildung (PiA) an der Uniklinik Ulm und vertritt die PiAs in der ver.di-Verhandlungskommission.
Portrait junge Frau privat Anna Stylianopoulou

Bei den Tarifverhandlungen an den Unikliniken Tübingen, Freiburg, Ulm und Heidelberg geht es nicht nur um mehr Geld für die rund 27.000 Beschäftigten. ver.di fordert auch, dass die psychologischen und pädagogischen Psychotherapeut/innen in Ausbildung (PiA) in den Tarifvertrag der vier Unikliniken einbezogen werden. Was bedeutet das?

Es gibt für die Psychotherapeutinnen und -therapeuten in Ausbildung derzeit einen eigenen Tarifvertrag – aber nur für die psychologischen PiAs. Diejenigen, die vorher Pädagogik studiert haben und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten werden wollen, haben keinen Tarif und verdienen noch schlechter. Das muss sich ändern, denn sie machen qualitativ dieselbe Arbeit. Für alle fordern wir die Einbeziehung in den Praktikanten-Tarifvertrag der Unikliniken. Dadurch hätten auch wir einen tariflich abgesicherten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Zudem fordern wir mehr Geld, denn unser derzeitiges Gehalt reicht nicht zum Leben.

Wie viel verdient ihr im Moment?

Wir bekommen bei einer 26-Stunden-Woche monatlich 1.090 Euro brutto. Zugleich müssen wir aus eigener Tasche jeden Monat mehrere hundert Euro für die theoretische Ausbildung bezahlen. Unsere Forderung ist, dass wir entsprechend unserer Qualifikation in die Entgeltgruppe 13 eingestuft werden, natürlich angepasst an unsere Arbeitszeiten.

Warum ist es gerechtfertigt?

Wir haben mit dem Master-Studium schon eine abgeschlossene Ausbildung als klinische Psychologen, jetzt machen wir noch eine Zusatzausbildung – ähnlich wie der Facharzt. Ein Großteil der Psychotherapien an den Unikliniken wird von uns geleistet, doch das wird nicht angemessen honoriert.

Dass es für die PiAs der baden-württembergischen Unikliniken seit 2014 überhaupt einen Tarifvertrag gibt, ist ja schon ungewöhnlich. Wie habt ihr das erreicht?

Angefangen haben die PiAs in Tübingen. Sie haben sich organisiert und mit ver.di einen Tarifvertrag durchgesetzt. Vorher war die Bezahlung noch viel schlechter und an den verschiedenen Klinikstandorten ganz unterschiedlich.

Was macht ihr jetzt, um die geforderten Verbesserungen zu erreichen?

Immer mehr von uns organisieren sich in ver.di. Es gibt eine große Bereitschaft, aktiv zu werden und sich an Aktionen zu beteiligen. Das müssen wir auch, wenn wir als kleine Beschäftigtengruppe Gehör finden wollen. Von anderen Kolleginnen und Kollegen, ob Ärzten, Pflegekräften oder den Auszubildenden, bekommen wir viel Unterstützung.

Rechtlich ist der Status der PiAs weiterhin ungeklärt. Was muss sich auf gesetzlicher Ebene ändern?

Die Regierungskoalitionen haben eine Reform immer wieder angekündigt, aber geschehen ist in den vergangenen Jahren nichts. Da muss jetzt endlich etwas passieren. Unabhängig von der Reform brauchen wir kurzfristige Lösungen. Die Kliniken müssen unsere wichtige Arbeit angemessen bezahlen.

Hintergrund

Für die rund 27.000 nicht-ärztlichen Beschäftigten der Unikliniken Ulm, Tübingen, Heidelberg und Freiburg fordert ver.di unter anderem 6,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 200 Euro, für Auszubildende 130 Euro mehr. Die Arbeitgeber haben in der zweiten Verhandlungsrunde Mitte Juni ein komplexes Angebot vorgelegt, das auch die noch zu verhandelnde Entgeltordnung ein-bezieht. ver.di-Verhandlungsführerin Irene Gölz erklärte: »Wir sind grundsätzlich bereit, über alle Stellschrauben zu reden, aber das Paket muss stimmen.« Dazu gehört auch die Einbeziehung angehender Psychotherapeut/innen in den Tarifvertrag. Bei der vorangegangenen Auseinandersetzung um Entlastung haben die Beschäftigten einen »Tarifvertrag auf Bewährung« durchgesetzt. Die Arbeitgeber seien nun in der Pflicht, diesen mit Leben zu füllen und damit für echte Entlastung zu sorgen, so Gölz.

UPDATE 12.07.2018

Tarifergebnis für die Uniklinika in Baden-Württemberg
Nach drei Verhandlungsrunde hat ver.di Mitte April 2018 ein Tarifergebnis für die rund 27.000 nicht-ärztlichen Beschäftigten der Unikliniken Ulm, Tübingen, Heidelberg und Freiburg erreicht. Die Gehälter steigen rückwirkend zum 1. Mai um 3,2 Prozent, bei einer Laufzeit von 14 Monaten. Die unteren Entgeltgruppen erhalten eine zusätzliche Einmalzahlung von 200 Euro. Die Auszubildenden bekommen eine Erhöhung ihrer Vergütung von 65 Euro im Monat plus eine Mobilitätszulage von 40 Euro monatlich sowie den vollen Urlaubsanspruch von 30 Tagen pro Jahr. Die Vergütungen der Auszubildenden in der Gesundheits- und Krankenpflegehilfe steigen überproportional um fast 15 Prozent. Außerdem hat ver.di eine gute Tarifierung für die Psychotherapeut/innen in Ausbildung (PiA) durchsetzen können, in die erstmals auch die pädagogischen PiA einbezogen sind. Mit Bachelorabschluss bekommen PiA zukünftig monatlich 995 Euro, mit Masterabschluss 1.316 Euro. Alle haben nun Anspruch auf 30 Tage Urlaub und Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall.

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