Sozial- und Erziehungsdienst

Mehr Qualität braucht mehr Qualität

Kasseler Konferenz

Mehr Qualität braucht mehr Qualität

Anforderungen im Sozial- und Erziehungsdienst steigen. Deshalb müssen sich auch Bezahlung und Arbeitsbedingungen verbessern. Kasseler Konferenz diskutiert Positionen und Aktionen.
Menschen ver.di Kasseler Konferenz des Sozial- und Erziehungsdienstes 2019

Die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst geben sich nicht mehr mit schlechten Arbeitsbedingungen zufrieden. »Mehr braucht mehr« ist ihr Motto. Wenn Arbeitgeber und Politik mehr qualitativ hochwertige Leistungen in den Kindertagesstätten, in der Jugend- und Behindertenhilfe und in der Sozialen Arbeit verlangen, fordern auch die Kolleginnen und Kollegen mehr: vor allem eine bessere Personalausstattung und die weitere finanzielle Aufwertung ihrer Tätigkeiten. Das war der Tenor der Kasseler Konferenz, zu der am Freitag und Samstag (15./16. November 2019) ver.di-Aktive aus den Fachbereichen Gemeinden und Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen zusammenkamen.

»Die Aufwertung geht weiter«, stellte die Leiterin des ver.di-Fachbereichs Gemeinden und stellvertretende ver.di Bundesvorsitzende, Christine Behle, in Kassel klar. 2009 und 2015 haben die Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes mit wochenlangen Streiks höhere Eingruppierungen und andere Verbesserungen durchgesetzt. Doch die nötige Aufwertung dieser gesellschaftlich so wichtigen Berufe ist noch nicht erreicht – weder in Bezug auf die Bezahlung noch auf die Arbeitsbedingungen. »Wir brauchen weiter einen langen Atem«, appellierte Behle an die rund 150 Kolleginnen und Kollegen, die aus dem ganzen Bundesgebiet nach Nordhessen gereist waren.

Die politisch Verantwortlichen redeten zwar viel über die Bedeutung frühkindlicher Bildung, sie ließen dem jedoch kaum Taten folgen, kritisierte Behle. Deshalb werde die Gewerkschaft bei der anstehenden Auseinandersetzung verstärkt die Politik in die Verantwortung nehmen. Auch die Öffentlichkeit soll noch intensiver einbezogen werden, um gesellschaftliche Unterstützung für die Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe zu mobilisieren. Erste Evaluationsgespräche über die Umsetzung und offenen Fragen des 2015 geschlossenen Tarifkompromisses starten bereits in den nächsten Tagen. Reguläre Tarifverhandlungen beginnen am 5. März 2020. Gut möglich, dass ver.di die Verhandlungen mit einem bundesweiten Aktionstag begleiten wird. »Die Qualität der pädagogischen und sozialen Arbeit hängt ganz wesentlich von den Betreuungsschlüsseln ab. Und um genug Fachkräfte zu gewinnen, braucht es eine adäquate Bezahlung«, erläuterte Behle. Deshalb habe die Gesellschaft als Ganzes ein Interesse daran, die Bedingungen gemeinsam mit den Beschäftigten zu verbessern.

TVöD ist Leitwährung

Dass dies nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch bei den vielen freien Trägern notwendig ist, machte Sylvia Bühler deutlich, die im ver.di-Bundesvorstand für das Gesundheits- und Sozialwesen zuständig ist. Die Tariflandschaft in diesem Bereich ist extrem zersplittert: Während ein Teil der Belegschaften mittelbar oder unmittelbar vom Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) profitiert, gelten anderswo Haustarifverträge, kirchliche Arbeitsvertragsrichtlinien oder überhaupt keine Regelungen. »Wir wollen die Tarifbindung stärken – bei allen Trägern, auch bei den Kirchen«, betonte Bühler. »Und wir achten bei jedem Tarifabschluss darauf, dass wir den Abstand zum TVöD verringern, denn der TVöD ist und bleibt unsere Leitwährung.«

Diesem Ziel ist ver.di zuletzt vielerorts nähergekommen. So konnte die Gewerkschaft beispielsweise bei der Arbeiterwohlfahrt in Mecklenburg-Vorpommern einen Stufenplan zur Angleichung der Bedingungen an den TVöD erreichen. Im AWO-Regionalverband Mitte-West-Thüringen haben die Beschäftigten durch Aktionen Gehaltssteigerungen von über 20 Prozent durchgesetzt und die Differenz zum Flächentarif damit ein gutes Stück verkleinert. Zuvor hatte der Arbeitgeber eine Vereinbarung mit der »Gewerkschaft« DHV angewandt, deren Tariffähigkeit derzeit vor Gerichten überprüft wird. Dass es auch in kirchlichen Betrieben möglich ist, Tarifverträge auf dem Niveau des öffentlichen Dienstes zu erreichen, zeigt die Diakonie in Niedersachsen. Nach dem kürzlich erzielten Tarifabschluss liegen die Eingangs-Entgeltgruppen für Erzieher*innen, Kinderpfleger*innen und Sozialarbeiter*innen dort noch über dem TVöD.

Trotz dieser Erfolge – die Durchsetzung guter Tarifstandards bei Wohlfahrtsverbänden und kommerziellen Trägern ist laut Bühler »mühsame Kleinarbeit«. Erschwert wird diese durch die teilweise unzureichende Refinanzierung der Leistungen. Deshalb setze sich ver.di weiterhin auch auf politischer Ebene für eine Aufwertung und auskömmliche Finanzierung des Sozial- und Erziehungsdienstes ein.

