Sozial- und Erziehungsdienst

Nicht nur mehr, sondern auch besser

Sozial- und Erziehungsdienst

Nicht nur mehr, sondern auch besser

ver.di aktiv beim Bundeskongress Soziale Arbeit 2018

Beim Ausbau der Sozialen Dienste dürfen Qualität und Fachlichkeit nicht auf der Strecke bleiben, so der Tenor beim Bundeskongress Soziale Arbeit in Bielefeld.

Das Sozial- und Erziehungswesen boomt. Es werden immer mehr Profis gebraucht, die anderen Menschen helfen – ob in Kitas, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Behindertenhilfe, im Allgemeinen Sozialdienst, in der Schulsozialarbeit oder anderen Bereichen. Doch die Expansion droht, zu Lasten von Qualität und Fachlichkeit zu gehen, so eine der beim Bundeskongress Soziale Arbeit in Bielefeld intensiv diskutierten Thesen. Bessere Personalschlüssel, eine finanzielle Aufwertung der Berufe und eine gute Ausbildung seien nötig, um genug Fachkräfte für diese Arbeit gewinnen und halten zu können, so der Tenor.

Alle Prognosen gehen davon aus, dass der Bedarf an Sozialarbeiter/innen, Sozialpädagog/innen und Erzieher/innen weiter zunehmen wird. Allein die Kitas bräuchten über 100.000 Vollzeit-Fachkräfte mehr, um die Personalschlüssel an die wissenschaftlich begründeten Standards anzugleichen, rechnete Kathrin Bock-Famulla von der Bertelsmann-Stiftung vor. Der weiter nötige quantitative Ausbau und weitere Bedarfe seien dabei noch nicht einmal berücksichtigt. In ihrem aktuellen Ländermonitor zu frühkindlichen Bildungssystemen kritisiert die Stiftung insbesondere die regional extrem unterschiedliche Personalausstattung in den Kitas. So müsse eine Fachkraft in Ostdeutschland durchschnittlich über 2,5 Kinder mehr betreuen als ihre Kollegin im Westen, berichtete Bock-Famulla. Ihr Fazit: »Im Osten kann man durchaus von kindswohlgefährdenden Personalschlüssel sprechen.« Auch innerhalb der Bundesländer gebe es enorme Unterschiede, die dem gesetzlichen Gebot gleichwertiger Lebensverhältnisse zuwiderliefen.

»Es ist Irrsinn, dass das Zusammenschrauben von Autos deutlich besser entlohnt wird als die Arbeit mit Menschen. Dass sich das ändern muss, ist eine Grundbotschaft dieses Bundeskongresses Soziale Arbeit.«

Frank Bsirske, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)

»Rückkehr der sozialen Unsicherheit«

Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske nannte »die spätestens mit der Agenda 2010 einhergehende Rückkehr der sozialen Unsicherheit für Millionen von Menschen« als eine Ursache der großen Herausforderungen, denen sich die Soziale Arbeit stellen müsse. »Von den Beschäftigten verlangt das Professionalität und eine kontinuierliche Weiterentwicklung der eigenen Fachlichkeit.« Stattdessen jedoch setzten politisch Verantwortliche vielfach auf »kurzatmigen Aktivismus«, der die Gefahr der Dequalifizierung und Entprofessionalisierung beinhalte. Als Beispiele nannte er die Länder Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen, die Auszubildende bereits im ersten Ausbildungsjahr auf den Stellenschlüssel anrechnen bzw. Kurzzeit-Angelernte in die Kitas holen wollten. »Das ist eine absolut dramatische Entwicklung für alle, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Professionalisierung der Erziehungsarbeit gestritten haben.«

Um genug Fachkräfte für die Soziale Arbeit zu gewinnen, müssten sich sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Entlohnung verbessern, betonte der Gewerkschaftsvorsitzende. In Puncto Bezahlung habe ver.di mit den Streikwellen im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst 2009 und 2015 einiges erreicht. So lägen die Entgelte für Erzieher/innen dadurch im Vergleich zum restlichen öffentlichen Dienst um 7 bis 16 Prozent höher, was monatlich zwischen 200 und 400 Euro, bei Leitungskräften bis zu 600 Euro mehr ausmache. »Jetzt geht es darum, das auch auf die Wohlfahrtsverbände zu übertragen, die größtenteils noch hinterher hinken«, sagte Bsirske. Bei Sozialarbeiter/innen hätten auch die kommunalen Arbeitgeber weitergehende Verbesserungen blockiert. »Diese Auseinandersetzungen haben gezeigt: Die Arbeitgeber schenken den Beschäftigten nichts. Sie müssen es sich schon selbst holen.« Am besten gehe das nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen – organisiert in der Gewerkschaft ver.di.

Entscheidend sei zudem, die Rahmenbedingungen der Ausbildung zu verbessern, betonte der ver.di-Vorsitzende. Dazu gehöre der Ausbau der Ausbildungskapazitäten, die Gewinnung von Lehrkräften, die Verbesserung der Studienbedingungen, mehr Praxisanleitung, aber auch die vollständige Abschaffung von Schulgebühren und angemessene Ausbildungsvergütungen. In der Tarifrunde bei Bund und Kommunen habe ver.di zuletzt eine Vergütung für die praxisintegrierte Ausbildung zum/zur Erzieher/in von zwischen 1.000 und 1.200 Euro monatlich durchgesetzt. Das müsse auch für andere Ausbildungsgänge und Trägerformen erreicht werden.

