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»Ein Gelegenheitsfenster«

»Ein Gelegenheitsfenster«

Gewerkschaften haben die Chance, auch im Osten stärker zu werden. Interview mit dem Soziologen Klaus Dörre, Professor für Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Uni Jena
Porträt Klaus Dörre Uni Jena Klaus Dörre

drei: Sie haben sich in einer Studie mit der gewerkschaftlicher Organisationsmacht in Ostdeutschland beschäftigt. Mit welchen Ergebnissen?

Klaus Dörre: Die Gewerkschaften haben Rückenwind – auch im Osten. Man kann von einem »Ende ostdeutscher Bescheidenheit« sprechen. Die Bereitschaft wächst, sich für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Wie kommt das?

Eine Ursache ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit und der Fachkräftebedarf in manchen Bereichen. Das stärkt die Marktmacht qualifizierter Beschäftigter – und ihr Selbstbewusstsein. Für die Gewerkschaften öffnet sich dadurch ein Gelegenheitsfenster, das sie zur Stärkung ihrer zuvor geschwächten Organisationsmacht nutzen können.

Was motiviert die Beschäftigten, sich zu engagieren?

Das mobilisierungsfähige Thema ist der Lohn, der von vielen als ungerecht empfunden wird. Zum Beispiel, weil er jahrelang nicht erhöht wurde oder weil die gleiche Arbeit anderswo deutlich besser bezahlt wird. Es geht dabei aber nicht ausschließlich ums Geld, sondern auch um Lebensqualität und Wertschätzung.

Wenn sich Menschen ungerecht behandelt fühlen, setzen sie sich aber nicht automatisch zur Wehr?

Nein. Ob es tatsächlich zur Stärkung gewerkschaftlicher Organisationsmacht kommt, hängt wesentlich von kleinen Gruppen betrieblich Aktiver ab, die andere mitziehen. Und von der Unterstützung durch hauptamtliche Sekretäre.

Klaus Dörre ist Professor für Soziologie an der Uni Jena. Sein Buch »Streikrepublik Deutschland« (Campus 2016) analysiert Ansätze zur Erneuerung der Gewerkschaften.