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Ein Paukenschlag

Ein Paukenschlag

Hamburger Volksinitiative sammelt tausende Unterschriften für mehr Personal in Kitas. Interview mit Marina Jachenholz, Betriebsratsvorsitzende des Hamburger Kita-Trägers »Elbkinder« und Mitinitiatorin der Volksinitiative »Mehr Hände für Hamburger Kitas«
Portrait Marina Jachenholz Roland Schneider Marina Jachenholz

ver.di hat zusammen mit anderen die Volksinitiative »Mehr Hände für Hamburger Kitas« gestartet. Warum?

2004/2005 hat Hamburg den damaligen Personalschlüssel in den Kitas um fast die Hälfte reduziert. Von dieser Verschlechterung haben sich die Einrichtungen nicht mehr erholt. Die Kolleginnen und Kollegen sind an der Belastungsgrenze und darüber hinaus. Mit dem bestehenden Personalschlüssel können wir unseren eigenen pädagogischen Ansprüchen und auch den Bildungsempfehlungen der Stadt nicht gerecht werden. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder Druck gemacht, damit mehr Personal in die Kitas kommt.

Haben die Proteste etwas bewirkt?

Aufgrund der Aktionen des »Kita-Netzwerks« vor der letzten Bürgerschaftswahl 2014 hat die Stadt mit den Trägern eine Eckpunktevereinbarung geschlossen. Darin hat sie sich erstmals dazu bekannt, dass in die Betreuungsqualität investiert werden muss. Das zentrale Problem ist aber, dass die Eckpunkte sehr vage bleiben, wenn es um die Einberechnung der mittelbaren pädagogischen Tätigkeiten wie Vorbereitung von Elterngesprächen, Behördengänge etc. geht. Gleiches gilt für Ausfallszeiten durch Urlaub, Krankheit und Fortbildungen. Dafür gibt es keinen Ersatz, weshalb wir in der Realität niemals den Betreuungsschlüssel haben, wie er gesetzlich festgeschrieben ist. Das muss sich ändern.

Ihr beruft euch auch auf den 2015 von SPD und Grünen in Hamburg geschlossenen Koalitionsvertrag.

Ja. Denn dort steht: Bis 2025/26 soll es im Krippenbereich (bis drei Jahre) eine Fachkraft-Kind-Relation von eins zu vier, im Elementarbereich (ab drei Jahre) von eins zu sieben geben. Doch bislang wird in diese Richtung nichts umgesetzt. Im Moment kommen 6,4 bzw. 11,25 Kinder auf eine Fachkraft – allerdings sind das nur rechnerische Durchschnittszahlen. In der Realität ist die Quote noch deutlich schlechter. Etliche Studien belegen, dass eine pädagogisch hochwertige Arbeit unter diesen Bedingungen nicht zu leisten ist.

Wie überall argumentierten die Arbeitgeber auch in Hamburg damit, es gebe nicht genügend Fachkräfte, um den geforderten Betreuungsschlüssel zu erfüllen.

Dieses Problem ist teilweise hausgemacht. Nur ein Drittel der ausgebildeten Erzieher/innen geht nach der Fachschule in die Kitas. Der Grund liegt auf der Hand: Die Leute stellen schon im Praktikum fest, dass sie unter diesen Bedingungen ihre Arbeit nicht so machen können, wie sie es lernen und richtig finden. Deshalb suchen sich viele etwas anderes. Hinzu kommt: Schon 2011, als der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und die Elternbeitragsfreiheit beschlossen wurden, war der enorme Personalbedarf absehbar. Doch die Verantwortlichen haben es verschlafen, die Fachkraftausbildung entsprechend auszuweiten.

Jetzt ist der Fachkräftemangel allerdings Realität. Auch der Initiative ist klar, dass deshalb nicht alle Forderungen sofort erfüllt werden können. Doch die bisherigen Planungen sind völlig unzureichend. Stadt und Träger haben vereinbart, jährlich 500 Erzieher/innen neu einzustellen. Bei über 1.000 Einrichtungen ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wo soll das Geld für die notwendigen Stellen herkommen?

Es ist nicht unsere Aufgabe, konkrete Finanzierungsvorschläge zu machen, zumal wir nur die Umsetzung des Koalitionsvertrags einfordern. Eine Volksinitiative darf zum Beispiel keine Steuer- oder Abgabenerhöhungen vorschlagen, weil sie nicht in die Haushaltshoheit des Parlaments eingreifen darf. Fest steht aber: Die Steuerprognosen für Hamburg sind hervorragend und die Stadt wird weiter wachsen. Das führt einerseits zu höheren Einnahmen, andererseits zu einem größeren Bedarf an frühkindlicher Bildung.

Wer hat sich in der Volksinitiative zusammengeschlossen und was sind die nächsten Schritte?

Wir haben die Initiative am 1. November 2017 gestartet, mit Beteiligung von Kolleginnen und Kollegen aller Hamburger Träger. In der ersten Stufe brauchen wir 10.000 Unterschriften. Die haben wir schon längst zusammen. Wir werden sehr viel mehr Unterschriften überreichen – das wird ein Paukenschlag! Unsere Hoffnung ist, dass die zweite Stufe nicht nötig sein wird, auch wenn es danach im Moment nicht aussieht. Statt sich zu bewegen, droht die Stadt damit, die Initiative vors Bundesverfassungsgericht zu zerren. Wir lassen uns davon nicht einschüchtern. Denn wir wissen, dass die Eltern und die Menschen in der Stadt auf unserer Seite stehen.

Interview: Daniel Behruzi

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