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Was hältst du von … Belastungszulagen?

Dialog

Was hältst du von … Belastungszulagen?

Martin Körbel-Landwehr privat Martin Körbel-Landwehr

Wenn sich Beschäftigte wegen Überlastung beschweren, reagieren Arbeitgeber oft mit dem Angebot eines finanziellen Ausgleichs. Ein Beispiel: Auf der Intensivstation eines nahe gelegenen Hauses waren drei Stellen unbesetzt. Statt das notwendige Personal einzustellen, hat das Management den restlichen Pflegekräften angeboten, ihnen die Hälfte des eingesparten Geldes auszuzahlen. Sie haben sich erst gefreut. Aber nur kurz. Am Ende gingen sie am Stock. Einige haben gekündigt.

Ich halte nichts davon, sich Belastungen abkaufen zu lassen. Die Hoffnung trügt, dass der Arbeitgeber durch die zusätzlichen Ausgaben gezwungen wird, mehr Personal einzustellen. Das zeigt alle Erfahrung. Stattdessen bringen Belastungszulagen Unfrieden und Entsolidarisierung: Zwischen Jüngeren und Älteren, zwischen Abteilungen mit und ohne Zulagen.

In der Radiologie der Düsseldorfer Uniklinik sind wir einen anderen Weg gegangen. Als hier viele Beschäftigte zu niedergelassenen Ärzten wechselten, hat man auch zuerst über mehr Geld nachgedacht. Nach einigen Diskussionen wurden stattdessen die Zulagen für die Nachtarbeit  »faktorisiert«. Das heißt: Wenn sie nach einem Nachtdienst morgens nach Hause gehen, machen die Kolleginnen keine »Minusstunden« mehr.

Das ist der richtige Weg: Mehr Freizeit als Ausgleich für Belastungen. Und zwar in einem Ausmaß, das für die Kolleginnen und Kollegen spürbar ist. Sonst verkürzen sie ihre Arbeitszeiten individuell, indem sie auf Teilzeit gehen. Bei uns haben das allein im vergangenen Jahr rund 1.000 Beschäftigte gemacht – und sicher nicht alle aus familiären Gründen. Kollektive Arbeitszeitverkürzung muss natürlich mit der Einstellung von zusätzlichem Personal einhergehen. Sonst verschiebt sich die Belastung nur.

Belastungszulagen ändern nichts am eigentlichen Problem – dem Personalmangel. Die Arbeitgeber müssen mehr Leute einstellen oder die Aufgaben reduzieren. Um sie dazu zu zwingen, setzt sich ver.di für eine gesetzliche Personalbemessung ein.

Martin Körbel-Landwehr, Personalratsvorsitzender im Uniklinikum Düsseldorf und Vorsitzender des ver.di-Fachbereichs in NRW