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Krankenhäuser

Eine für alle

Tarifberaterin auf einer Konferenz Peter Klein drei.60 Titelbild  – Tarifberaterin Sandra Kiefer-Schmidt

Am 23. Januar haben 184 Beschäftigte aus 21 saarländischen Krankenhäusern gestreikt – stellvertretend für 184 Teams und damit 3.749 Kolleginnen und Kollegen. Ihre Forderung: Entlastung. Ihr Beschluss: großer Protesttag am 8. März. Ihre Hoffnung: Solidarität.

Vor wenigen Jahren hätte sich Sandra Kiefer-Schmidt das alles noch gar nicht vorstellen können. Seit 2002 arbeitet die 34-Jährige als Krankenpflegerin im Klinikum Saarbrücken. In die Gewerkschaft trat sie erst 2013 ein. Wegen des Rechtsschutzes, man weiß ja nie. Doch selbst aktiv zu werden, darüber hat sie nie nachgedacht. Bis jemand vom Betriebsrat sie ansprach, ob sie nicht Tarifberaterin werden möchte. Tarifberaterin? Das sind Kolleginnen und Kollegen, die ihre Teams bei Tarifverhandlungen informieren und vertreten (mehr dazu).

Höchste Zeit für Entlastung

Für Entlastung – davon ist Sandra Kiefer-Schmidt schon lange überzeugt – ist es im Krankenhaus höchste Zeit. »Der Druck ist einfach zu groß, das hält man auf Dauer nicht aus«, sagt sie. Die Mutter von zwei Kindern hat eine 80-Prozent-Stelle. »Mehr würde ich gar nicht schaffen.« Auch so hat sie Schwierigkeiten, nach der Arbeit abzuschalten. »Auf keinen Fall will ich den Stress an meinen Kindern auslassen.« Dann lieber Widerstand leisten.

»Als Tarifberaterin bin ich immer informiert und kann meine Kollegen auf dem Laufenden halten«, dachte sie, als sie aktiv wurde. »Solange ich keine großen Reden halten muss...« Doch plötzlich stand die Intensivpflegerin beim Warnstreik im Frühjahr 2016 vor 5.000 Beschäftigten und hielt spontan eine Rede. Das war in der Tarifrunde des öffentlichen Dienstes. Schon damals ging es den Streikenden nicht in erster Linie ums Geld, sondern um Entlastung.

Am 23. Januar war Sandra Kiefer-Schmidt wieder im Streik. Als eine von 184 Kolleginnen und Kollegen kam sie ins Bürgerhaus Saarbrücken-Dudweiler zu einer Konferenz der Streikdelegierten, um über die nächsten Schritte zu beraten. Sie tat das nicht nur für sich, sondern im Auftrag ihres Teams. »Dass wir Sandra schicken würden, war für alle von uns klar«, sagt eine Kollegin ihrer Intensivstation. »Sie ist schließlich nicht zufällig unsere Tarifberaterin. Sie ist total engagiert und die perfekte Person dafür.«

Streikende beschließen weitere Aktionen Peter Klein Streikkonferenz  – Streikende beschließen weitere Aktionen

Auf Arbeitskampf vorbereitet

Der Auftrag ihres Teams: »Es muss sich schnellstens was ändern.« Für all die Arbeit gebe es viel zu wenig Personal. »Wir hetzen nur noch rum und niemanden interessiert es, wenn wir kaputt sind«, meint eine Krankenpflegerin. Sie und ihre Kolleg/innen sind sich einig: Wenn es darauf ankommt, gehen sie alle raus. Das wollten sie schon in der Tarifrunde 2016. Doch viele konnten nicht, weil der Arbeitgeber sie zum »Notdienst« beordert hatte.

Die Krankenhausbeschäftigten des Saarlands wird so etwas nicht davon abhalten, für Entlastung zu streiten. »Wir sind auf einen Arbeitskampf vorbereitet und wir bereiten uns weiter vor«, heißt es in einer Resolution, die die Teamvertreter beim Streik am 23. Januar verabschiedeten. Für den Internationalen Frauentag am 8. März, rufen sie zu einer großen Demonstration für mehr Personal auf. »Toll wäre es, wenn die Menschen hier in der Region, aber auch die Kolleginnen und Kollegen anderer Krankenhäuser aus dem Bundesgebiet an diesem Tag mit uns auf die Straße gehen«, appelliert Sandra Kiefer-Schmidt.

Schon jetzt haben die Aktionen einen Effekt. Die Saarländische Krankenhausgesellschaft führt Gespräche mit ver.di und stimmt zu, dass die Kliniken mehr Personal brauchen. Die Landesregierung hat angekündigt, im neuen Krankenhausplan ab 2018 eine Mindestausstattung für Pflegekräfte und Ärzt/innen festzulegen. »Damit wird das Saarland eines der ersten Bundesländer sein, das in der Krankenhausplanung solche verpflichtende Vorgaben zur Besetzung von Pflegestellen macht«, erklärte die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU). Parallel soll das Krankenhausgesetz geändert werden, um die Vorgaben »gerichtsfest« zu machen.

Für ver.di-Landesfachbereichsleiter Frank Hutmacher ist das ein erster großer Erfolg. »Wir begrüßen diese Aussagen. Wir sind aber auch skeptisch, ob nach der Wahl tatsächlich das umgesetzt wird, was vor der Wahl versprochen wird.« Deshalb gelte es, wachsam zu bleiben und die Mobilisierungsfähigkeit weiter auszubauen. Unter anderem durch die Gewinnung neuer Mitglieder. In nur zwei Wochen sind 238 Krankenhausbeschäftigte im Saarland bei ver.di eingetreten. »Es sollten noch viel mehr werden«, findet Sandra Kiefer-Schmidt. »Damit sich endlich etwas bewegt.«

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