Sozial- und Erziehungsdienst

Kita 4.0: digitales Lernen

Sozial- und Erziehungsdienst

Kita 4.0: digitales Lernen

Kita 4.0 oder MEHR Qualität braucht MEHR Qualifikation

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Kitas als Orte der Zukunft und Spiegel der Gesellschaft

Kindertageseinrichtungen sind Orte der Zukunft und gleichzeitig immer Spiegel der Gegenwart. In den Kindertageseinrichtungen verbringt die Generation, die zukünftig das Leben unserer Gesellschaft gestaltet wird, einen großen Teil ihrer Kindheit. Seit einigen Jahren kommen die Kinder jünger in die Kita und bleiben länger am Tag. Damit steigt die Verantwortung der Erzieherinnen und Erzieher in der Kita. Die Verantwortung für den heutigen Tag der Kinder, ihre persönliche und unsere gesellschaftliche Zukunft.

Alles was uns als Gesellschaft bewegt, bewegt auch die Kitas. Seien es regionale Themen, wie steigende Mieten, Verdrängung von Menschen aus ihren Stadtteilen, wirtschaftlich verödende Regionen und Arbeitslosigkeit der Eltern oder auch globale Krisen, Wanderungsbewegungen von Menschen aufgrund von Krieg, Terror oder Klimakatastrophen. Trägervertreterinnen von Kitas und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kitas werden vor diese Herausforderungen gestellt. Ihre Aufgabe ist es die Familien und die Kinder in diesen Lebenssituationen zu begleiten, mit ihnen ihren Alltag zu gestalten und den Kindern eine hoffnungsvolle Perspektive auf die Zukunft zu ermöglichen.  

Obwohl den Kitas diese Verantwortung mehr und mehr auferlegt wird, gerät das Arbeitsfeld erheblich unter Druck. Es wurde versäumt parallel zum Ausbau des Systems der Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern auch das Ausbildungssystem entsprechend der benötigten Kapazitäten auszubauen. Dies macht sich in allen Bereichen bemerkbar. In den Kindertageseinrichtungen können Stellen nicht besetzt und neue Kitas nicht eröffnen werden. Den Berufsfach- und Fachschulen für Sozialpädagogik fehlen die Lehrkräfte. Landesweit existieren nur sechs Studiengänge an Universitäten an denen Fachschullehrerinnen und –lehrer ausgebildet werden. 

„Der Shootingstar ist die Sozialassistentin“

Unlängst präsentierte Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts, die Ergebnisse des Fachkräftebarometers 2019 in Berlin. Er stellte in seinen Ausführungen zu den Fachkräften in den Einrichtungen der frühen Bildung heraus, dass die Sozialassistentin der Shootingstar in den Kitas sei. In den letzten Jahrzehnten waren die gut ausgebildeten Erzieher*innen in den Kitas die dominante Berufsgruppe. Sie machten etwa 60 % der Beschäftigten aus, während Kinderpfleger*innen und Sozialassistent*innen etwa 30 % des pädagogischen Personals darstellten. Mitte der 2000er Jahre wurde politisch und fachlich aufgrund des Bildungsauftrages der Kitas die flächendeckende Akademisierung gefordert. Daran mag sich nun keiner mehr erinnern, stattdessen wird dem Personalnotstand damit begegnet das fachliche Niveau in den Kindertageseinrichtungen abzusenken. Diese Tendenz bestätigen auch die Fachschullehrer*innen, die davon berichten, dass Sozialassistent*innen aus der Ausbildung abgeworben werden und die anschließende Fachschulausbildung zum/r Erzieher*in nicht mehr besuchen. Dies ist sowohl aus der Perspektive der Sozialassistent*innen als auch aus der Perspektive der Träger vielleicht eine kurzfristige Lösung gegen den Fachkräftemangel, doch für die persönliche und berufliche Entwicklung als auch für die notwendige Fachlichkeit im Feld mehr als kurzsichtig.

Die Herausforderungen nehmen zu und werden komplexer

Kindertageseinrichtungen besonders Kindergärten in Westdeutschland waren Orte, die familienergänzend gearbeitet haben. Hier verbrachten die Kinder einige Stunden am Tag, zwei vielleicht drei Jahre vor der Schule. Aus dieser Zeit stammen  die meisten Personalbemessungen und auch die Berechnung der Raumkapazitäten. Inzwischen hat sich durch das Versprechen der Chancengerechtigkeit (Bildung für alle Kinder) und dem gleichzeitigen Anspruch auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Betreuung aller Kinder ganztägig ab dem ersten Lebensjahr) die Situation in den Kitas grundlegend geändert. Dies zeigte sich eindrücklich in der Situation der Flucht von tausenden Familien nach Deutschland. Die Fachkräfte der Kitas waren vor die Herausforderung gestellt, in möglichst kurzer Zeit die Kinder aufzunehmen und ihnen und ihren Familien einen sicheren Ort zu bieten. Die Familien gut zu begleiten. Die Fachkräfte und Leiter*innen beschäftigten sich mit Traumapädagogik und mit vorurteilsbewusster Erziehung, organisierten Dolmetscher und Netzwerke zu Betreuung der Familien und entwickelten ihre pädagogische Arbeit weiter, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.