Bundeskongress Soziale Arbeit 2018 ver.di Bundeskongress Soziale Arbeit 2018  – Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske im Kreise der Veranstalter/innen des Bundeskongresses Soziale Arbeit 2018 in Bielefeld.

Viele Bewerber/innen, prekäre Jobs

Bemerkenswert ist, dass sich trotz der schlechten Bedingungen so viele junge Menschen für die Berufsfelder der Sozialen Arbeit interessieren. So berichtete Professor Michael Stricker, Dekan des Fachbereichs Sozialwesen an der FH Bielefeld – die den Kongress gemeinsam mit der nahegelegenen Universität ausrichtete, für 430 im vergangenen Jahr angebotene Studienplätze waren rund 5.000 Bewerbungen eingegangen. Nach Studienabschluss bekämen alle innerhalb kurzer Zeit eine Anstellung, allerdings mit einer deutlich schlechteren Bezahlung als in anderen Fächern: Während das Einstiegsgehalt aller Absolvent/innen durchschnittlich 3.460 Euro im Monat betrage, seien es im Sozialwesen nur 2.700 Euro. Und: Anderthalb Jahre nach ihrem Abschluss haben 41 Prozent der Sozialpädagog/innen bzw. Sozialarbeiter/innen nur einen befristeten Vertrag, jede/r zweite arbeitet in Teilzeit.

Auch Sabrina Andres ist »ernüchtert« über ihre Bezahlung. Früher arbeitete sie als gelernte Kinderkrankenschwester, machte nebenher ihr Studium der Sozialen Arbeit, das sie kürzlich abgeschlossen hat. Jetzt arbeitet sie als Sozialarbeiterin in einem Kinderhospiz in Bielefeld. Doch trotz des Hochschulstudiums und »der breit gefächerten Kompetenzen, die man mitbringt«, verdient sie im Monat nur 50 Euro mehr als vorher. Als herausfordernd empfindet sie, dass die Sozialarbeit im Kinderhospiz noch keine gesetzliche Grundlage und klare Aufgabenbeschreibung habe.

Ähnliches berichtet die Schulsozialarbeiterin Sabrina Scherrer aus Esslingen. Anders als die Lehrkräfte ist sie dem Landratsamt unterstellt, ihre Vorgesetzten können sie fachlich nicht unterstützen. Die Pädagog/innen begegnen ihr teilweise mit Skepsis. Mit einer 75-Prozent-Stelle ist sie Ansprechpartnerin für 2.100 Berufsschüler/innen. Viele von ihnen, darunter Geflüchtete, benötigen Einzelfallhilfe – eine große Herausforderung. Matthias Gerdiken-Knoblauch, Leiter eines Berufsschulwohnheims in Bayern, ist frustriert, weil zu wenig Personal da ist. »Wir sind zu zweit in einer Schicht mit 140 Schülern, da können wir vieles nicht machen, was sinnvoll wäre«, sagt der 48-Jährige. Die vom Land vorgegebenen Personalschlüssel gingen an der Realität in den Schulen vorbei.

»Politischer werden«

Auch für Ingrid Wolff, die 42 Jahre als Sozialarbeiterin gearbeitet hat, ist die Überlastung das größte Problem. »Es braucht dringend eine gesetzliche Begrenzung der Fallzahlen, ob im Allgemeinen Sozialen Dienst, in den Kitas oder anderswo«, fordert die ehemalige Jugendsamtleiterin aus Ostwestfalen-Lippe. Sie hält 28 Fälle pro Fachkraft für eine sinnvolle Grenze. Am Bundeskongress Soziale Arbeit – bei dessen zehnter Auflage 700 Teilnehmer/innen in 150 Workshops miteinander ins Gespräch kamen – gefällt Wolff, dass die verschiedenen Professionen zusammenkommen. »Es ist wichtig, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen«, meint die Gewerkschafterin. Und: »Diejenigen, die in der Sozialen Arbeit tätig sind, sollten politischer werden und stärker auf Entscheidungsprozesse Einfluss nehmen.«

Davon ist auch der Sozialarbeiter Ole Wolff überzeugt. »Die Soziale Arbeit wird immer mehr zum Reparaturbetrieb für die schlimmsten Auswirkungen des Kapitalismus«, sagt Wolff, der im Fanprojekt bei Arminia Bielefeld arbeitet. Die Soziale Arbeit müsse diese Rahmenbedingungen kritisieren und schon im Studium stärker eine sozialkritische Haltung vermitteln.

In der Erklärung, die der Initiativkreis Soziale Arbeit zum Abschluss des dreitägigen Kongresses verbreitete, ist dieser Anspruch bereits eingelöst. Die Beschäftigten werden darin aufgerufen, »ihre Tätigkeit nicht nur als eine methodische, technische und auf Individuen als Problem gerichtete Arbeit zu verstehen, sondern immer auch als eine politisch positionierte Praxis: Sowohl hinsichtlich der Lebensbedingungen von Menschen als auch ihrer eigenen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen«.

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