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In Bewegung bleiben

vor Ort

In Bewegung bleiben

Frau mit Wäscheklammern Thomas Lohnes Patientin der Ergotherapie in Mannheim

Behutsam setzt Angelika Seibel einen Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt läuft die 61-Jährige in Turnschuhen durch das Universitätsklinikum Mannheim, langsam zwar, aber sie läuft – ohne Hilfe. Mehr noch: Sie kann auch wieder Brot schneiden und Schnürsenkel binden. »Das war viel Arbeit«, sagt die zierliche Frau. Sie leidet unter Multiple Sklerose, ihre Gelenke versteifen. Lange konnte sie nur auf Krücken humpeln.

Ergotherapeutin Anneke Buntz Thomas Lohnes Ergotherapeutin Anneke Buntz

Außerdem waren die Ärzt/innen kurz davor, drei Finger ihrer linken Hand zu amputieren. So weit kam es nicht. Angelika Seibel ist überzeugt: »Das verdanke ich der Therapie.« Mit einem Lächeln hebt sie ihre Hand, auf der schwarzen Schiene funkeln zehn Glitzersteinchen, gelb, grün, rosa. Ihre Ergotherapeutin Anneke Buntz hat sie auf den Stoff geklebt, für jedes Jahr eins. So lange kommt die Patientin schon ins Klinikum, jeden Tag, erst zur Ergotherapie, danach den Flur hinunter zur Physiotherapie, oder andersherum.

In der orthopädischen Ambulanz – in einem hellen Raum mit bunten Papierblumen am Fenster – streicht Anneke Buntz über die Hand der 61-Jährigen, massiert die Innenfläche. »Die Finger müssen in Bewegung bleiben.« Ihr Ziel ist es, dass ihre Patient/innen so gut wie möglich im Alltag zurechtkommen. Durch die Therapie kann Angelika Seibel ihre Finger wieder strecken, etwas greifen. Mit Daumen und Zeigefinger drückt sie Wäscheklammern auseinander und zwackt sie auf ein Holzbrett. Eine simple Übung, sagt Anneke Buntz, aber sehr effektiv. In der Übungsküche bereitet sie mit ihren Patient/innen auch gerne mal Sushi zu: Reis formen, Gemüse schnippeln, Algenblätter rollen. »Das ist Ergotherapie!« Doch damit alleine ist es oft nicht getan. So ein Unfall sei ein traumatisches Erlebnis, berichtet die Therapeutin. Deshalb sei die psychologische Arbeit ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung.

Viel Fachwissen gefragt

In der Universitätsmedizin Mannheim sind die Therapeutinnen und Therapeuten sowohl auf den Stationen unterwegs, behandeln direkt am Krankenbett, arbeiten aber auch in Ambulanzen. Auf Rezept, wie in einer Praxis, nur eben im Krankenhaus. »Das hat viele Vorteile«, sagt Anneke Buntz – und deutet auf eine weiße Metalltür im Raum: Die Ärzt/innen behandeln quasi nebenan. Nach einer Operation wechseln sie gerne ein paar Worte mit den Therapeut/innen. Vor allem bei komplizierten Verletzungen. Beispiel: Ein Mann ritzt sich mit dem Brotmesser in den Handrücken und zerstört alle Strecksehnen. Ergotherapeutin Hanne Riewe betont, dass gerade bei Sehnen die Nachbehandlung enorm wichtig sei. Etwa 80 Prozent der Heilungschancen hingen davon ab. Die Therapie sei komplex. »Wir haben große Verantwortung«, betont die 62-Jährige. »Wenn wir einen Fehler machen, können wir die Funktion der Hand ruinieren.«

Deshalb ist viel Fachwissen gefragt. Die Ambulanz hat sich auf Handtherapie spezialisiert. Die entsprechende Weiterbildung ist Pflicht. 150 Stunden, zusätzlich zum Dienst. Seit drei Jahren arbeitet Anneke Buntz darauf hin, steht kurz vor dem Abschluss. So eine Weiterbildung kostet knapp 6.000 Euro. Die Kolleginnen und Kollegen finanzieren die Kurse weitgehend aus eigener Tasche. Um das Geld aufzubringen, arbeitete Anneke Buntz ein Jahr lang nach Feierabend in einer privaten Praxis. Sie ist überzeugt: »Man muss für den Beruf brennen, sonst macht man es nicht.« Schon für ihre Ausbildung musste sie 400 Euro Schulgeld pro Monat zahlen. Ohne ihre Mutter wäre das nicht möglich gewesen. »Was wir investieren, steht in keiner Relation zum Gehalt.« Mit einer vollen Stelle kommt sie auf etwa 2.500 Euro brutto. Und trotzdem: »Es ist eine tolle Arbeit. Ich liebe meinen Job.«

Die Zeit ist knapp

Psysiotherapeut Nils Wetterau am Trampolin Thomas Lohnes Psysiotherapeut Nils Wetterau