Diese Dynamiken zeichnet das Arbeitsfeld Kita aus. Immer wieder muss die gesellschaftliche Situation analysiert und die pädagogische Arbeit entsprechend verändert werden. Vor großen Herausforderungen stehen die Kitas und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Digitalisierung.

junge Frau mit Kindern Joachim Röttgers Erzieherin in einer Kita

Digitalisierung in Kitas bedeutet mehr als Tabletts für die Kinder

Wird über Digitalisierung nachgedacht, geht es oft um Arbeitsentlastung. Gerade in den Kitas, die aufgrund der schlechten Bedingungen und des Fachkräftemangels stark belastet sind, wäre Arbeitsentlastung ein Segen. Diese sind vornehmlich in administrativen Arbeitsbereichen zu sehen. Doch ihr Einsatz ist immer auch pädagogisch zu prüfen. Nicht alles was der Markt als „Arbeitsentlastungsinstrumente“ anbietet, ist auch pädagogisch sinnvoll und ethisch zu vertreten. Beispiele sind Armbänder, die die Kinder tragen, um minutengenau die von den Fachkräften „erbrachte Leistung“ abrechnen zu können oder Apps, die die ständige Kommunikation mit den Eltern ermöglichen und ihnen in Echtzeit Informationen zu ihrem Kind übermitteln. Ähnliche Beispiele lassen sich für die Entwicklungsdokumentation finden. Diverse Anbieter bringen Programme auf den Markt, die leichte und effektive Dokumentation versprechen. Jahrelang haben wir uns in der Praxis Gedanken darum gemacht, wie die individuelle Entwicklung abgebildet werden kann. Kinder und Eltern in die Dokumentation, die Reflexion und in das Entwickeln pädagogischer Ideen für die individuelle pädagogische Begleitung einbezogen werden können. Neue, digitale Systeme müssen diese Kriterien erfüllen.

Hier gilt es gemeinsam mit dem Träger und dem Personalrat pädagogisch und ethisch begründete Entscheidungen zu treffen, denn jedes eingesetzte „Instrument“ muss letztlich der Bildung und Erziehung der Kinder sinnvoll dienen und mit den pädagogischen Prinzipien für die sich ein Team entschieden hat übereinstimmen.

Aber die Digitalisierung hält nicht nur Einzug in die Kita, sondern auch in die Arbeitswelt der Eltern. Die Arbeitsplätze der Eltern werden sich verändern. Mehr Flexibilität, Veränderung der Organisationen, neue Arbeitszeitmodelle, Umbrüche in den Branchen werden Herausforderungen sein, vor die Eltern und damit auch die Kitas gestellt sein werden. D.h. die Zeit- und Arbeitsorganisation der Kitas muss den Herausforderungen der Eltern angepasst werden. Es wird erneut notwendig das Angebot jeder einzelnen Kindertageseinrichtung zwischen den Notwendigkeiten der Arbeitswelt der Eltern und den Bedürfnissen der Kinder auszutarieren und pädagogisch vertretbare Lösungen zu entwickeln. Die Gestaltung von Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Kindern und Pädagog*innen und zwischen Pädagog*innen und Eltern wird in einer zunehmend flexibleren Welt deutlich mehr pädagogisch fokussiert werden müssen. 

Die „Dino-Stadt“

Vor besonderen Herausforderungen steht die Bildungs- und Erziehungsarbeit mit den Kindern. Für eine neue unbekannte (digitale) Welt sind Bildungsziele zu überprüfen und neu zu bewerten. Stimmen unsere bislang formulierten Bildungsziele noch mit dem überein, was die Kinder in ihrer Zukunft erwartet? Und mit dem, was die Gesellschaft von ihnen als Bürgerinnen und Bürger verlangen wird? Wie kann die pädagogische Arbeit in der Kita diese neuen Perspektiven einbeziehen ohne die eigenen (sozial-) pädagogischen Grundsätze und ihre ethische Fundierung zu verlassen.

Eindrucksvoll führte Lena Grüber, Kommunikationswissenschaftlerin und Künstlerin (WAMIKI) auf der re:publica 19 in Berlin diese Thematik aus. Anhand von Beispielen zeigte sie wie in der alltäglichen pädagogischen Arbeit digitale Techniken eingesetzt werden können. Kleine Kinder sind ständig mit digitalen Medien konfrontiert. Sie erleben sie in ihrer Umwelt und oft stehen ihnen diese vollkommen unbegleitet zur Verfügung. Frau Grüber plädiert für einen pädagogisch reflektierten Einsatz in der Kindertagesstätte, um damit die Erfahrungswelt der Kinder zu erweitern. Digitale Technik kann der Information der Erzieher*innen und Kinder dienen. Online-Recherche hilft sich Themen zu erarbeiten, sich den Sozialraum zu erschließen und sich in der Welt zu bewegen. Digitale Technik ermöglicht Dokumentation und kreatives Gestalten. Vielfältige Wege zur Kommunikation durch gemeinsame Nutzung und Gestaltung von digitalen Medien sorgen für Gespräche, Austausch, gemeinsames Erinnern. All diese Möglichkeiten benötigen die ständige Reflexion der Pädagog*innen gemeinsam mit den Kindern. Lena Grüber: „Digitale Medien sind von Menschen gemacht und Kinder müssen das erkennen lernen.“ D.h. sie müssen die Entstehungs- und Gestaltungsmechanismen erfahren und erproben können. Mit der „Dino-Stadt in der Kiste“ wurde dies anschaulich. Eine von den Kindern gebaute Landschaft in einer kleinen Kiste, durch welche sie eine Kamera führen konnten. Das Bild übertrug sich auf den Computermonitor und dort entstand eine imposante virtuelle, aufgrund der Perspektive furchteinflößende, Welt. Der Zusammenhang zwischen Mensch und Technik wurde für die Kinder deutlich und vor allem - beherrschbar.

