Sozial- und Erziehungsdienst

»Mehr Große für die Kleinen«

»Mehr Große für die Kleinen«

Breites Bündnis mobilisiert 10.000 Menschen zur Demonstration nach Düsseldorf für mehr Personal und bessere Bedingungen in Kindertagesstätten. Landesregierung in der Kritik.

Menschen mit Plakaten fordern mehr Kitapersonal Gülsüm Palaz Mehr als 10.000 Menschen beteiligten sich an der Kita-Demo in Düsseldorf

»Wenn zu wenig Personal da ist, bleibt die Bildungsarbeit auf der Strecke«, sagt Friederike Stahl-Kolb. Die Kindheitspädagogin ist mit fast allen ihren Kolleginnen aus der evangelischen Kita Thomaszentrum in Bochum am Donnerstag (23. Mai 2019) nach Düsseldorf gefahren, um für bessere Bedingungen in der frühkindlichen Bildung zu demonstrieren. »Wenn viele Menschen auf die Straße gehen, hoffe ich, dass wir von der Landesregierung gehört werden«, sagt die 29-Jährige. Gekommen sind in der Tat viele: mehr als  10.000 Menschen – Beschäftigte von Kitas aus ganz Nordrhein-Westfalen, aber auch viele Eltern sind dabei. Aufgerufen hat ein breites Personenbündnis, darunter etliche ver.di-Aktive und betriebliche Interessenvertreter*innen.

»Wir haben viel Unterstützung von den Eltern«, betont Stahl-Kolb. Die meisten haben ihre Kinder an diesem Tag anderswo untergebracht oder sich frei genommen, einige sind nach Düsseldorf mitgefahren. In der Kita Thomaszentrum ist nur eine Notgruppe offen. Die Solidarität kommt nicht von ungefähr, schließlich wollen Erzieher*innen und Eltern dasselbe: eine pädagogisch hochwertige Betreuung der Kinder. Dies sei oft nicht so möglich, wie es sinnvoll wäre, heißt es auf der Demonstration allenthalben.

»Der Personalschlüssel passt nicht, die Bildung kommt zu kurz«, kritisiert Birgit Heermann. Die Erzieherin ist mit einigen Kolleginnen aus der katholischen Kita St. Heinrich in Reken in die etwa 90 Kilometer entfernte Landeshauptstadt gekommen. »Es geht um die Kinder und die Zukunft«, begründet die 56-Jährige, warum sie sich für diesen Tag extra Urlaub genommen hat. Unter den jetzigen Bedingungen werde der Erzieherberuf zunehmend unattraktiv. Angesichts des weiter wachsenden Bedarfs sei das Gegenteil nötig. »Das heißt auch und vor allem eine bessere Bezahlung«, betont Heermann. Ihre Kollegin bringt es so auf dem Punkt: »Wir haben einen sozialen Beruf, aber einen asozialen Lohn.« Auch deshalb könnten immer wieder Stellen nicht besetzt werden, was die Belastung für die anderen Beschäftigten noch erhöht.

Für Katharina Schwabedissen ist all das auch eine Folge falscher politischer Entscheidungen. Seit Inkrafttreten des Kinderbildungsgesetzes 2007 werden Kitas in Nordrhein-Westfalen über Pauschalen finanziert: Eltern können zwischen Betreuungszeiten von 25, 30 oder 45 Stunden wählen. Entsprechend variiert die Finanzausstattung der Kitas. »Wie in anderen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens haben die Pauschalen in den Kitas zu einer strukturellen Unterfinanzierung geführt«, erklärt Schwabedissen. Die Erzieher*innen müssten heute viel mehr Aufgaben übernehmen als früher – von Sprachförderung über Motoriktraining und Dokumentationen bis hin zu Förderung von Integration und Inklusion –, doch die Personalausstattung werde nicht angepasst.

Kitademo NRW Elena Krisp Kitademo NRW

Im Kinderbildungsgesetz sei beispielsweise viel zu wenig Zeit für Leitungstätigkeiten vorgesehen, lediglich ein Stellenanteil von 20 Prozent pro Gruppe. Das heißt, dass es in Kitas erst ab fünf Gruppen eine volle Freistellung gibt. »Das ist viel zu wenig«, stellt Schwabedissen fest. Gleiches gelte für die Zeit, die Erzieher*innen für Vor- und Nachbereitung, Elterngespräche und Dokumentation eingeräumt wird. »Die Folge ist, dass viele Kolleginnen die Dokumentation zu Hause nach Feierabend machen – das darf nicht sein.« Überhaupt keine Regelung gebe es im Gesetz zu Hauswirtschaftskräften.

Eigentlich sollte das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) in NRW schon 2011 evaluiert werden. Doch das ist damals nicht geschehen. Und auch heute will die Landesregierung eine Revision vornehmen, ohne das Gesetz fachgerecht zu bewerten. »Nach zwölf Jahren „Erprobung“ des KiBiz ohne jede Evaluation in die Revision zu gehen und die bestehenden Probleme nicht anzupacken, ist keine Verbesserung, sondern eine Ohrfeige für die Beschäftigten in den Kitas und eine Absage an gute frühkindliche Bildung in NRW«, so Thorsten Böning, ebenfalls Sprecher des Bündnisses »Mehr Große für die Kleinen«.

Es werde einfach nur Geld ins System gepumpt, ohne die nötigen strukturellen Veränderungen vorzunehmen, ergänzt Schwabedissen. 1,3 Milliarden Euro will die CDU-FDP-Landesregierung für die frühkindliche Bildung bereitstellen. »Das klingt viel, doch die strukturelle Unterfinanzierung wird damit nicht behoben.« Das Geld fließe vor allem in das zweite beitragsfreie Kitajahr, den Ausbau der Plätze und in die Flexibilisierung der Öffnungszeiten. Der Personalschlüssel bleibe nahezu auf dem Stand von 2007. Stattdessen würden den Kita-Beschäftigten zusätzliche Belastungen aufgebürdet. So sollen die Öffnungszeiten flexibilisiert werden: Kindertagesstätten sollen auch abends und am Wochenende für die Kleinen da sein. Wie mit Stundenpauschalen von 25, 35 oder 45 Stunden eine Kita 50 Stunden und mehr mit ausreichend Personal geöffnet bleiben soll, sei ein Rätsel, so Schwabedissen.

All das treibt Beschäftigte und Eltern auf die Straße. Sie fordern unter anderem kleinere Gruppen, mehr pädagogisches Personal pro Gruppe, eine Personalbemessung, die sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und an den Öffnungszeiten orientiert und Leitungstätigkeiten sowie Vor- und Nachbereitungszeiten einbezieht. Wenn die politisch Verantwortlichen nicht reagieren, wird der Protest weitergehen. Bis Ende Juni sollen zunächst weiter Unterschriften für die Forderungen des Bündnisses gesammelt werden.

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