Auch Physiotherapeut Nils Wetterauer betont: »Ich mache meinen Beruf sehr gerne. Jemand hat ein Problem, und ich habe die Möglichkeit, ihm zu helfen. Wenn das funktioniert, ist es eine tolle Sache.« Auf der Station für Neurologie tritt der 52-Jährige ans Bett einer alten Frau, die mit Schlaganfall eingeliefert wurde. Die Patientin liegt mit nackten Beinen schief im Bett, der Kopf zur Seite geknickt. »Wir rücken Sie jetzt erst einmal zurecht«, sagt Nils Wetterauer. Die Frau murmelt etwas. Der Therapeut ermuntert sie, die Arme hoch zu strecken, danach die Beine. Anschließend hievt er die Patientin nach oben, setzt sie aufrecht aufs Bett. »Und jetzt tief durchatmen.« Solche Übungen verhindern auch, dass zusätzliche Komplikationen wie Lungenentzündungen, Druckstellen oder Gelenkversteifungen auftreten. Gerade ältere Patient/innen kommen sonst oft nicht mehr auf die Beine.

Am Bett gegenüber bleibt der Therapeut kurz stehen, plaudert ein paar Worte mit einem 58-Jährigen. Zum Abschied sagt er nicht: »Morgen komme ich wieder.« Sondern: »Wenn ich es schaffe, komme ich morgen wieder.« Seit einigen Jahren entscheiden nicht mehr Therapeuten oder Ärzte, ob ein Patient behandelt wird – sondern die Krankenkassen. »Es zählt nur, was wir abrechnen können.« Deshalb tippt Nils Wetterauer vor Dienstende immer detailliert in den Computer, was er gemacht hat. Eine halbe Stunde braucht er dafür, das heißt: »eine Behandlung weniger«. Für den Therapeuten gilt die Regel, dass er 85 Prozent seiner Arbeitszeit als Leistungen abrechnen muss. Für ein Arztgespräch sind fünf Minuten veranschlagt, für Behandlungen zwischen 20 und 30 Minuten. Wenn Nils Wetterauer über die Flure läuft oder einer Frau den Weg erklärt, kann er die Zeit nicht abrechnen.

»Die therapeutischen Berufe sind im Krankenhaus unentbehrlich. Diese Kolleginnen und Kollegen machen extrem wichtige und engagierte Arbeit. Sie brauchen eine ordentliche Bezahlung und genug Personal. Das heißt auch: Auszubildende der schulischen Gesundheitsberufe müssen endlich bezahlt werden – wie es in der Pflege und in anderen Ausbildungsgängen längst der Fall ist.«

Betriebsrat Bernd Gräf

Die Kassen definieren auch Prioritäten – und legen damit fest, welche Patient/innen in welcher Reihenfolge behandelt werden. Nach einem Schlaganfall gilt zum Beispiel, dass sie so schnell wie möglich mit der Therapie beginnen sollen. So sind die Heilungschancen am größten. Die Kassen schreiben eine Behandlung bis zum dritten Tag vor. Und danach? Nils Wetterauer zuckt mit den Schultern. »Das ist, wie es so schön heißt, kapazitätsabhängig.« Eine kontinuierliche Behandlung sei so nicht möglich. Das belastet den Therapeuten sehr. Schließlich, so betont er, hätten alle etwas davon, wenn die Patient/innen ihre Selbstständigkeit und Mobilität zurückerlangten.

Darüber ist Angelika Seibel heilfroh. Die 61-Jährige ist überzeugt, dass sie ohne Ergo- und Physiotherapie im Rollstuhl säße und ihre linke Hand amputiert wäre. Doch so spaziert sie in die Übungsküche, säbelt mit einem Spezialmesser einen Kuchen in drei Stücke: Buttermilchkuchen mit Mandelkruste. Ein Patient hat ihn gebacken. Als Dankeschön.

Kathrin Hedtke

Physio- und Ergotherapie in Mannheim Thomas Lohnes Physio- und Ergotherapie in Mannheim

Schulische Auszubildene in Kliniken fordern Bezahlung

Ihre Ausbildung wird bisher nicht vergütet:

  • Medizinisch-Technische Assistent/innen,
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  • Diätassistent/innen
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  • Logopäd/innen
  • Ergotherapeut/innen

ver.di will das ändern. Die Gewerkschaft fordert, dass die sogenanntenschulischen Aus-bildungsberufe in die Tarifverträge der Länder (TV-L) einbezogen werden. Seit Ende April wird darüber verhandelt und den Klinikbetreibern gehen langsam die Gegenargumente aus. Denn das Bundesgesundheitsministerium hat die Auffassung von ver.di bestätigt, dass die tarifliche Vergütung von schulischen Auszubildenden – sofern sie vereinbart wird – laut Krankenhausfinanzierungsgesetz von den Krankenkassen refinanziert werden muss. Auf dieser Grundlage wird Anfang November weiter verhandelt. Weiterlesen

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