Zur Selbstwirksamkeit gehört auch den Umgang mit den Medien so zu reflektieren, dass Gefahren im Netz durchschaut und die eigenen Persönlichkeitsrechte geschützt werden.

Bildungsprozesse von Menschen in der und für die digitale Welt zu begleiten, wird komplexer und anspruchsvoller als die gegenwärtige Bildungsarbeit.

Dies gelingt nur mit Fachkräften, die gut ausgebildet sind und sich Kompetenzen angeeignet haben, die ihnen das analytische und reflexive Arbeiten ermöglichen, die gesellschaftliche und individuelle Zusammenhänge erkennen und interpretieren können, die in der Lage sind die eigene Arbeit selbständig weiterzuentwickeln und neuen Herausforderungen kreativ und pädagogisch durchdacht zu begegnen.

Daher brauchen wir auch zukünftig gut qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher, Kindheits- und Sozialpädagoginnen und -pädagogen.

Das Ausbildungssystem ausbauen

Die Kita-Gewerkschaft ver.di plädiert seit Jahren für den Ausbau des gesamten Ausbildungssystems und der Erhöhung der Attraktivität der Ausbildung. Dazu gehören für ver.di:

  • Die Stärkung des Lernortes Praxis, Kapazitäten für die Anleitung der Berufsfach- und Fachschüler*innen, finanzielle Unterstützung der Träger für die Begleitung der Ausbildung, bessere Verzahnung der Lernorte Berufsfachschule/ Fachschule und den sozialpädagogischen Praxiseinrichtungen,
  • Ausbildungsvergütung für Berufsfach- und Fachschüler*innen, Abschaffung des Schulgeldes,
  • Unterstützung und Begleitung der Einmündungsphase von Berufsanfänger*innen in das Arbeitsfeld Kita,
  • Weiterqualifizierung vorhandener Fachkräfte um Karrieren und Aufstiege zu ermöglichen,
  • Ausbau der Berufsfach- und Fachschulkapazitäten bei Gewährleistung der Rahmenvereinbarungen der KMK,
  • Entwicklung und Realisierung von Umschulungsangeboten (z.B. für „freigesetzte Arbeitnehmer*innen“ im Zuge des Personalabbaus durch die Digitalisierung) für den Beruf der Erzieherin/ des Erziehers, Finanzierung durch die Bundesagentur für Arbeit,
  • Ausbau der Kapazitäten in den Studiengängen Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik, sowohl in den Bachelor- als auch Masterstudiengängen,
  • Ausbau der Kapazitäten in den Universitäten für das Lehramt an berufsbildenden Schulen / Sozialpädagogik,
  • Promotionsprogramme zur Gewinnung professoralen Nachwuchses für die o.g. Studiengänge.

Gleichzeitig sind endlich die Rahmenbedingungen in den Kitas der heutigen und der zukünftigen Situation anzupassen. Kitas sind keine kleinen Kindergärten mehr und stehen vor anderen Herausforderungen als vor 30 Jahren.

Bessere Fachkraft-Kind-Schlüssel, ausreichend Leitungsressourcen und Fachberatung müssen Standard sein, um gute Bildungs- und Erziehungsarbeit zu gewährleisten und auch um das Lernen der Fachkräfte begleiten zu können.

Doch bislang ist von einer großangelegten Kampagne für einen dauerhaften Ausbau der Ausbildung nichts zu hören. Für alle anderen Branchen wird auf dem Hintergrund der Digitalisierung von notwendigen Aus- und Weiterbildungserfordernissen gesprochen. Für diese werden in erheblichem Maße öffentliche Gelder bereitgestellt. Für die Bildung und Erziehung von Kindern scheinen jedoch zukünftig Assistenz- und Hilfskräfte zu reichen.

So laufen wir sehenden Auges in die Zukunft – in eine neue Bildungskatastrophe!

Lena Grüber: Kita digital? Kleinkinder und Technik. Vortrag auf der re:publica 19. Mai 2019. Online unter: https://19.re-publica.com/de/member/18901

Artikel erschienen in der TPS Theorie und Praxis in der Sozialpädagogik spezial Sonderheft Herbst 2019. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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