Bundesweit verbindliche Personalstandards gefordert

Frank Werneke am Mikro ver.di Der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke bei der Kasseler Konferenz 2019

Ihre zentralen Forderungen hielten die Teilnehmer*innen in einer Kasseler Erklärung (PDF) fest – eine Tradition der fachbereichsübergreifenden Tagung, die bereits zum zwölften Mal stattfand. Sie forderten darin die Bezahlung aller Ausbildungsgänge, die bessere Bewertung ihrer Tätigkeiten, wirksame Regelungen zum Gesundheitsschutz, Gestaltungsspielraum bei der Arbeitszeit sowie »bundesweite, verbindliche Mindeststandards zur Absicherung rechtskonformer Arbeitsbedingungen«.

Dass die beiden letzten Forderungen zusammengehören, zeigte die Diskussion über die ver.di-Arbeitszeitumfrage, an der sich etwa 210.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes und fast 18.000 Kolleg*innen in freigemeinnützigen oder kommerziellen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens beteiligt haben. Schon die hohe Beteiligung zeigt, dass das Thema vielen unter den Nägeln brennt. In den Ergebnissen wird deutlich, dass insbesondere ältere Beschäftigte ein großes Interesse an kürzeren Arbeitszeiten haben. 56 Prozent der Befragten wären sogar bereit, dafür auf Tariferhöhungen zu verzichten. Doch aus Sicht der Beschäftigten gibt es – das wurde bei den Diskussionen im Rahmen eines »World Cafés« deutlich – eine entscheidende Voraussetzung: Die Arbeit darf sich dadurch nicht weiter verdichten. Entscheidend seien verbindliche und bedarfsgerechte Personalstandards, so der Tenor. Dadurch könnten auch die Attraktivität der Berufe erhöht und in Zukunft genug Fachkräfte gewonnen und gehalten werden.

Der im September gewählte ver.di-Vorsitzende Frank Werneke zeigte sich von der Entschlossenheit der in Kassel versammelten Kolleg*innen beeindruckt. »Das Motto `Mehr braucht mehr´ ist eine selbstbewusste Botschaft. Und ich bin mir sicher: Wir werden gemeinsam mehr erreichen.« Das bedeute auch, mehr Beschäftigte in ver.di zu organisieren, um noch durchsetzungsfähiger zu werden. »Damit der Teufelskreis aus Überlastung, unzureichender Bezahlung und Fachkräftemangel endlich durchbrochen wird.«

Kasseler Erklärung 2019

Mehr Qualität braucht mehr Qualität.

Beschäftigte der Sozial- und Erziehungsdienste fordern deutliche Verbesserungen der Arbeits- und Lohnbedingungen, mehr Personal und die verstärkte Ausbildung von Fachkräften.

Auf der 12. Kasseler Konferenz der Gewerkschaft ver.di haben 150 Kolleg*innen aus dem Sozial- und Erziehungsdienst darüber beraten, wie ihre zunehmend problematischen Arbeitsbedingungen verbessert werden können. Dazu wurden die bevorstehenden Tarifauseinandersetzungen ebenso wie die betrieblichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beraten. Vor besondere Herausforderungen stellt uns der flächendeckende Fachkräftemangel, der in allen Berufen unserer Arbeitsfelder, durch massive, jahrelange Versäumnisse der Verantwortlichen entstanden ist.

Trotz unzureichender Personalschlüssel haben wir in den zurückliegenden Jahren die Arbeitsfähigkeit der Einrichtungen und Dienste, der Kitas, Jugendämter, Sozialen Dienste und Leistungserbringer, der Jugend- und Behindertenhilfeeinrichtungen sowie Werkstätten gewährleistet. Die Ausweitungen von Aufgaben, Angeboten und Ansprüchen haben wir - nicht ohne Folgen - geschultert. Die Belastungen sind enorm und viele von uns werden krank oder können vorzeitig ihren Beruf nicht mehr ausüben.

Nachdem über Jahrzehnte im Sozial- und Erziehungsdienst Fachkräfte im Überfluss vorhanden schienen und vielmals mit geringer Wertschätzung behandelt wurden, ist die flächendeckende Fachkräftenot allerorten Realität. Zeitgleich wird von hochwertiger Bildung, der Einführung eines Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung und Inklusion gesprochen. Damit sind Ansprüche formuliert für die das vorhandene Personal bei weitem nicht ausreicht.

Höchste Zeit zu handeln!

Um ausreichend Menschen für unsere Tätigkeitsbereiche zu begeistern, muss die Arbeit im Sozial- und Erziehungsdienst attraktiver gemacht und die Qualifikation unserer Berufe gesichert und weiterentwickelt werden. Die aktuellen Vorstöße auf Bundes- und Landesebene zur Einführung geringer qualifizierender Ausbildungen sind Schritte in die falsche Richtung. Es geht hier um nicht weniger als die Ausgestaltung grundlegender Lebensbedingungen mit weitreichenden Auswirkungen für Kinder, Jugendliche und Familien und damit die gesamte Gesellschaft. Mehr Not braucht mehr Engagement: betrieblich, tariflich, politisch!

Darum engagieren wir uns in den Einrichtungen und Diensten sowie in der Öffentlichkeit für:

  • Die Bezahlung von Ausbildung,
  • Die bessere Bewertung unserer Tätigkeiten,
  • Gestaltungsspielraum für uns Beschäftigte bei der Arbeitszeit,
  • Regelungen zum Gesundheitsschutz die mehr Wirkungskraft haben und
  • Bundesweite, verbindliche Mindeststandards zur Absicherung rechtskonformer Arbeitsbedingungen.

Nur so kann endlich Entlastung erreicht werden.

Mehr Entlastung für uns braucht mehr Druck von uns!

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