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Mehr Personal, sonst…

Klinikpersonal entlasten

Mehr Personal, sonst…

… verweigern die Pflegekräfte der Intermediate Care Station IMC 1 der Uniklinik Jena freiwillige Leistungen.

Gruppenfoto Menschen in Berufskleidung im Krankenhausflur ver.di Das Team der IMC 1 am Uniklinikum Jena hält zusammen - für Entlastung

Sie haben die Zustände lange ertragen. Viel zu lang. Jetzt wehren sie sich. Das Team der Intermediate Care Station IMC 1 der Uniklinik Jena hat dem Arbeitgeber ein Ultimatum gesetzt: Dieser muss bis zum 1. Oktober dafür sorgen, dass eine Pflegekraft für höchstens vier Patientinnen und Patienten zuständig ist, sonst wollen sie freiwillige Leistungen verweigern. Das würde den Betrieb zusammenbrechen lassen. Im Moment muss eine Krankenpflegerin manchmal bis zu sieben Patient/innen gleichzeitig versorgen. Das ist gefährlich – für Patient/innen und Beschäftigte gleichermaßen.

An keinem Tag Pause

»Die Krankenhäuser funktionieren nur noch, weil Beschäftigte über ihre Grenzen und über die im Arbeitsvertrag festgelegten Pflichten hinaus gehen. Das können sie sich zunutze machen, um Maßnahmen zur Entlastung durchzusetzen.«

Philipp Motzke, ver.di

»Bei unserer Einstellung hat uns die Leitung mehrfach versprochen, dass wir eine Besetzung von eins zu vier bekommen würden«, berichtet die Krankenpflegerin Lisa Böhm, die seit drei Jahren im Jenaer Uniklinikum arbeitet. Doch eingelöst wurde dieses Versprechen nie. »Wir können an keinem Tag unsere Pause nehmen, in der Freizeit muss man ständig mit einem Anruf rechnen, dass man wieder arbeiten soll – das geht einfach nicht mehr.« Das erklärt auch die sehr hohe Fluktuation der Pflegekräfte auf der Überwachungsstation, die den Übergang zwischen Intensiv- und Normalstationen absichern soll. »Die Leute machen das nicht lange mit und gehen wieder«, sagt Böhm. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen wollen einen anderen Weg gehen und setzen sich kollektiv zur Wehr. Sie haben den ver.di-Sekretär Philipp Motzke angesprochen, der ihnen von erfolgreichen Ultimaten von Stationsteams im Saarland, in Baden-Württemberg und an der Berliner Charité erzählt hat. 

»Die Krankenhäuser funktionieren nur noch, weil Beschäftigte über ihre Grenzen und über die im Arbeitsvertrag festgelegten Pflichten hinaus gehen«, erläutert Motzke. »Das können sie sich zunutze machen, um Maßnahmen zur Entlastung durchzusetzen.« 18 der insgesamt 22 Beschäftigten der IMC 1 unterzeichneten ein »Teamversprechen«. Darin sichern die Pflegekräfte einander zu, ihr Recht auf zwei freie Tage innerhalb von zwei Wochen in Anspruch zu nehmen, nicht mehr außerhalb des Dienstplans einzuspringen und geplante Überstunden zu verweigern, falls der Arbeitgeber nicht bis zum 1. Oktober für Entlastung sorgt.

So wollen sie erreichen, dass acht examinierte Pflegekräfte in Vollzeit zusätzlich auf die Station kommen, um eine angemessene Versorgung der 21 Patientinnen und Patienten zu gewährleisten. »Die Kolleginnen und Kollegen stehen unter dem Schutz der Gewerkschaft«, betont ver.di in dem Schreiben, das sie im Auftrag des Teams an die Klinikleitung geschickt hat.

»17 Kollegen, die einen aufbauen«

Anfang Juni sah es zunächst so aus, als würde das Management den Pflegekräften jetzt endlich zuhören. In einer Teambesprechung sagte es zu, erste Maßnahmen zur Entlastung zu ergreifen und konstruktiv über weitere Schritte zu verhandeln. Unmittelbar nach dem Gespräch wurden die Kolleg/innen der Frühschicht abgelöst, damit sie ihre gesetzlich vorgeschriebene Pause nehmen können – immerhin. »Aber das ging nur eine Woche lang gut, jetzt ist alles wieder beim Alten«, bilanziert Böhm. »Wenn das so bleibt, werden wir unser Ultimatum umsetzen, dazu sind wir fest entschlossen«, erklärt die 24-Jährige. Das durchzuhalten ist keineswegs einfach. Schließlich wollen Pflegekräfte vor allem eins: dass ihre Patientinnen und Patienten gut versorgt sind. Doch genau dies geht unter den Bedingungen des Personalmangels nicht mehr. »Es ist schon schwer, dem Druck standzuhalten«, gibt Böhm zu. »Aber wenn es einem nicht gut geht, sind 17 Kolleginnen und Kollegen da, die einen immer wieder aufbauen.«

Update: Ultimatum ausgesetzt

Jena I Das Team der Intermediate Care Station IMC1 der Uniklinik Jena hat ihr Ultimatum ausgesetzt. Denn die Klinikleitung hat bei einem Gespräch am 27. September versprochen, die geforderte Besetzung von einer Pflegekraft für maximal vier Patient/innen umzusetzen. Im Dienstplan für November wurde die Stellenzahl um 7,5 aufgestockt. Zudem sollen Kräfte aus dem Springerpool für Pausenablösen und zur Kompensation von Ausfällen eingesetzt werden. »Dem Universitätsklinikum steht jetzt eine Probezeit bevor. Sollten sich die Bedingungen für die Beschäftigten wieder verschlechtern oder vereinbarte Maßnahmen nicht oder nur ungenügend greifen, dann wird das Ultimatum wieder aufgenommen«, erklärt ver.di-Sekretär Philipp Motzke. Das Team hatte angekündigt, ab dem 1. Oktober freiwillige Leistungen wie das Einspringen außerhalb des Dienstplans zu verweigern, falls der Arbeitgeber nicht für Entlastung sorgt.

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